1796_Jean_Paul_051_73.txt

seine Landfracht ungebückt getragen und froher als viele. Er hatte bisher den Henker nach allem gefragt. hatte' er sich nicht (um nur einiges anzuführen) im Anzuge über den deutschen Kaiser gesetzt, der (sagt' er) an seinem Ehrentage in Frankfurt nichts anzuziehen habe als einen entsetzlich-alten, von Karl abgelegten Kaiserrock, nicht viel besser als Rabelais' alter, indes seiner um viele Jahrhunderte jünger sei als der kaiserliche? hatte' er nicht seiner Frau, da sie trübe seinen perennierenden überständigen Kleiderflor überschauete, zugemutet, sich vorzustellen, er diene mit tausend andern Ansbachern in der neuen Welt und das Schiff, das ihnen neue Monturen zuzufahren habe, werde gekapert, so dass die ganze Mannschaft nichts anzuziehen behielte, als was sie hatte ablegen wollen? – Und er fusste seit langem auf etwas Besseresoffenbar auf echte Apatieals auf sein einziges Stiefelpaar, das sich durch zweimaliges Vorschuhen wie ein Taschenperspektiv oder eine Posaune zusammengeschoben hatte zu guten Halbstiefeln, so wie die lange Kultur auch die deutschen Körper um vieles abkürzte und aus diesem Langgewehr Kurzgewehr machte.

Aber am Sonntag, wovon ich sprechen will, machte ihn ein einziger kleiner Raub- und Unglückvogel, der über die öde Sarawüste seiner Lage flog, viel zu scheu. Er selber hätte eher das Gegenteil erwartet: denn da er bisher die Sitte hatte, sich gegen alle dunkle Trauerszenen voraus zu rüsten durch Probekomödien, ich meine, da er alle künftige Aktenstücke, die der Heimlicher von Blaise gegen ihn liefern konnte, im voraus durchlas und so die künftige Last als eine gegenwärtige spielend auflud, um nachher das Spiel umzukehren: so nahm es ihn sehr wunder, dass das gewisseste vorausgesehene Übel, sobald es aus der Zukunft nahe an uns herantritt, in der Nähe längere Dornen habe als in der Ferne. Als nämlich am Sonntage in den luftleeren Raum seiner Brust noch der Amtbote der Erbschaftkammer mit dem lang erwarteten dritten Fristgesuche des Heimlichers kam und mit dem dritten Ja-Dekret darauf: so wurde es seiner Seele bei diesem neuen Zug des Stiefels aus der öden Luftglocke übel und engbrüstig. – –

Ich habe im Schwalle meiner offiziellen Berichte das zweite Fristgesuch absichtlich unerwähnt gelassen, weil ich wohl hoffen durfte, dass jeder Leser, der nur ein halbes Schiffpfund Akten oder nur eine einzige Liquidation (Rechnung) von Rechtsfreunden in Händen gehabt, es ohnehin voraussetzen werde, dass nach dem ersten Fristgesuche notwendig das zweite erscheine. Eine Schande ist es für unsere Justiz, dass ein redlicher, rechtlicher Beistand so viele Gründe, ich möchte sagen Lügen, aufsetzen muss, eh' er die kleinste Notfrist erficht; er muss sagen, seine Kinder und seine Frau seien todkrank, er habe Fatalien und 1000 arbeiten und Reisen und Krankheiten; indes es hinreichen sollte, wenn er beibrächte, dass die Verfertigung der unzähligen Fristgesuche, mit denen er überhäuft sei, ihm wenig Zeit zu andern Schriften belasse. Man sollte einsehen, dass die Fristgesuche offenbar wie andere Gesuche auf die Verlängerung des Prozesses hinarbeiten, wie alle Räder der Uhr bloss zur Hemmung des Hauptrades ineinandergreifen. Ein langsamer Pulsschlag verkündigt nicht nur in Menschen, sondern auch in Rechtshändeln ein langes Leben. Ich denke, ein Advokat, der Gewissen hat, nötigt gern, solang er kann, nicht sowohl dem Prozesse seines Klientendiesen schlöss' er sogleich, könnt' er sonstals dem seines Gegners ein ausgedehntes Leben auf, um den Gegner teils heimzusuchen, teils abzuschrecken, oder um ihm ein günstiges Urtel, wofür niemand stehen kann, von Jahr zu Jahr zu entrücken, so wie in Gullivers Reisen Leute mit einem schwarzen Stirn-Klecks zur Qual ein unaufhörliches Leben erhalten. Der gegenseitige Sachwalter denkt nun wieder der gegnerischen Seite dieselbe KriegsVerlängerung zuund so wickeln beide Patronen beide Klienten in ein langes Akten-Zuggarn ein, und jeder meint es gut. Überhaupt sind Rechtsfreunde die Leute nicht, denen die Rechte so gleichgültig sind wie das Recht, und sie wollen dagegen lieber handeln als schreiben; wie Simonides auf die königliche Frage, was Gott sei, sich einen Tag Bedenkzeit ausbatdann wieder einenund wieder einenund immer einen, weil kein Leben diese grosse Frage erschöpft: so hält der Jurist nach jeder Frage, was ist Rechtens, von Zeit zu Zeit um Fristen aner kann die Frage nie auflösenja er würde, wenn es die Richter und die Klienten wollten, seine ganze Lebenzeit mit der schriftlichen Beantwortung einer solchen Rechtsfrage zusetzen. Advokaten machen aus einer solchen Denkart, so gemein ist ihnen solche, nicht viel. –

Ich komme zurück. Siebenkäs sank beinahe unter dem weltlichen eisernen Arm und dessen sechs langen Dieb- und Schreibfingern darnieder. Die Dünste auf seiner Lebenbahn zogen sich in Morgennebel zusammendiese in Abendwolkendiese in Regenschauer. "Es geht manchem armen Teufel zu hart", sagt' er. Hätt' er eine lustige Frau gehabt, er hätt' es nicht gesagt; aber eine Kreuzschlepperin voll Jeremiaden, eine elegische Dichterin voll Hiobiaden war selber ein zweites Kreuz.

Er durchsann nun alles: er hatte kaum so viel, um den künftigen Kalender zu kaufenoder einen Bund Hamburger Federn (denn seine Satiren erschöpften weniger seine Kräfte als die Flederwische Lenettens, so dass er manchmal den geröteten Pfeifenansatz des Pelzstiefels zu einem Schreibkiel verschneiden wollte) – er wollte gern Teller in Nährmittel (es waren aber keine da) verwandeln und den Galliern nachschlagen, die ein rundes Stück Brot