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Frühling; aber bald zogen sich Lichtstreife durch den Nebel, dann bunte Schönheitlinien, und zuletzt war der ganze Schlaf um mich mit den hellen Bildern des Traums übermalt.

Mir träumte, ich stehe in der zweiten Welt: um mich war eine dunkelgrüne Aue, die in der Ferne in hellere Blumen überging und in hochrote Wälder und in durchsichtige Berge voll Goldadernhinter den kristallenen Gebirgen loderte Morgenrot, von perlenden Regenbogen umhangenauf den glimmenden Waldungen lagen statt der Tautropfen niedergefallene Sonnen, und um die Blumen hingen, wie fliegender Sommer, Nebelsterne.... Zuweilen schwankten die Auen, aber nicht von Zephyrn, sondern von Seelen, die sie mit unsichtbaren Flügeln bestreiften. – – Ich war der zweiten Welt unsichtbar; unsere Hülle ist dort nur ein kleiner Leichenschleier, nur eine nicht ganz gefallene Nebelflocke.

Am Ufer der zweiten Welt ruhte die Heilige Jungfrau neben ihrem Sohne und schaute auf unsere Erde herab, die unten auf dem Totenmeere schwamm mit ihrem engen Frühling, klein und hinabgesenkt und nur vom Widerschein eines Widerscheins düster beschienen und jeder Welle nachirrend. Da machte die sehnsucht nach der alten geliebten Erde Mariens zarte Seele weicher, und sie sagte mit schimmernden Augen:"O Sohn, mein Herz schmachtet weinend nach meinen teuern Menschenziehe die Erde herauf, damit ich den geliebten Geschwistern wieder nah in das Auge blicken kann; ach, ich werde weinen, wenn ich lebendige sehe."

Christus sagte: "Die Erde ist ein Traum voll Träume; du musst entschlafen, damit dir die Träume erscheinen können."

Maria antwortete: "Ich will gern entschlafen, damit ich die Menschen träume." – Christus sagte: "Was soll dir der Traum zeigen?"

"O, die Liebe der Menschen zeig' er mir, Geliebter, wenn sie sich wieder finden nach einer schmerzlichen Trennung" – – und indem sie es sagte, stand der Todesengel hinter ihr, und sie sank mit zufallenden Augen an seine kalte Brust zurückund die kleine Erde stieg erschüttert herauf, aber sie wurde kleiner und bleicher, je näher sie kam.

Der Wolkenhimmel der Erde spaltete sich, und der zerrissene Nebel entblösste die kleine Nacht auf ihr; denn aus einem stummen Bache schimmerten einige Sterne der zweiten Welt zurück; die Kinder schliefen sanft auf der zitternden Erde und lächelten alle, weil ihnen im Schlummer Maria in mütterlicher Gestalt erschien. – – Aber in dieser Nacht stand eine Unglücklichein ihrer Brust waren keine Klagen mehr, nur noch Seufzerund ihr Auge hatte alles verloren, sogar die Tränen. Du arme! blicke nicht nach Abend an das überflorte Trauerhausblicke nie mehr nach Morgen auf den Gottesacker, an das Totenhaus! Wende nur heute dein geschwollenes Auge ab vom Totenhause, wo dich eine schöne Leiche zerrüttet, die unverschlossen im Nachtwind steht, damit sie früher erwache als im grab! – Aber nein, Beraubte, blicke nur hin auf deinen Geliebten, eh' er zerfällt, und fülle dich mit dem ewigen Schmerz.... Da jetzt ein Echo im Gottesacker zu reden anfing, das die sanften Klaggesänge des Trauerhauses nachstammelte: o, da riss dieses gedämpfte Nachsingen, wie von Toten, das ganze Herz der Gebeugten auseinander, und alle unzähligen Tränen flossen wieder durch das wunde Auge, und sie rief ausser sich: "Rufst du mich, du Stummer, mit deinem kalten mund? O Geliebter, redest du noch einmal deine Verlassene an? – Ach sprich, nur zum letzten Male, nur heute!.. Nein, drüben ist es ganz stummnur die Gräber tönen nachaber die armen Überdeckten liegen taub darunter, und die zerbrochne Brust gibt keinen Ton."

Aber wie schauderte sie, als das Trauerlied aufhörte und der Nachhall der Gräber allein fortsprach! – Und ihr Leben wankte, als das Echo näher ging, als ein Toter aus der Nacht trat und die bleiche Hand ausstreckte und ihre nahm und sagte: "Warum weinest du, Geliebte! wo waren wir so lange? – Mir träumte, ich hätte dich verloren." – Und sie hatten sich nicht verloren. – Aus Mariens geschlossenem Auge drang eine Freudenträne, und eh' ihr Sohn den Tropfen weggenommen, war die Erde wieder zurückgesunken mit den beiden neuen Beglückten.

Auf einmal stieg ein Funke aus der Erde herauf, und eine fliegende Seele zitterte vor der zweiten Welt, als ob sie zögere hinaufzugehen. Christus hob die entfallene Erdkugel wieder auf, und das Körpergewebe, aus dem die Seele geflogen war, lag noch mit allen Wundenmalen eines zu langen Lebens auf der Erde. Neben dem gefallnen Laube des Geistes stand ein Greis, der die Leiche anredete: "Ich bin so alt wie du; warum soll ich denn erst nach dir sterben, du treues, gutes Weib? Jeden Morgen, jeden Abend werde' ich nachrechnen, wie tief dein Grab, wie tief deine Gestalt eingefallen ist, ehe meine neben dich sinkt... Oh! wie bin ich allein! jetzt hört mich nichts mehr; und sie nicht; – aber morgen will ich ihr und ihren treuen Händen und ihren grauen Haaren mit einem solchen Schmerz nachsehen, dass er mein schwaches Leben schliesst. – – O du Allgütiger, schliess es lieber heute, ohne den grossen Schmerz!" – – Warum legt sich noch im Alter, wo der Mensch schon so gebückt und müde ist, noch auf den untersten Stufen der Gruft das Gespenst