sich zum volk verhalte, wie die Schauspieler jetzt zum Chorus. Zu Tespis' zeiten sang der Chorus die ganze Tragödie handelnd ab, und ein einziger Schauspieler, der Protagonist hiess, fügte einige Reden ohne Gesang über die Tragödie hinzu – Äschylus führte einen zweiten ein, genannt Deuteragonist – Sophokles gar einen dritten, den Tritagonisten – Neuerer zeiten blieben die Spieler stehen, und der Chorus wurde gar weggelassen, man müsst' ihn denn als beklatschend in Rechnung bringen. So ist nach und nach auf der Erde, dem Nationalteater der Menschheit, der Chorus oder das Volk weggeschoben worden – nur mit mehr Vorteil als auf dem engern Teater – und aus Spielern, wozu man besser die Protagonisten (Fürsten), die Deuteragonisten (Minister) und die Tritagonisten (Grosse) angestellt, zu richtenden und klatschenden Zuschauern erhoben worden, und der atenische Chorus sitzt bequem auf dem Parterre neben dem Orchester und Teater unserer guten Haupt- und Staataktionen. –
Es war schon 2 1/2 Uhr und der Nachmittag kurz; der lecke Vogel wankte nicht. Alle Welt schwur, der Schreiner, der ihn ausgebrütet aus dem Bloch, sei eine Kanaille und hab' ihn aus zähem Astolz gebauet. – Endlich schien er sich entfärbt und geschunden zu senken. Der Friseur, der wie alle gemeine Leute nur gegen einzelne Personen, nicht gegen eine Gesellschaft gewissenhaft war, nahm jetzt ohne Bedenken statt der Doppelflinte heimlich doppelte Kugeln, eine für sich, eine für seinen Mitschützen, um durch dieses Zersatzmittel den Adler niederzuschlagen. – – "Der Satan und seine höllische Grossmutter!" sagt' er nach dem Schusse und brauchte gehörig die obengedachte kühlende Metode. –
Er fusste nun auf seinen Mietmann und gab seine Büchse dazu her. Siebenkäs platzte hinauf – – "alle Schock Teufel", sagte der Sachse, "sollen mich zerreissen!" wobei er die Dosis der Teufel wie der Kugeln ohne Not gegen sein Fieber verdoppelte.
Beide liessen nun mutlos ihre Hoffnungen wie ihre Büchsen sinken; denn es waren mehre Prätendenten an diesen Tron vorhanden, als man deren einmal unter dem Galienus zählte, die auf den römischen wollten und deren nur dreissig waren. Die feuernde Septuaginta hielt abwechselnd entweder Schiessröhre oder Sehröhre in Händen, um zu sehen, dass dieses im Himmel hängende Sternbild mehr Kugeln einschliesse als das astronomische des Adlers. Alle Gesichter der Zuschauer waren gegen diese Keblah des Vogels gebreitet, wie die jüdischen nach dem ruinierten Jerusalem. – Die alte Sabel sass ohne Kunden hinter ihrem Ladentisch voll Fressmittel und guckte selber hinauf. – Die ersten Nummern gaben sich gar nicht die Mühe, ein Sukzessionpulver wieder auf die Pfanne zu schütten – Firmian bejammerte die dumpfen im dicken Erdenblute schwimmenden Menschenherzen, für die jetzt die untergehende Sonne und der gefärbte Himmel und die weite Erde unsichtbar waren oder vielmehr eingekrochen zu einem zerhackten Holzstrunk; das gewisseste Zeichen, dass ihre Herzen im ewigen Gefängnis des Bedürfnisses lagen, war, dass niemand eine witzige Anspielung auf den Vogel oder auf das Königwerden machen konnte. Der Mensch kann nur an Dingen, die seine Seele ohne Ketten lassen, Ähnlichkeiten und Beziehungen wahrnehmen. Firmian dachte: dieser Vogel ist für dieses Volk der wabre Vorlass mit dem Federspiel, den ich versteigert habe, und das Geld liegt als das Luder darauf. Er hatte aber doch drei Gründe, weswegen er gern König geworden wäre – erstlich um sich tot zu lachen über seine Krönung – zweitens seiner Lenette – und drittens des Sachsen wegen.
allmählich feuerte die zweite Hälfte der 70 Ältesten ab, und die ersten Nummern luden wieder zum Spasse wenigstens. Kein Mensch schoss mehr ohne eine zwiespännige Ladung. Unsere zwei hanseatischen Bündner näherten sich wieder dem Schusse, und Siebenkäs borgte sich, da der Abend immer dunkler wurde, ein schärferes Augenglas, das er, wie einen Finder am Teleskop, auf die Büchse schraubte.
Nro. 10 hob das Vogelpräparat aus der Angel, der Schiessklotz klebte nur noch durch seine Schwere daran, weil sie das Holz fast mit Blei gesättigt und inkrustieret hatten, so wie gewisse Quellen Holz in Eisen umsetzen. –
Der Sachse durfte den Adler-Rumpf nur bestreifen, so fuhr der Stösser nieder, ja nur die Stange – ach, der Abendwind durfte nur einmal stark ausschnauben. Er legte an – zielte ewig (denn 50 fl. hingen jetzt in der Luft), drückte los – das Zündkraut verloderte allein – die Musikanten hielten schon die Trompeten waagrecht und die Notenblätter steilrecht – die Jungen standen schon um die Stange und wollten das fallende Gerippe auffangen – der Pritschenmeister konnte vor Erwartung keinen Spass mehr machen, und seine staunende Seele sass mit oben neben dem Federvieh – – der gepresste Haarkräusler drückte wieder ab – das Zündkraut brannte wieder allein – er schwitzte, glühte, bebte, lud, zielte, drückte und schoss – – entweder zwei oder drei hassfurtische Ellen hoch über den Vogel hinaus.
Er trat still und bleich und mit kalten Schweissen zurück und tat keinen einzigen Fluch, ja ich vermute, er schickte einige heimliche Gebete ab, damit sein Bundgenoss das Federwildpret durch Gottesgnade erangelte. –
Firmian trat hin, – dachte mit Fleiss an etwas anderes, um seine pochende Erwartung anzuhalten – zielte nach diesem im Abenddunkel schwebenden Anker seiner kleinen Stürme nicht lange – feuerte – sah den Block wie Fortunens Rad sich oben dreimal umkreisen und endlich – losspringen und herunterfliegen...
– Wie bei der Krönung der alten französischen Könige allzeit ein lebendiger Vogel in den Himmel flatterte; – wie bei der Apoteose der römischen