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unsern Tellern schicken." Und er antiphonierte: "Meinetwegen nicht, ich lobe dich eher deswegen." So gestaltete er seinen Wunsch in ein fremdes Verdienst um. Firmian hatte Kenntnis des Menschen, nicht der Menschener war bei jedem neuen weib verlegen, aber nicht bei einem altenwusste genau, wie man unter gebildeten Leuten sprechen, gehen, stehen müsse, bracht' es aber nicht nachnahm jede fremde äussere und innere Unbehülflichkeit wahr und behielt seinewurde, wenn er seine Bekannten Jahre lang mit Welt und Überlegenheit behandelt hatte, erst auf Reisen innen, dass er, unähnlich dem Weltmann, über Unbekannte nichts vermöge. – – Was soll ich viel Worte machen? Er war ein Gelehrter. –

Inzwischen wär' er doch vor dem Sonntage, mit allen seinen Friedenpredigten und Friedenverträgen in der Brust, wieder in einen häuslichen Frosch- und Mäusekrieg unversehens hineingetappt. Es ist nämlich Tatsache, aus seinem eignen mund entnommen, dass er, als Lenette unaufhörlich ihre hände und arme und damit zugleich hundert andere Sachen wusch, obgleich mehr mit kaltem wasser, weil unmöglich in einem fort warmes dazu dastehen konnte, dass er, sag' ich, weiter nichts mit der allersanftesten stimme in der Welt tat als die wahrhaft freudige Frage: "Das kalte wasser erkältet dich also gar nicht?" – "Nein", sagte sie in einem gedehnten Tone. "Warm macht dichs vielmehr?" fuhr er fort. "Ja":, sagte sie in einem abgeschnappten. Sitten- und Seelenlehrer sind wider mein Erwarten sehr zurück, sowohl in der allgemeinen Seelengeschichte als in der besonderen dieses buches, welche sich über die halbgrollende Antwort auf eine so milde Frage besonders verwundern. Lenette wusste nämlich längst recht gut, dass der Advokat, gleich Sokrates, gewöhnlich mit den sanftesten Lauten, wie Sparter mit Flöten, seinen Krieg anfing, ja sogar fortführte, um gleich jenem, bei sich zu bleiben; sie besorgte daher auch diesesmal, dass der Flötentext eine Kriegerklärung gegen die weibliche Regierform entalte, die ihre Arbeitbezirke nach Waschwassern, wie das jetzige Bayern seine Landkreise nach Flüssen, einteilt. "Aus welcher Tonart", fluchte daher der Advokat öfters, "soll nun ein Ehemann sein Stück spielen, wenn zuletzt die weiche wie die harte klingt, frag' ich jeden?"

Aber diesesmal war er gerade mit der grössten Milde auf nichts Hartes ausgewesen, sondern auf eine Vorrede zu einem richtigen Erziehsystem kindlicher Leiber. Denn er fuhr nach ihrer Antwort fort: "Damit erfreuest du mich wahrhaft. Hätten wir Kinder, so sehe' ich, du würdest sie nach deiner Metode immer waschen, und zwar kalt und über den ganzen Leib; das aber stärkte, da es so wärmte." Sie hielt ohne alle Antwort bloss die hände zum Siegen gefaltet in die Höhe, wie jener biblische Prophet; denn ein kaltes Baden der Kinder war ihr nichts als ein Blutbad durch einen Herodes. Viel heller setzte jetzt Firmian seine Abhärt- und Abgleichmetode der Erziehung ins Licht; – viel heisser sträubte sich die Frau mit allem ihrem Gefieder dagegen auf, bis beide endlich durch gegenseitige, geschickte Entwicklung des männlichen und des weiblichen Erziehwesens weit genug gekommen wären, um als ein Paar Zephyrstürme gegeneinander aufzustehen, hätte nicht der Ehemann die Frage wie einen herrlichen Freischuss getan: "Wetter! haben wir denn Kinder? Warum machen wir uns denn voreinander selber lächerlich?" –

Lenette versetzte: "Ich sprach nur von fremden Kindern."

Also, wie gesagt, brach kein Krieg aus, sondern vielmehr der friedliche Sonntag herein samt den Gästen, die das halbierte warme Herz oder Schwein der babylonischen Hure oder des Kardinalprotektors gewinnen und verspeisen wollen. Es war überhaupt, als wenn jetzt ein günstiger Stern der drei Weisen auf diesem Haus voll Hausarme stehen wollte; denn schon Freitags zuvor hatte ein Sturmwind den halben Rats-Forst glücklicherweise eingerissen und für alle arme den Advent-Weg so glänzend mit Zweigen und den daran hangenden Bäumen überstreuet, dass die ganze Forstdienerschaft der Ährenlese einer solchen Weinernte nicht zu wehren vermochte; seit Jahren lag im Merbitzerschen haus nicht so viel Holz als am Sonntage, teils gekauftes, teils kühn geholtes.

Ist nun schon an sich ein Sonntag der Sonnen-, Mond- und Sternentag in einer Armenkaserne, wo der Mensch seine paar Bissen, seine paar Glanzkleider, seine zwölf Sitz- und zwölf Liegstunden hat und die nötigen Nachbarn zum Gespräch: so lässt sich wohl denken, wie vollends in Merbitzers haus der Sonntag aufgetreten, wo jedermann ein halbes Schwein schon so ausgemacht und umsonst im Maule hatte als vorher die Predigt im Ohr, weil der vornehmste Mietmann im haus die Kronfeierlichkeiten als SchützenSouverän nirgends begehen wollte als am Tische unter lauter Handwerkern.

Schon vor dem ersten Kirchengeläute war die alte Sabel da. Der Kronschatz des Schiesskönigs vertrug es ganz wohl, sie als Erbküchenmeisterin neben der Königin Lenette für einige Kreuzer und einige Nebenteller anzustellen. Der Königin selber kam jene überflüssig und wie eine Neben- oder zweite Königin vorund im Schachbrett bekommt wirklich ein König zwei Königinnen, wenn man eine Bauerfigur in die Dame bringt und er die erste Königin noch hat, was dasselbe ist, wenn es unter einem wahren Tronhimmel geschieht –; denn Lenette hätte als wahre homerische und grosskarolinische Fürstin am liebsten ganz allein gewaschen, gekocht und aufgesetzt. Der Schützen-Souverän selber verliess das laute staubende Tron- und Baugerüste des tages und durchstrich in einem Schanzlooper selig und frei die