– die Gäste hatten die Quinterne, nämlich die 5 Treffer der 5 Sinne, aus den 90 Nummern oder 90 Jahren des Lebenslotto gezogen – jedes darbende Auge funkelte, und in Firmians Seele trieben die Knospen der Freude alle ihre Häute auseinander und schwollen blühend heraus – – Die tiefe Freude führt allezeit die Liebe an ihrer Hand, und Firmian sehnte sich heute unaussprechlich mit seinem freudetrunkenen schweren Herzen an Lenetten ihres, um an ihrer Brust alles zu vergessen, was ihm mangelte, oder auch ihr.
Alle diese Umstände wehten ihm einen sonderbaren Einfall in den Kopf. Er wollte nämlich das verpfändete seidene Blumenwerk heute auslösen und es draussen in irgendeine schwarze Stätte pflanzen, an die er Lenetten noch abends – und wär' es in der Nacht – scherzend führen wollte, um sie in ein schönes frohes Erstaunen über solche Blüten zu setzen. Er schlich sich auf den Weg zum Leihhaus; aber – da jeder Entschluss anfangs mit einem winzigen Funken in uns anfängt und mit breiten Blitzen beschliesset – so besserte er unterwegs den Vorsatz der Auslösung in den ganz andern um, sich wabre natürliche Blumen zu erhandeln und diese als ein Ziel in den nächtlichen Spazierweg einzustecken. Weisse und rote Rosen konnte' er aus dem Treibhause eines Hofgärtners des Fürsten von Öttingen-Spielberg, der erst in den Ort gezogen war, leicht bekommen. Er ging um die mit Blüten verhangnen steilrechten Glasdächer herum und zum Gärtner und – erhielt, was er wollte, bloss keine Vergissmeinnicht, die der Mann natürlich den Wiesen überlassen hatte. Und Vergissmeinnicht waren zur Ründe der liebevollen Illusion unentbehrlich. Er ging daher mit dem autentischen Herbstflor zur Taxatrizin, in deren Händen seine Seidenpflanzen waren, um die toten tauben Kokons-Vergissmeinnicht in lebende Rosen einzubinden. Als er hinkam und die Frau darum anging: vernahm er staunend, in seinem Namen habe das Pfand schon der Hr. v. Meiern eingelöset und mitgenommen und ein so grosses Pfandgeld dagelassen, dass sie sich bei dem Advokaten noch heute bedankte. Es gehörte der ganze Widerstand eines mit Liebe gestärkten Herzens dazu, dass er dem Venner nicht noch heute mit einem Sturm über den krieglistigen Pfandraub ins Haus lief, weil er kaum den – freilich irrigen und nur durch Lenettens Verschweigen der Übergabe erzeugten – Gedanken aushalten konnte, dass zwischen Rosas diebischen Ringfingern das schöne Pfand seiner reinen Liebe blühe. Auch die schuldlose Betrogne, die Taxatrizin, wäre anzufahren gewesen an einem andern, nicht so liebund freudevollen Tage; aber Firmian fluchte bloss im allgemeinen, um so mehr, da die höfliche Frau ihm auf sein Bitten fremde Seidenvergissmeinnicht zuzuführen hatte. – Auf der Gasse war er mit sich über die Pflanzstatt der Blumen streitig; er wünschte, er hätte in der Nähe ein frisch aufgeackertes Beet mit Modererde vor sich, deren dunkler Grund das Blumenrot und Blumenblau erhöhe. Endlich sah er ein Feld, das im Winter und Sommer und in der grössten Kälte zu Beeten aufgerissen wird – den Gottesacker, der nebst seiner Kirche ausserhalb des Orts von einem Hügel wie ein Weinberg herabhing. Er schlich oben durch ein Hintertor hinein und sah einen frisch aufgeworfnen Grenzhügel des beschlossenen Lebens; er war gleichsam vor die Triumphpforte gewälzt, durch die eine Mutter mit ihrem neugebornen kind auf dem Arm in die hellere Welt gegangen war. Auf diese Bahre aus Erde steckt' er die Blumen wie einen Totenkranz und ging nach Haus.
Man hatte' ihn kaum in der glücklichen Gesellschaft vermisset, die in ihrem mit fremden Bestandteilen gefüllten Elemente wie betäubte Fische schwamm, gleichsam gelähmt vom Gifte der Lust; Stiefel blieb vernünftig und sprach mit der Frau. Es ist der Welt schon aus dem ersten Teile bekannt – und den Leuten im haus sonst –, dass Firmian gern aus seiner Gesellschaft weglief, um sich mit grösserer Lust wieder in sie zu werfen, und dass er sein Vergnügen unterbrach, um es zu schmecken, wie Montaigne sich aus dem Schlafe wecken liess, um ihn zu empfinden; er sagte also bloss, er sei nur draussen gewesen.
Endlich verliefen die lautesten Wellen, und es blieb nichts in der Ebbe zurück als drei Perlenmuscheln, unsere drei Freunde. Firmian blickte die glänzenden Augen Lenettens mit zärtlichen an, denn er liebte sie darum mehr, weil er ihr – eine Freude aufhob. Stiefel wurde von einer so reinen und tugendhaften Liebe ausgewärmt, dass er sie ohne groben logischen Verstoss für wahre Mitfreude erklären konnte, besonders da seine Liebe für die Frau der Liebe für den Mann nicht Fesseln, sondern Flügel anlegte. Der Schulrat war bloss auf der umgekehrten Seite in Angst, ob er seine Freude und Liebe auch feurig genug ausbrechen lasse; er drückte daher die hände der Eheleute mehrmal und zwischen seine beiden gelegt – er sagte, er merke sonst wenig auf Schönheit, aber heute hab' er es mit Absicht getan, weil der Armenadvokatin die ihrige so gut gestanden unter den arbeiten und besonders unter so vielen gemeinen Weibern, die er deshalb auch gar nicht einmal angeblickt – er versicherte dem Advokaten, er sehe' es ordentlich für eine vermehrte Freundschaft gegen ihn selber an, was er liebes für die brave Frau tue, und dieser versprach er, seine Zuneigung, die er ihr schon in der Kutsche auf dem Wege von Augsburg durch seine Reden bewiesen, desto mehr zu verstärken, je mehr sie seinen Freund und dadurch ihn selber liebhabe.
In diesen Freudenbecher Lenettens warf Firmian natürlicherweise keine Kelchvergiftung durch die in seinen Augen neue Nachricht, dass der Venner die seidnen Blumen erobert habe: er war heute so