ist dieses Soldatenspiel schon lange für Eleven im Schwung. War es denn aber Hrn. Villaume so wenig bekannt, dass diese Schulexerzitien, die er uns vorschlägt, schon längst von jedem guten kleinen Reichsfürsten eingeführet waren? Glaubt er denn, es ist etwas Neues, wenn ich ihn versichere, dass die Fürsten junge starke Kerle, sobald sie die heilige Länge haben, abholen und exerzieren lassen, um ihre Landeskinder mores, Stellung und alles zu lehren, was in der Kreuz- und Fürstenschule des staates erlernet werden muss? In der Tat verstehen oft in den winzigsten Fürstentümern und Reichsgauen die Soldaten alles, was zu wirklichen gehört: sie präsentieren ihr Gewehr, stehen aufrecht an Portalen und können rauchen, wenn nicht feuern, lauter Dinge, die ein Pudel leicht erlernt, aber ein Bauerntölpel schwer. Ich leit' es aus diesen Kriegübungen her, dass sich viele sonst gescheute Männer bereden liessen, die Vexier-Soldateska kleiner Reichsstände für eine wirkliche ernstafte zu halten, da sie doch sonst hätten sehen müssen, dass mit so kleinen Heeren weder ein kleines Land zu verteidigen noch ein grosses anzufallen sei und dass es auch dieses gar nicht brauche, weil in Deutschland die Parität der Religionen schon die Parität der Mächte vertritt. – Hunger, Frost, Blösse, Strapazen sind die Vorteile, welche Villaume durch das Soldatenspiel seinen Zöglingen als ebenso viele schulen der Geduld zu schaffen meint; das sind aber eben gerade die Vorteile, die die staates-Realschule für die obengedachten jungen Kerle und noch besser als Villaume gewinnt, und darauf zweckt ja alles ab. Es ist mir recht gut bekannt, dass häufig ein Drittel des Landes gar nicht zum Soldaten gemacht und mitin in nichts geübt wird; es ist aber auch das wahr, dass, wenn es nur einmal so weit gebracht ist, dass zwei Drittel des Landes die Flinte statt der Sense auf der Achsel haben, dass alsdann dem letzten Drittel, weil es beträchtlich weniger zu mähen, zu dreschen und zu leben hat, die gedachten Vorteile (des Hungers etc.) fast gratis zuwachsen, ohne dass das Drittel einen einzigen Schuss tut. Man vervielfältige nur in einem land – in einem Ländchen – in einer Land- – in einer Mark- – in einer Grafschaft die Kasernen in hinreichender Anzahl: so werden sich von selber die restierenden Häuser als Fuggereien und Wirtschaftgebäude um die Kasernen anlegen, ja als echte Klöster, worin die drei KlosterGelübde – es ist niemand Pater Provinzial als der Fürst – nicht sowohl abgelegt als gut gehalten werden.
Wir hören jetzt die zwei Reichsvikarien in ihre Behausung treten. Der Friseur züchtigt seine Frau mit nichts als mit dem Rapport der Sache und zeigt ihr den Hut. Der Advokat belohnte die seinige mit dem Kusse, den sie andern Lippen abgeschlagen. Sie machte ihm, wenn nicht mit der Erzählung, doch mit der Erzählerin eine Freude und versteckte überhaupt nichts als den italienischen Strauss und dessen Erwähnung – sie wollte seinen frohen Abend nicht trüben und ihn nicht auf die Schmerzen und Vorwürfe jenes andern bringen, wo sie es verpfändete. – Ich hatte mit vielen Lesern erwartet, Lenette werde die Botschaft der Tronbesteigung viel zu kaltsinnig aufnehmen – sie betrog uns alle: viel zu freudig tat sie's; aber aus zwei guten Gründen: sie hatte die Nachricht schon vor einer Stunde erhalten, und also hatte das erste weibliche Trauern über eine Freude der Freude darüber schon Platz gemacht; denn Weiber gleichen dem Wärmmesser, der in einer schnellen Wärme einige Grade sinket, eh' er um viele ordentlich steigt. Der zweite Grund, der sie so nachgiebig und teilnehmend machte, war ihr beschämendes Bewusstsein des vorigen Besuchs und des verhehlten Strausses; denn man ist oft hart, weil man stark war, und übt Duldung – weil man sie braucht. – Nun wünsch' ich der ganzen königl. Familie wohl zu schlafen und gesund im achten Kapitel zu erwachen.
Achtes Kapitel
Bedenklichkeiten gegen das Schuldenbezahlen – die
reiche Armut am Sonntag – Tronfeierlichkeiten –
welsche Blumen auf dem grab – neue
Distel-Setzlinge des Zanks
Siebenkäs, ein König und doch ein Armenadvokat und holzersparendes Mitglied, stand den Morgen als ein Mann auf, der, die Spesen etc. abgerechnet, bare 40 fl. frk. jede Stunde auf den Tisch legen konnte. Er genoss den ganzen Vormittag das für Tugendhafte mit einem besonderen Reize versetzte Vergnügen, Schulden abzutragen – erstlich beim Sachsen die Hausmiete – bei den Fleischern, Bäckern und andern Krankenwärtern unserer dürftigen Maschine die kleinen Duodezrechnungen. Denn er glich den vornehmsten Personen, die von den geringsten nur Lebenmittel borgen und kein Geld, wie manche Richter nur mit jenen, nicht mit diesem zu bestechen sind.
Dass er übrigens seine Schulden abführt, kann ihm keiner verdenken, der weiss, dass er von geringem oder gar keinem Herkommen ist. Von einem mann von stand erwartet man als seiner anständiger, dass er seine Zinsen nicht bezahle – wozu ihn schon die Kreuzzüge verbinden, in welchen seine ältern Ahnen mit dienten und folglich, bloss unter den Römischen Stuhl eingepfarret, nichts zu verzinsen brauchten –, am wenigsten seine Schuldposten. Denn einem Mann von feinem Ehrgefühle, z.B. einem Hofmann, etwas borgen, heisst dasselbe mehr oder weniger versehren. Diese Beleidigung seines Gefühls sucht der feine Mann zu verzeihen und will sich also die ganze Beleidigung samt ihren Umständen ganz aus dem Sinne schlagen; erinnert ihn der Beleidiger seines Ehrgefühls daran, so stellet er sich mit wahrer Feinheit, als wiss' er kaum