es strafen wollen, diese werden vollends nicht zu versöhnen sein, wenn ich fortfahre, weil sie aus Mallet73 wissen, dass sonst Leute, die wider fremden Willen küssten, durch Urtel und Recht Landes verwiesen wurden. – Ja viele jetzige Weiber beharren noch auf der Strenge der altdeutschen Pandekten und verweisen den Lippendieb – da in den Rechten74 Landesverweisung und Verstrickung an einen Ort einander ablösen und ersetzen – zwar nicht aus dem Zimmer, aber sie zwingen ihn doch, darin zu bleiben; auf ähnliche Art verurteilen sie einen Schuldner, dem sie ihr Herz gegeben, und ders gar behalten will, zum Einlager im Torus. –
Der aufspringende Rosa hatte nach seinem Fehlsprunge nichts zur Entschuldigung seines Fehlers mehr übrig als die Vergrösserung desselben – er umhalste demnach die marmorne Göttin.... Aber es steht mir eine Bemerkung im Weg, die ich vorher machen muss. Viele gute Schönen beschirmen nämlich ihr Versagen durch Gewähren; sie leisten, um sich für ihren tugendhaften Feldzug selber zu besolden, in kleinern Dingen keinen Widerstand, sie geben mehre Besitztümer und Verschanzungen von Kleidern und Worten preis, um geschickt dem Feinde – zuvorzukommen und zu begegnen, so wie kluge Kommandanten die Vorstädte abbrennen, um oben in ihrer Festung besser zu fechten. –
Ich machte diese Reflexion bloss, um zu bemerken, dass sie auf Lenetten gar nicht passe. Sie hätte mit ihrem engelreinen geist und Körper geradezu in den Himmel eintreten können, ohne sich erst umzukleiden; sie konnte ihr Auge, ihr Herz, ihren Anzug, alles mit hinauf nehmen, nur ihre Zunge nicht, die ungebildet und unbedachtsam war. Sie sträubte sich also gegen die Hausdieberei, die Everard an ihren Lippen verüben wollte, auf eine Art, die für einen so kleinen Obstdiebstahl zu ernstaft und zu unhöflich war, und die es nicht so sehr gewesen wäre, wenn Lenette sich des Schulrates grelle Weissagungen von Rosa hätte aus dem kopf so schlagen können.
Rosa hatte auf einen angenehmern Grad der Weigerung gerechnet. Seine Hartnäckigkeit half ihm nichts – gegen die grössere. Ein Mückenschwarm von leidenschaftlichen Entschlüssen sauste betäubend um ihn. Aber da sie endlich sagte – sie wirds vom Schulrat haben –: "Gnädiger Herr, es steht ja in den hl. Zehn Geboten, du sollt dich nicht lassen gelüsten nach deines nächsten Weib": so tat er aus dem Kreuzwege zwischen Liebe und Groll einen langen Sprung in seine – tasche und holte einen welschen Strauss heraus. "So nehmen Sie nur, Sie Hässliche, Unerbittliche, nur diese Vergissmeinnicht zum Angedenken – mehr begehr' ich beim Henker ja nicht!" Er hätte den Augenblick mehr begehrt, wenn sie ihn nahm; aber sie drückte wegsehend den seidnen Strauss mit zwei Händen zurück. Jetzt wurde die Honigwabe der Liebe in seiner Seele zu echtem Honigessig gesäuert; er wurde verflucht toll und warf die Blumen weit auf die Tafel hinüber und sagte: "Es sind Ihre versetzten Blumen selber – ich hatte sie ausgelöset bei der Taxatrizin – Sie müssen sie wohl behalten." – Nun wich er von dannen, verbeugte sich aber, und die wunde Lenette tats auch.
Sie nahm den giftigen Strauss und besichtigte ihn am helleren Fenster – ach ja wohl waren es die Rosen und die Rosenknospen, an deren Eisendornen gleichsam das Blut von zwei zerstochnen Herzen hing. Indes sie so weinend und erliegend und mehr betäubt als aufmerksam durchs Fenster sah, nahm sie es wunder, dass ihr Seelenpeiniger, der laut die Treppe hinabgeflogen war, doch nicht herauskam aus der Haustüre. Nach langem aufmerksamen Lauern, worin die Angst wie ein Trost den Kummer überschrie und die Zukunft die Vergangenheit, galoppierte pfeifend und mit der Hutspitze gegen Himmel zielend der gekrönte Haarkräusler daher und schrie einlaufend nur vorläufig hinauf: "Frau Königin!" Denn er musste vor allen Dingen in seine eigne stube einbrechen und vier Leute auf einmal zu Königen ausrufen und zu Königinnen. – –
Es ist nun Pflicht, den Leser in den Winkel mitzunehmen, wo der Venner hockt. Er war von Lenetten geradesweges zur Perückenmacherin hinabgestiegen im doppelten Sinn, eine jener gemeinen Frauen, die das ganze Jahr gar nicht daran denken – denn kein Pferd muss so viel wegarbeiten wie sie –, etwa untreu zu werden, und die es nur dann werden, sobald ein Versucher kommt, den sie weder locken noch fliehen, und die vielleicht beim nächsten Brotbacken den Vorgang wieder vergessen haben. Überhaupt ist der Vorzug, den die meisten weiblichen Honoratiores ihrer Treue vor der Treue der höhern Damen geben, ebenso gross als zweifelhaft, da es in den mitt ern Ständen nur wenige Versucher gibt – und nur rohe dazu. Rosa war – so wie der Erdwurm zehn Herzen75 führt, die von einem Ende des Wurms bis zum andern langen – innen mit ebensoviel Herzen besetzt und gefüttert, als es Arten von Weibern gibt; für feine, plumpe, fromme, sittenlose, für alle hatte' er sein besonderes Herz zur Hand. Denn wie Lessing und andere so oft den einseitigen Geschmack missbilligen und den Kunstrichtern einen allgemeinen predigen, der die Schönheiten aller zeiten und Völker empfindet, ebenso dringen Weltleute auf einen allgemeinen Geschmack für lebendige zweifüssige Schönheiten, der keine Manier ausschliesset, und welchen alle letzen. Den hatte der Venner. In seiner Seele war ein solcher Unterschied zwischen seinen Empfindungen für die Perückenmacherin und zwischen denen für Lenetten, dass er aus Rache gegen diese sich auf der Treppe vorsetzte, den Unterschied zu überspringen und zur Hausherrin zu schleichen, deren engbrüstiger Mann sich draussen für