um uns brausende ausgedehnte Sündflut hereinträgt67 und das sie aus dem fernen hoch über die Fluten steigenden sonnenhellen Paradiese abgenommen? Und wenn wir von dem ganzen Olivengarten statt aller Früchte und Blüten nichts erhalten als nur ein Blatt, soll uns dieses Friedenblatt und diese Friedentaube mehr geben als Frieden, nämlich Hoffnung? –
Firmian ging mit einer Brust voll wachsender Hoffnungen auf den Schiessgraben zurück. Das Menschenherz, das in Sachen des Zufalls gerade gegen die Wahrscheinlichkeitrechnungen kalkuliert, und das darum auf eine Terne hofft, weil es eine gewonnen – denn daraus sollt' es eben das Widerspiel schliessen –, oder das darauf zählt, die Adlerklaue zu holen, weil es den Zepter dazu aufgelesen, dieses im Fürchten und Hoffen unbändige Menschenherz brachte auch der Advokat auf den Graben mit.
Er erwischte aber die Klaue nicht. Nach den ineinandergefalteten betenden Fängen oder Händen des Kapuzinergenerals, diesen Exponenten und Devisen zweier Vorderschinken, feuerte Siebenkäs gleichfalls – umsonst.
Es tat nichts; es war noch immer mehr am Adler, als jetzt an Polen wäre, wenn man dieses oder sein Wappen – es ist ein silberner im roten Blutfelde – auf einem Trone oder einer Vogelstange in die Höhe richtete und von einer Schützengesellschaft verschiedener Armeen abschiessen liesse.
Noch nicht einmal der Reichsapfel war herunter. Nro. 69, ein schlimmer Vorfahr, Hr. Everard Rosa von Meiern, hatte zum Schusse angelegt – er wollte diesen verbotenen Apfel brechen – ein solcher Stettiner und Fangball für Fürsten selber war ihm zu wichtig, als dass er des Gewinstes wegen nach ihm hätte fangen wollen, ihn flammte bloss die Ehre an – er schoss.... und er hätte ebensogut rückwärts zielen können. Rosa, dem diese Obstart zu hoch hing, mengte sich errötend unter die Zuschauerinnen und teilte selber Äpfel, nämlich Parisäpfel aus und sagte jeder, wie schön sie sei, um sie zu überreden, er sei es selber. In den Augen einer Frau ist ihr Lobredner anfangs ein recht gescheuter Mensch, endlich ein ganz hübscher Mensch; Rosa wusste, dass die Weihrauchkörner der Anis sind, dem diese Tauben wie toll nachfliegen.
Unser Freund brauchte sich vor keinem Obstbrecher zu ängstigen – vor dem 2ten, 8ten, 9ten gar nicht – als vor dem 11ten, vor der Büchse des Sachsen, der wie ein Teufel schoss. Es gab wenige unter den Siebzigern, die nicht diese verdammte Galgennummer zum Henker, wenigstens ins – Pflanzenreich verwünschten, wo sie gerade mangelt68. Der Friseur drückte ab – schoss dem Adler ins Bein – und das Bein blieb samt der Reichskugel droben hangen.
Der Mietmann und Advokat trat ein, aber der Hausherr blieb im Schiessstand, um sich über seinen Unstern satt zu fluchen. Jener setzte sich unter dem Anlegen seines Kugelziehers auf die erhöhte Kugel vor, gar nicht auf diese zu halten, sondern auf den Schwanz des Adlers, um dieses Obst bloss herab zu – schütteln.
In einer Sekunde fiel der wurmstichige Weltapfel ab – Der Sachse fluchte über alle Beschreibung.
Siebenkäs betete beinahe innerlich, nicht weil eine zinnerne Senfdose, eine Zuckerdose und 5 fl. frk. mit dem Apfel in seinen Schoss niederregneten, sondern über das gute Schicksal, über die warme, wie ein Glanz heraustretende Sonne im Ringe eines fernen Gewölkes. "Du willst", dachte' er, "meine Seele prüfen, gutes Geschick, und bringest sie daher, wie die Menschen Uhren, in alle Lagen, in steilrechte und waagrechte, in ruhige und unruhige, um zu sehen, ob sie recht gehe und recht zeige. – – Wahrlich, sie soll es!" –
Er liess diese kleine bunte Vexier-Erdkugel von einer Hand in die andere laufen und spann und weifte folgenden Kettenschluss: "Welche Kopien-Ahnenfolge! Lauter Gemälde in Gemälden, Komödien in Komödien! – Der Reichsapfel des Kaisers ist ein Bild der Erdkugel und hat eine Handvoll Erde als Kern69 – mein Reichsapfel da ist wieder ein verkleinertes Bild des kaiserlichen und hat noch weniger Erde, gar keine – die Senf– und Zuckerdosen sind wieder Bilder dieses Bildes. – Welche Reihe von Verkleinerungen, ehe der Mensch geniesset!" – Die meisten Freuden des Menschen sind blosse Zurüstungen zur Freude, und seine erreichten Mittel hält er für erreichte Zwecke; die brennende Sonne des Entzückens wird unserem schwachen Auge nur in den 70 Spiegeln unserer 70 Jahre gezeigt – jeder Spiegel wirft ihr Bild dem andern milder und bleicher zu – und aus dem siebzigsten Spiegel schimmert sie uns erfroren an und ist ein Mond geworden70. Er lief nach Haus, aber ohne den Apfel, dessen Ernte er seiner Frau erst abends notifizieren wollte. Es letzte ihn sehr, wenn er während seiner Schiess-Vakanzen aus dem öffentlichen Getümmel in seine enge stille stube schleichen, das Wichtigste hurtig erzählen und sich dann wieder ins Getöse werfen konnte. Da seine Nummer eine Nachbarin von Rosas Nummer war und da also beide dieselben Schiessferien hatten; so wunderts mich, dass er auf den Venner von Meiern nicht auf demselben Steige unter seinem Fenster traf; denn dieser wandelte seines Orts mit aufgehobenem kopf da wie eine Ameise auf und nieder. Wer einen jungen Herrn dieser Art erschlagen will, such' ihn unter (wenn nicht in) dem Fenster eines Mädchen auf; so hebt ein vorsichtiger Gärtner, der Maueresel oder Kellerasseln töten will, nur die Blumentöpfe in die Höhe und merzet sie darunter in Partien aus.
Siebenkäs traf den ganzen Nachmittag keinen Span mehr; den Schwanz selber, an den er sich vorher so glücklich gewandt hatte