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von des letzten Seite an ein Nachgeben oder gar an ein Herausgeben der Erbschaft nicht zu denken. – Darüber aber blut' ihm nun das Herz, zumal da er seit seiner Kränklichkeit zu vielen Anteil an allem nehme; er wisse recht gut, in welche missliche Lage ihre (Lenettens) häusliche Verfassung durch diesen Prozess geraten, und er habe oft über manches vergeblich geseufzet. – Mit Freuden woll' er ihr daher, was sie zum Kostenverlage brauche, vorschiessensie kenne ihn nur noch nicht und stelle sich das, was er allein für sechs kuhschnappelsche Armenanstalten aus reiner Menschenliebe monatlich tue, vielleicht kaum vor, er habe aber seine Belege.

– – In der Tat zog er sechs Quittungen der Armenkommissionen heraus und hielt sie ihr hin. – Ich würde mich nicht als den unparteilichen Mann beweisen, für welchen ich gelte, wenn ich nicht frei eingestände, dass der Venner einen gewissen Trieb wohlzutun und aufzuhelfen gegen Dürftige jedes Alters und Geschlechtes von Jugend auf in Taten gezeigt, und dass eben das Bewusstsein einer solchen weiterzigen Handelweise gegenüber der engherzigen kargen in Kuhschnappel ihm einen gewissen besonderen Stolz gegen die filzigen Richter seiner freigebigen Verführungen zu eigen gemacht. Denn sein Gewissen gab ihm das Zeugnis, dass er diese Sünden erst beging, wenn er, seine Verwandlung aus einer Spinne in einen wohltätigen Edelstein rückwärts umkehrend, wieder schillernde Gewebe spann und mit ihnen voll glänzender geweinter Tautropfen einiges fing. – –

Für eine solche Frau vollends wie Lenettefuhr er forttät' er wohl andere Dinge; und ein Beweis sei schon, dass er den Gesinnungen des Heimlichers gegen ihr Haus Trotz biete und dass er selber von ihrem Mann Reden verschluckt, die er wahrlich als Patrizius noch von niemand einzustecken gewohnt gewesen. – "Fodern Sie doch Geld, beim Himmel, soviel Sie brauchen", beschloss er.

Die zitternde Lenette glühte vor Scham über die Entüllung ihrer Armut und ihres Verpfändens. Er suchte die Wogen in ihr durch einige Tropfen glattes Öl zu stillen und tadelte daher seine Braut in Baireut vorläufig: "Ich wünsche", sagt' er, "dass sie, die zu viel lieset und zu wenig arbeitet, in Ihre Schule der Haushaltung gehe. Wahrlich, eine Frau von solchen Reizen wie Sie, die sie selber nicht kennt, von solcher Geduld, von solchem häuslichen Fleisse sollte ein ganz anderes Haushalten zum Spielraum haben." Ihre Hand lag jetzt im Fussblock und Personalarrest der seinigen still; die Demut der Dürftigkeit band ihr die Flügel, die Zunge und die hände. Seine Freundschaft und seine Habsucht achteten bei Weibern keine Grenzsteine, die er alle diebisch auszuheben suchte; die meisten Männer gleichen in ihrem zerstörenden Hunger dem Häher, der die Nelke zerrupft, um den Nelkensamen aufzuhacken. Er drückte jetzt an ihr niedergesenktes Auge einen langen feuchten blick der Liebe an, liess ihn da noch fest, wenn sie es aufhob, und brachte so absichtlichindem er die Augenlider gewaltsam offen hielt und noch dazu an rührende Sachen dachtemehr Tropfen aus der Augenhöhle herauf als nötig sind, kleinere Kolibris zu erlegen. Jede erlogene Rührung wurde in ihm, wie in guten Schauspielern, eine wahre und jede Schmeichelei ein Gefühl der achtung. Er fragte, als er Tropfen genug im Auge und genug Seufzer in der Brust verspürte: "Wissen Sie, warum ich weine?" Sie sah unschuldig- und gutmütig-erschreckend auf in seine Augen, und ihre tropften. "Darüber (fuhr er aufgemuntert fort), dass Sie kein so gutes Los haben, als Sie verdienen." – Selbstischer Zwerg! jetzt hättest du die bange, in allen Tränen einer langen Vergangenheit ertrinkende Seele schonen sollen!

Aber er, der nur künstlerische, flüchtige, winzige Vexierschmerzen und nie erwürgende Qualen kannte, schonte die Gequälte nicht. Was er indes zur brücke von seinem Herzen in ihres machen wollte, den Kummer, das wurde gerade der Schlagbaum; ein Tanz oder irgendein fröhlicher Taumel der Sinne hätte ihn bei dieser gemeinen rechtschaffnen Frau weiter gebracht als drei Kannen selbstischer Tränen. Er lud hoffend seinen blühenden, mit Kummer betrachteten Kopf auf die hände in ihren Schoss ab....

Aber Lenette schoss in die Höhe, so dass er kaum sich nachbringen konnte. Sie schaute ihm fragend in die Augen..... rechtschaffene Frauen müssen, glaube' ich, eine eigne Teorie über die Blitze der Augen haben, um die gelben der Hölle von den reinen des himmels abzusondernder Wüstling wusste von seinem Auge so wenig, wie Moses von seinem ganzen Antlitz, dass es blitze. Ihr Auge fuhr gleichsam vor dem versengenden fremden zurück; es ist aber auch meine historische Pflicht- da so viele tausend Leser und ich selber auf den wehrlosen Everard eindringen –, es nicht zu verbergen, dass Lenette den ganzen Abend die etwas rohen und freien Zeichnungen, die ihr der Schulrat Stiefel von den Kriegschauplätzen aller Wüstlinge und besonders des gegenwärtigen mit einer sehr breiten Reisskohle vorgezogen hatte, im kopf aufbreitete und über jeden Rück- und Vorschritt Rosas argwöhnisch stutzte.

Und doch werde' ich jetzt dem armen Schelm mit jedem Worte schaden, das ich weiter schreibe; ja viele Damen, die aus den salischen Gesetzen oder aus Meiners wussten, dass man sonst geradeso viele Strafgelder gehen musste, wenn man die weiblichen Finger berührte, als wenn man den männlichen mittlern weghiebnämlich 15, Schillinge, diese Damen, die schon über Rosas Finger-Drücken sich so sehr ereifert haben und