1796_Jean_Paul_051_72.txt

Tönen: "Lenette! – beste Lenette!"

"Warum denn nicht?" fragte sie immer sanfter; denn sie verstand ihn nicht. "Lieber den Rock vom leib versetzt!" antwortet' er. Aber da sie jetzt besorgte, er ziel' auf ihr grilliertes Trauerkleid, und da sie eben darum in Rührung kamund da sie auf einmal die wärmsten Predigten gegen alles Verpfänden grosser Möbeln hieltund da er so klar ersah, ihre vorige Kälte sei keine künstliche: so wusst' er leider alles, so wusst' er das Herbste, was kein Philosoph mit seinen süssen Tropfen mildern und versetzen kann – – nämlich:

entweder sie lieb' ihn nicht mehr, oder sie hab' ihn nie geliebt. Nun waren die Flechsen seinen Armen entzweigeschnitten, die sonst das Unglück wegstemmten; er konnte in der Entkräftung des (geistigen) Faulfiebers nichts sagen als das: "Mache, was du willt; mir gilts nun gleich." – Darüber ging sie froh und eilig hinaus zur alten Sabel, kam aber sogleich wieder zurück. Dies war ihm lieb, er konnte, seit drei Augenblicken viel tiefer vom Schmerze angefressen, noch das Bittere mit den ruhigen Worten nachholen: "Lege doch dein Myrtenkränzchen mit zum Blumenstrauss: so fällt er etwas mehr ins Geld und Gewicht, da das Kränzchen wirklich so schön gearbeitet ist als meine welschen Blumen nimmermehr."

"Mein Brautkränzchen?" rief Lenette, zornig errötend, und zwei harte Tränen entschossen ihr, "nein, das geb ich absolut nicht her, ich nehm' es in den Sarg mit, wie meine selige Mutter. – Hast du es nicht selber an meinem Ehrentage in die Hand genommen, da ichs unter dem Frisieren heruntergetan und auf den Tisch gelegt, und hast selber gesagt, es sei dir so wichtig (ich habe die Worte genau gemerkt), ja lieber als die Trauung? Nein, ich bin und bleibe deine Frau und halte das Kränzchen wie mein Leben fest."

Jetzt bewegte sich sein Herz ganz anders und sehr nach dem ihrigen zu; er versteckte es aber hinter die Frage, warum sie so bald wiedergekommen. Die alte Sabelhörte er nunwar nämlich bei dem Buchbinder gesessen; bei diesem wieder der Venner von Meiern, der gewohnt war, vom Pferde abzusteigen und teils beim Buchbinder nachzusehen, welche Neuigkeiten die Damen da binden liessen und wie bunt broschieren, teils beim Schuhflicker das Bein mit dem Reitstiefel auf die Werkstatt zu stellen und eine Stulpe fester nähen zu lassen und nach allerlei zu fragen. Die Weltwas doch nichts anders heissen kann als so viele fleissige Zungendrescherinnen, als Kuhschnappel für seine tauben Ähren aufzuweisen hatkann allerdings aus allem mutmassen wollen, der Venner sei ein wirklicher Heinrich der Vogelsteller für mehr als eine Frau im haus, welches letzte wieder für ihn eine weibliche Volière sei; aber ich verlange Beweise. Lenette liess sich hingegen auf keine ein, sondern ergriff ohne weiteres eine fromme Flucht vor dem Vogelsteller Rosa.

Mit keiner sonderlichen Schamröte über die Wandelbarkeit des Menschenherzens erzähl' ich weiter, dass jetzt Firmians zusammengedrückte Brustöhle um viele Zolle weiter wurde und geräumig für ein bedeutendes Vergnügen, bloss weil Lenette ihr Hochzeitkränzchen so fest gehalten und bei dem Venner so kurz ausgehalten; – "sie ist doch treu, wenn nicht warm, oder am Ende wohl gar warm", sagte er sich. Er liess ihr daher mit Freude ihren Willen und seinen dazu, das Kränzchen in Haus und Herz zu behalten. Darauf liess er ihr, wenn auch weniger freudig, ohne weitern Strauss über den Strauss, den andern Willen, der nicht ihr Gefühl versehrte, sondern nur seines; die kleine Gedächtnis-Staude wurde bei einer höflichen Frau, die den Titel Taxatrizin führte, unter dem Schwure verpfändet, sie mit dem ersten Taler, der am Andreastage von der Vogelstange falle, einzulösen. – –

Das Blutgeld des seidenen Gebüsches wurde so zerstückt, dass man es in den kotigen Weg bis zum Sonntage vor dem Schwenkschiessen gleichsam als Steinchen zum Auftreten werfen konnte. Dieser Sonntag (27. Nov. 1785) war vor dem Montag, auf welchen die Versteigerung anberaumet warden Mittwoch steht er (hofft' er) und wir alle (hoff' ich) an der Vogelstange gewiss.

Freilich am Sonntage musst' er durch einen von mehren Gewittern angelaufnen Strom hindurch; wir wollen alle nach; aber ich sage voraus, in der Mitte ist es tief.

Der Magen seines inneren Menschen zeigte einen unglaublichen Ekel und eine umgekehrte peristaltische Bewegung gegen alles Verpfänden seit der Blumenaffäre. Die Sache war: er konnte die Frau auf nichts mehr verweisenanfangs verwies er sie auf die Vogelstangedann, als Mörser und Sessel die Festung ohne Sang und Klang geräumet hatten, Dinge, die nicht als Schützen Preise um den Vogel hingen, da verwies er sie auf öffentliche Versteigerungen, worin er alles um halbes Geld zu erstehen sich getrauezuletzt verwies er zwar immer auf jene, aber nicht um Passiv-, sondern um Aktivhandel darin zu treiben und ihnen Fabrikate nicht sowohl abzunehmen als zuzuführen, worin Spanien hinter ihm bleibt.

Oft wird der Sieger über grosse Beleidigungen von der kleinsten übermannt; ebenso ist es mit unsern Schmerzen: die harte feste Brust, auf welche eine qualenvolle Vergangenheit vergeblich drückte, bricht oft, wie ein lang überspültes Eis, unter dem leichtesten Fusstritt des Schicksals ein. Er hatte bisher sich ganz gut aufrecht gehalten und