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Altare und sagten: "Jesus! haben wir keinen Vater?" – Und er antwortete mit strömenden Tränen: "Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater."

Da kreischten die Misstöne heftigerdie zitternden Tempelmauern rückten auseinanderund der Tempel und die Kinder sanken unterund die ganze Erde und die Sonne sanken nachund das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermesslichkeit vor uns vorbeiund oben am Gipfel der unermesslichen natur stand Christus und schaute in das mit tausend Sonnen durchbrochne Weltgebäude herab, gleichsam in das in die ewige Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstrassen wie Silberadern gehen.

Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel schwimmende Lichter auf die Wellen streuet: so hob er gross wie der höchste Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermesslichkeit und sagte: "Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? – Zufall, weisst du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorübergehest? – Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir – O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, dass ich an ihr ruhe? – Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?.....

Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der natur oder nur sein Echoein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf euere Erde hinab, und dann entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder. – Schaue hinunter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehenNebel voll Welten steigen aus dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der fallende. – Erkennst du deine Erde?"

Hier schaute Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und er sagte: "Ach, ich war sonst auf ihr: da war ich noch glücklich, da hatte' ich noch meinen unendlichen Vater und blickte noch froh von den Bergen in den unermesslichen Himmel und drückte die durchstochne Brust an sein linderndes Bild und sagte noch im herben tod: 'Vater, ziehe deinen Sohn aus der blutenden Hülle und heb ihn an dein Herz!'... Ach ihr überglücklichen Erdenbewohner, ihr glaubt Ihn noch. Vielleicht gehet jetzt euere Sonne unter, und ihr fallet unter Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und hebet die seligen hände empor und rufet unter tausend Freudentränen zum aufgeschlossenen Himmel hinauf: 'auch mich kennst du, Unendlicher, und alle meine Wunden, und nach dem tod empfängst du mich und schliessest sie alle.' ... Ihr Unglücklichen, nach dem tod werden sie nicht geschlossen. Wenn der Jammervolle sich mit wundem rücken in die Erde logt, um einem schönern Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegenzuschlummern: so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternachtund es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater! – Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst hast du Ihn auf ewig verloren."

Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte: sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das WeltenAll gelagert hatteund die Ringe fielen nieder, und sie umfasste das All doppeltdann wand sie sich tausendfach um die naturund quetschte die Welten aneinanderund drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammenund alles wurde eng, düster, bangund ein unermesslich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern.... als ich erwachte.

Meine Seele weinte vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnteund die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen mond zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.

Zweites Blumenstück

Der Traum im Traum87

Erhaben stand der Himmel über der Erde; ein Regenbogen hob sich, wie der Ring der Ewigkeit, über den Morgenein gebrochenes Gewitter zog über Wetterstangen mit einem müden Donnern unter die farbige Edenpforte in Ostenund die Abendsonne schaute, wie hinter Tränen, mit einem milden Lichte dem Gewitter nach, und ihre Blicke ruhten am Triumphbogen der natur.... Ich spielte mit meinem Entzücken und schloss überfüllt die Augen zu und sah nichts mehr als die Sonne, die warm und lodernd durch die Augenlider drang, und hörte nichts mehr als das weichende Donnern. – – Da fiel endlich der Nebel des Schlafs auf meine Seele und überdeckte mit seinem grauen Gewölke den