ruhte in Gestalt einer Bahre auf dem Dach, und eine Hand streckte sich aus ihr heraus, und ein zunächst an der Wolke blinkender Stern schien gleichsam auf die in die Nebelbahre gelegte Gestalt über der Stelle des Herzens als eine schmükkende weisse Blüte gesteckt.
"Es ist nichts", sagte Firmian, "wie eine Wolke. Wir wollen aufs Haus losgehen: so wird sie sich verstecken." So hatte' er den schönsten Vorwand, ihr das blühende Miniatur-Eden auf dem grab einzuhändigen. Sie war kaum zwanzig Schritte hinaufwärts geschleppet, so wurde die Bahre vom haus verbauet. "Was blüht denn da?" sagte der Rat. "Ei!" rief Firmian, "wahrhaftig, weiss- und rote Rosen und Vergissmeinnicht, Frau!" Sie blickte zitternd, zweifelnd, forschend auf diese mit einem Strausse bestreuete Ruhebank des Herzens, auf den Altar, unter dem das Opfer liegt. "Es ist schon gut, Firmian," sagte sie, "ich kann nichts dafür, aber du hättest es nicht tun sollen – willst du mich denn immerfort quälen?" Sie fing an zu weinen und drückte die strömenden Augen auf Stiefels Arm. –
Denn sie, die in nichts so fein war als im Argwohn, hatte geglaubt, es sei der seidne Strauss aus ihrer Kommode, und der Mann wisse um die Schenkung von Rosa und habe mit der Pflanzung der Blumen auf das Grab einer Kindbetterin entweder ihre Kinderlosigkeit oder sonst sie selber zum Gespött. Er musste ebenso verwirrt als verwirrend werden bei den gegenseitigen Irrtümern; er musste fremde bestreiten und eigne ablegen; denn nun vernahm er erst von Lenetten, dass Rosa ihr die ausgelösten Seidenblumen längst eingehändigt. An der grünen Distel des Misstrauens in ihre Liebe schlugen jetzt einige Blüten aus; denn nichts tut weher, als wenn eine geliebte person uns zum ersten Male etwas verbirgt, und wär' es eine Kleinigkeit. Der Advokat war sehr missmutig über das Verbittern der Rührung, worein er sich und andere zu bringen gedacht. Seine an sich schon zu künstliche welsche Blumensaat hatte der böse Feind des Zufalls durch Einstreuen welschen Unkrauts aus Bosheit und zur Strafe noch krauser verkünstelt und verkröpft; und man hüte sich daher, den Zufall zum Dienste des Herzens zu mieten.
Der verlegne Rat tat die Verlegenheit seines Urteils durch einige warme Flüche über den Venner kund; er wollte letzlich einen Friedenkongress zwischen den sinnenden Eheleuten eröffnen und riet Lenetten an, dem Mann die Hand zu geben und sich auszusöhnen. – Aber dazu brachte sie nichts; nach langem Zaudern bekannte sie: sie wolle schon; aber nur, wenn er die hände gewaschen hätte. Die ihrigen fuhren aus Ekel krampfhaft zurück vor zweien Handhaben eines Totenkopfs. –
Der Schulrat nahm beiden Menschen die Sturmfahne ab und hielt eine Friedenpredigt, die warm aus dem Herzen kam – er stellt' ihnen den Ort vor, wo sie wären, unter lauter Menschen, die schon gerichtet wären, und neben den Engeln, die an den Gräbern der Frommen Wache ständen – er führte an, die zu ihren Füssen verwesende Mutter mit dem Säugling im Arm, deren ältestem Sohn er nach Schellers Prinzipien das Lateinische beibringe, mahne sie gleichsam an, bei ihrem friedlichen Hügel nicht über Blumen zu hadern, sondern sie davon als Ölzweige des Friedens zu nehmen.... Sein teologisches Weihwasser sog Lenettes Herz durstiger ein als das reine philosophische Alpenwasser Firmians, und des letzten erhebende Gedanken über den Tod schossen über ihre Seele ohne Eingang hinweg. – Die Versöhnopfer wurden gebracht und die gegenseitigen Ablassbriefe ausgewechselt; indessen nimmt ein solcher Friede, den ein Dritter zwischen zweien schliesset, immer ein wenig die natur eines Waffenstillstandes an. – Seltsam genug erwachten beide am Morgen mit Tränen in den Augen, konnten aber durchaus nicht angehen, von welchen Träumen die Tropfen zurückgeblieben, ob von freudigen oder von trüben .
Erstes Blumenstück
Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab,
dass kein Gott sei86
Vorbericht
Das Ziel dieser Dichtung ist die Entschuldigung ihrer Kühnheit. Die Menschen leugnen mit ebensowenig Gefühl das göttliche Dasein, als die meisten es annehmen. Sogar in unsere wahren Systeme sammeln wir immer nur Wörter, Spielmarken und Medaillen ein, wie Geizige Münzkabinetter; – und erst spät setzen wir die Worte in Gefühle um, die Münzen in Genüsse. Man kann zwanzig Jahre lang die Unsterblichkeit der Seele glauben – – erst im einundzwanzigsten, in einer grossen Minute, erstaunt man über den reichen Inhalt dieses Glaubens, über die Wärme dieser Naphtaquelle.
Ebenso erschrak ich über den giftigen Dampf, der dem Herzen dessen, der zum erstenmal in das ateistische Lehrgebäude tritt, erstickend entgegenzieht. Ich will mit geringern Schmerzen die Unsterblichkeit als die Gotteit leugnen: dort verlier' ich nichts als eine mit Nebeln bedeckte Welt, hier verlier' ich die gegenwärtige, nämlich die Sonne derselben; das ganze geistige Universum wird durch die Hand des Ateismus zersprengt und zerschlagen in zahlenlose quecksilberne Punkte von Ichs, welche blinken, rinnen, irren, zusammen- und auseinanderfliehen, ohne Einheit und Bestand. Niemand ist im All so sehr allein als ein Gottesleugner – er trauert mit einem verwaiseten Herzen, das den grössten Vater verloren, neben dem unermesslichen Leichnam der natur, den kein Weltgeist regt und zusammenhält, und der im grab wächset; und er trauert so lange, bis er sich selber abbröckelt von der Leiche. Die ganze Welt ruht vor ihm wie die grosse, halb im Sande liegende ägyptische Sphinx aus Stein; und das All ist die kalte eiserne