froh, die kleine Spielkrone hatte alle blutige Öffnungen seines Kopfes, von dem er die Dornenkrone ein wenig abgehoben, so weich zugedeckt und gestillt, wie Alexanders Diadem den blutenden Kopf des Lysimachus, dass er nichts wünschte, als die Nacht wäre so lange wie eine Polarnacht, weil sie ebenso heiter war. In solchen Augenblicken sind allen unsern Schmerzen die Giftzähne ausgebrochen, und allen Schlangen der Seele hat ein Paulus, wie denen auf Malta, die Zungen versteinert.
Als Stiefel fortwollte, hielt er ihn nicht, drang aber darauf, dass er sich von beiden begleiten liesse, nicht bis an ihre tür, sondern an seine. Sie gingen. Der aufgedeckte Himmel mit der Gassenbeleuchtung der Stadt Gottes durch Lampen aus Sonnen zog sie aus den engen Kreuzgängen des Marktfleckens in den ausgedehnten Schauplatz der Nacht hinaus, wo man gleichsam das Himmelblau atmet und die Ostwinde trinkt. Jedes Stubenfest sollte man schliessen und heiligen mit dem Kirchgang in den kühlen weiten Tempel, auf dessen Kirchengewölbe die Sternen-Musaik das ausgebreitete Heiligenbild des Allerheiligsten zusammensetzt. Sie schweiften umher, von vorauseilenden Frühlingwinden, die den Schnee von den Bergen spülen, erfrischet und gehoben; die ganze natur gab das Versprechen eines milden Winters, der die Hausarmen ohne Holz sanft über das finsterste Viertel des Jahrs hinüberführt und den nur der Begüterte verwünscht, weil er bloss den Schlitten und keinen Schnee bestellen kann.
Die zwei Männer führten gespräche, die der erhabnen Gestalt der Nacht gehörten; Lenette sagte nichts. Firmian bemerkte: "Wie nahe und wie klein liegen jetzt die jämmerlichen Austerbänke, die Dörfer, nebeneinander; wenn wir von einem Dorf zum andern reisen, so kommt uns der Steig so lang wie einer Milbe der ihrige vor, wenn sie sich auf der Landkarte vom Namen des einen Dorfs zu dem des andern wälzt. Und höhern Geistern mag wohl unsere Erdkugel ein Erdball für ihre Kinder sein, den der Hofmeister dreht und erklärt." "Aber es kann", sagte Stiefel, "ja noch kleinere Erden als unsere geben, und überhaupt muss etwas an unserer sein, da der Herr Christus für sie gestorben ist." – Das drang wie warmes Blut in Lenettens Herz. Firmian sagte bloss: "Für die Erde und die Menschen sind schon mehre Erlöser als einer gestorben – und ich bin überzeugt, Christus nimmt einmal mehre fromme Menschen bei der Hand und sagt: 'ihr habt auch unter Pilatussen gelitten'. Ja mancher Schein-Pilatus ist wohl gar ein Messias." Lenette besorgte heimlich, ihr Mann sei ein Ateist, wenigstens ein Philosoph. Er führte beide in Schlangen- und Schraubengängen dem Kirchhof zu. Aber auf einmal wurden seine Augen feucht, als wenn er durch einen tiefen Nebel ginge, da er an das überblümte Grab der Mutter und mitin an seine Lenette dachte, die keine Hoffnung gab, eine zu werden. Er suchte die Wehmut sich mit philosophischen Bemerkungen aus der Brust zu schaffen; daher sagt' er: Die Menschen und die Uhren stocken, solange sie aufgezogen werden für einen neuen langen Tag, und er glaube, der dunkle Zwischenraum, womit der Schlaf und der Tod unsere Zustände abteile und absondere, wende das zu grosse wachsende Leuchten einer idee, das Brennen nie gekühlter Wünsche und sogar das Zusammenfliessen von Ideen ab, so wie die Planetensysteme durch düstere Wüsten, und die Sonnensysteme durch noch grössere auseinander gehalten werden. Der menschliche Geist könne den unendlichen Strom von Kenntnissen, der durch die ewige Dauer rinnt, nicht fassen, wenn er ihn nicht in Absätzen und Zwischenräumen trinke – den ewigen Tag, der unsern Geist blenden würde, zerlegen Johannisnächte, die wir bald Schlaf, bald Tod nennen, in Tagzeiten und fassen seinen Mittag in Morgen und Abend ein.
Lenette wäre aus Furchtsamkeit lieber hinter der Gottesackermauer weggelaufen; sie wurde' aber hineingeführt. Firmian nahm mit der in sich geschmiegten Frau einen Umweg zum Strauss. Er warf die schmalen klaffenden knarrenden Messing-Türchen zu, die den frommen Vers und den kurzen Lebenslauf bedeckten. Sie kamen zu den der Kirche nähern vornehmen Gräbern, die wie ein Wassergraben um diese Festung liefen. Hier traten lauter steilrechte Grabmäler auf die stillen Mumien, und weiter hinauf oben ruhten nur liegende Falltüren auf liegenden Menschen. Er brachte einen knöchernen, im Freien schlafenden Kopf ins Rollen und hob mit beiden Händen – Lenette mocht' ihn immerhin bitten, sich nicht zu verunreinigen – diese letzte Kapsel eines vielgehäusigen Geistes auf und sah in die leeren Fensteröffnungen des zerstörten Lustschlosses und sagte: "Um Mitternacht sollte man sich auf die Kanzel drinnen stellen und diese skalpierte Maske des Ich auf das Kanzelpult statt der Sanduhr und Bibel legen und darüber predigen vor den andern noch in ihre Häute eingepackten Köpfen. wenn es die Leute nur tun wollten, so sollten sie meinen Kopf nach meinem Ableben schinden und in die Kirche, wie einen Heringkopf, an einem Seil, wie den Taufengel, aufhenken, damit die törichten Seelen einmal zu hinauf– und einmal hinabsähen, weil wir hängen und schweben zwischen dem Himmel und dem grab. In unsern Köpfen, Herr Rat, sitzt noch der Haselnusswurm; aber aus diesem kopf ist er schon verwandelt ausgeflogen, denn er hat Löcher und einen gepulverten Kern85."
Lenette erschrak über diese gottlose Lustigkeit so nahe neben Gespenstern; aber sie war nur eine verkleidete Erhebung. Auf einmal lispelte sie: "Dort schauet etwas über das Dach des Beinhauses herunter und richtet sich auf." Der Abendwind trug bloss eine Wolke höher, und sie