anfangs zum Teller, dann zum Nachessen verbrauchten, oder gar den Hunnen, die ihren Sattel von Fleisch, den sie gar ritten, nachher verspeiseten – seine Halbstiefeln mussten für das bevorstehende Schwenkschiessen zum drittenmal vorgeschuhet und abbrevieret werden, und es war nichts dazu da als der Artist Fecht – er hatte an jenem grossen Tage überhaupt nichts anzuziehen, nichts einzustecken und weder im Beutel etwas, noch im Kugelsack, noch im Pulverhorn...
Ein Mensch treibe nur absichtlich seine Angst aufs höchste: so fället der Trost plötzlich, wie ein warmer Regentropfen, vom Himmel in sein Herz. – Siebenkäs katechisierte sich jetzt schärfer, was ihn denn eigentlich peinige: nichts als die Furcht, auf dem Schiessgraben ohne Geld, ohne Pulver und Blei und ohne die dritte Abbreviatur der Stiefeln zu erscheinen. "Weiter nichts?" antwortet' er. "Was will mich denn zwingen, überhaupt zu erscheinen? – Ich bin ja der Affe", setzt' er hinzu, "der jammert, dass er die mit Reis gefüllte Pfote nicht aus der enghalsigen Flasche ohne Korkzieher bringen kann – ich darf ja nur mein Schützenlos und meine Büchse verkaufen, ich darf ja nur die Pfote aufmachen und leer herausziehen."
Er beschloss, am Auktiontage die Büchse zu holen und sie dem Proklamator und Friseur in die Versteigerung mitzugeben.
Er stieg, wundgedrückt vom Tage, ins Bette, auf dessen unbestürmten Ankerplatz er sich den ganzen Tag vertröstete: "Das Gute hat doch die Nacht an sich", sagt' er, indem er darin sitzend die Federn gleich verbreitete, "dass sie den Menschen lichtfrei, holzfrei, kostfrei, zechfrei, kleiderfrei hält, nur ein Bette muss einer haben – ein Armer ist doch so lange glücklich, als er liegt, und zum Glücke steht er nur die Hälfte seines Lebens." Die Ohnmachten der Seele oder des Frohsinns gleichen denen des Körpers, die nach Zimmermann65 aufhören, wenn der Kranke eine waagrechte Lage annimmt. –
Wär' am Bett ein Bettzopf gewesen: so hätt' ich diesen die Ankerwinde genannt, womit er sich am Montag langsam vom Ruheplatz in die Höhe drehte. Er stieg darauf zum Dachstuhl hinauf, wo in einer alten vernagelten langen Feldkiste seine Büchse gegen Missbrauch verschlossen lag. Sie war ein kostbares Erbstück von seinem Vater, der Pikeur und Büchsenspanner bei einem grossen Reichsfürsten gewesen. Er hob mit dem Baumheber, d.i. mit einem Eisenkloben, das Brett samt den Wurzeln d.h. Nägeln auf; – und das erste, was voran lag, war ein lederner Arm, der ihm ordentlich durch die Seele fuhr. Denn der Arm hatte' ihn sonst häufig ausgeprügelt.
Es wird mich nicht zu weit verschlagen, wenn ich nur ein einziges Wort darüber verliere. Diesen Parade-Arm hatte nämlich am leib, wie im feld eines Wappens, Siebenkäsens Vater seit der Zeit geführt, dass er seinen wahren angebornen Arm in Kriegdiensten des gedachten grossen Reichsfürsten zugesetzt hatte, der ihn sogleich zu einiger Belohnung als Büchsenspanner bei der Obrist-Jägermeisterei anstellte. Den adjungierten Arm trug der Büchsenspanner an einem Haken der linken Achsel, mehr wie einen Rokkelor-Ärmel oder verlängerten Hand- und Armschuh zur Zierde, als etwa wie einen Maulchristen von Parade-Arm. Bei der Erziehung aber tat ihm der lederne Arm die Dienste einer Schulbuchhandlung und Bibelanstalt und war der Kollaborator des fleischernen. Gemeine Fehler, z.B. wenn unser Firmian falsch multiplizierte – oder auf dem Hühnerhunde ritt oder Schiesspulver aus Näscherei leckte – oder eine Tabakpfeife zerbrach, solche strafte der Büchsenspanner gelinde, nämlich bloss mit dem Stock, der überhaupt in guten schulen an den Kinderrücken als Saftröhre und Stechheber aufläuft und solche mit wissenschaftlichem Nährsafte tränkt, oder der die Deichsel bleibt, woran ganze vorgespannte Winterschulen lustig ziehen. Aber zwei andere Fehler sucht' er ernstafter heim. Wenn nämlich ein Kind unter dem Essen lachte, oder wenn es in den langen Tisch- und Abendgebeten stockte oder irrte: so amputierte er schnell mit dem angebornen Arm den erworbnen und schlug mit dieser Krieggurgel – sein eigner Ausdruck – seine lieben Kleinen entsetzlich. Firmian erinnerte sich noch recht gut, als wär' es ihm gestern begegnet, dass einmal er und seine Schwestern eine ganze halbe Stunde unter dem Essen von diesem Streitflegel alternierend gedroschen wurden, weil das eine zu lachen anfing, indem um das andere ernste dieser lange Muskel flatterte. Noch heute erbitterte das Leder sein Herz. Ich sehe recht gut den Nutzen ein, wenn Eltern und Lehrer es versuchen, mit dem organisierten Arm den leeren auszuhenken und vermittelst dieser Vereinigung und diesem Konkordat zwischen weltlichem und geistlichem Arm einen Zögling zu schlagen; aber nur muss es allezeit geschehen; über nichts ergrimmen Kinder mehr als über neue Marterinstrumente oder über einen neuen Spielraum der alten. Ein an Rückenstrafen und Lineale gewöhntes Kind darf nicht mit Ohrfeigen und nackten blossen Händen angegriffen werden; ein an diese verwöhntes leidet wieder Lineale nicht. Der Verfasser dieser Blumenstücke wurde einmal in seinen frühern Jahren mit einem Pantoffel geworfen. – Die Narbe von diesem Wurfe bricht noch jetzt in seiner Seele auf, indes er ordentlicher Prügel sich nur schwach erinnert. –
Siebenkäs zog den Zucht-Arm heraus und die Büchse dazu; aber welch ein Fund lag darunter! – jetzt war ihm geholfen. Wenigstens konnte' er doch zu Andreas mitschiessen in kürzern Stiefeln – und überhaupt konnte er doch einige Tage essen, was er wollte. – Was freilich ihn und mich bei der ganzen Sache am