1796_Jean_Paul_051_80.txt

, um den Hl. Römischen Reichsapfel zu kriegen, bracht' er nicht herunter. Er liess sich spät mit der Miliz des Reichsfleckens nach Haus pfeifen und trommeln. Er machte vor der Tür seiner Frau den Ruprecht, der den Kindern am Andreastage zum ersten Male Schrecken und Obst zubringt, brummend nach und warf ihr statt aller Äpfel dengeschossenen ein. Man halt' ihm den Spass zu gut; ich sollte aber solche Winzigkeiten gar nicht berichten.

Als sich Firmian aufs Kopfkissen legte, sagt' er zu seiner Frau: "Morgen um diese Zeit wissen wirs, Frau, ob wir ein Paar gekrönte Häupter auf diese Kopfkissen bringen oder nichtmorgen unter dem Niederlegen will ich dich wieder an diese Minute erinnern." – Als er aus dem Bette sprang, sagt' er: "Heute spring ich wohl zum letztenmal als gemeiner Mann ohne Krone heraus." Er konnte' es nicht erwarten, bis er den betaueten defekten Vogel voll Schusswunden und Knochensplitterungen wieder sah; aber seine Hoffnung, sich an ihm zum König zu schiessen, hielt nur so lange an, als er den Adler nicht sah. Er ging daher gern einen Vorschlag des listigen Sachsen ein, der immer den Kugeln seines Nummernnachbars mit seinen vorgearbeitet hatte; der Vorschlag war: "Halbpart im Gewinst und Verlust beim Vogel und Kardinal". Diese Maskopei verdoppelte die Hoffnungen des Advokaten, indem sie solche halbierte.

Aber die zwei Waffenbrüder brachten den ganzen Vormittag nicht einen bunten Splitter herunter; denn nur gefärbte Späne können Vogelschützen, und nur ungefärbte können Wespen brauchen. Jeder hielt innerlich den andern für seinen Unglückvogel; denn in Sachen des Zufalls will lieber der Mensch nach abergläubigen Gründen erklären als gar nicht erklären. Die flatterhafte babylonische Hure wich so spröde aus, dass der Haarkräusler einmal nahe am Kerle, der sie hin und her zog, vorbeiknallte.

Aber nachmittags traf er endlich mit seinem Kupidos-Pfeil ihr schwarzes Herz und also das Schwein dazu. Firmian erschrak fast: er sagte, er nehme von diesem Schwein, diesem Herzpolypen am Herzen des babylonischen Lustmädchen, nichts an als den Kopf, er müsste denn selber etwas treffen. jetzt stand nur noch der Vogel-Torso, gleichsam das Rumpfparlament, an die Stange gepfählt, das die Kron-Lustigen zu dissolvieren suchten. Das Lauffeuer der Begeisterung ging jetzt von Brust zu Brust, von jedem Zündpulver aufgeschürt, das von einer Büchsenpfanne aufflog; und mit dem arkebusierten Vogel zitterten allemal die übrigen Schützen zugleich. –

Ausgenommen den Hrn. von Meiern, der fortgegangen undda er alle Menschen, besonders unsern Helden in solchen Erwartungen sahzur Frau Siebenkäs marschieret war, bei der er der König einer Königin und mit mehr Gewissheit als ein Schützenkönig zu werden hoffte. Das Augenglas, hinter dem er nach jenem Adler und nach dieser Taube zieltedenn er hielts wie Pariser mitten in der stube vor –, sollt' ihm, dachte' er, wenigstens die Taube erlegen helfen. Aber ich und die Leser schleichen ihm nachher alle in die Siebenkäsische stube nach.

Die 70 Nummern hatten schon zweimal vergeblich zum Königschusse geladen: der zähe Stummel auf der Stange regte sich kaum. Die armen zappelnden Menschenherzen wurden beinahe von jeder Kugel durchbohrt und erschüttert. Die Besorgnisse wuchsen, die Hoffnungen wuchsen; aber die Flüche am meisten, diese Stossgebete an den Teufel. Die Teologen hatten im 7ten Jahrzehent dieses Jahrhunderts den Teufel oft in der Feder, als sie ihn entweder leugneten oder behaupteten; aber die Kuhschnappler Schützen weit mehr, besonders die Patrizier. –

Seneca hat unter den Mitteln gegen den Zorn das einfachste ausgelassen: den Teufel. Die Kabbalisten rühmen zwar die Heilkraft des Schemhamphorasch, eines entgegengesetzten Namens, sehr; aber ich sehe, dass das Fleck- und Scharlachfieber des Zorns, das man leicht aus dem Phantasieren des Patienten vermerkt, vielleicht ebensogut, als ob man Amulette umhinge, nachlässet und weicht, wenn man den Teufel anruft; in dessen Ermanglung die Alten, denen der Satan ganz fehlte, blosses Hersagen des Abc's anrieten, worin freilich der Name des Teufels mit schwimmt, aber in zu viele Buchstaben verdünnet. So erlösete auch das Wort Abrakadabra, diminuendo ausgesprochen, vom körperlichen Fieber. Wider das Entzündungfieber des Zorns müssen nun desto mehre Teufel genommen werden, je mehr materia peccans (Krankheitmaterie) durch die Absonderung des Mundes abzuführen ist. Gegen den kleinen Unwillen ist "der Teufel!" oder "alle Teufel!" hinlänglich. Aber gegen das seitenstechende Fieber das Zorns würde' ich schon "den Satan und seine höllische Grossmutter" verschreiben und das Mittel doch noch mit einem Adjuvans (Verstärkung) von einigen Donnerwettern und Sakramenten versetzen, da die Heilkräfte der elektrischen Materie so bekannt sind. Man braucht mir nicht zu sagen, dass gegen völlige Hund- oder Zornwut solche Gaben dieses spezifischen Mittels wenig verfangen; ich würde allerdings einen Presshaften dieser Art "von allen Schock Teufeln fortführen und zerreissen" lassen. Immer bleibt der Teufel offizinell: denn da sein Stich uns in Zorn versetzt, so muss er selber dagegen genommen werden, wie man den Skorpionenstich durch zerquetschte Skorpionen heilt. – –

Der Tumult der Erwartung rüttelte die Edelleute mit der Groschengalerie des staates in eins zusammen; die Edelleute oder Patrizier vergessen bei solchen Gelegenheitenso auch auf der Jagd, in ökonomischen Geschäften –, wer sie sind, nämlich etwas Besseres als Bürgerliche. Einem Edelmann sollt' es meines Erachtens nie aus dem kopf kommen, dass er