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heute aber nicht, denn gestern, am Martinitag, war der Quatemberschoss der Hausmiete bekanntlich gefällig gewesen. Der Friseur präsentierte sich gleichsam als einen stummen Wechsel auf Sicht; aber er foderte höflich nichts, sondern meldete bloss: den Montag vor Andreas sei öffentliche Versteigerung von vielen Sachen, und wenn er etwa etwas dazu zusammensuchen wolle: so woll' er als beständiger vom Gross- und Kleinen-Rat bestallter VerauktionierungProklamator es ihm hiemit gemeldet haben.

Er war kaum die Treppe wieder hinab, so gab Lenette die grössten, aber leisesten Zeichen des Kummers von sich, "dass er sie gemahnt habe, und dass nun alle Leute im haus ihr unordentliches Haushalten wüssten, weil er von Möbeln geredet". Es war unbegreiflich, wie nur die Frau hoffen konnte, dass bisher niemand es gemerkt habe, da arme die Armut am ersten erraten. Indes hatte sich doch auch Firmian geschämt, zum Friseur zu sagen, er habe sich bisher das Bestallungschreiben eines Auktionators seiner eignen Möbeln zugefertigt. Hier fühlte er, dass er vor einer person und vor Armen mehr über seine Dürftigkeit erröte als vor einer ganzen Stadt und vor Reichenund er fuhr zornig auf über die verdammten Wind-Versetzungen der menschlichen Eitelkeit in die edelsten Teile. –

Sogar dem Leser kann der mit lauter Distelköpfen eingefasste Weg zum Andreastage nicht länger vorkommen als meinem Helden, der noch dazu die Distelköpfe insgesamt anfassen und ausreissen musste; sein Garten des Lebens glich immer mehr einem guten englischen, worin nur stachlichte und leere, aber keine Obstbäume gelitten werden.

Jeden Abend, wenn er das Schloss am Gitterbette aufdrückte, sagt' er äusserst vergnügt zu seiner Lenette: "Jetzt sind nur noch 20 (oder 9, oder 18, oder 17) Tage hinauf das Schwenk schiessen." Aber nun hatte der Haarkräusler und Versteigerungausrufer Lenettenobgleich die Abende lang und dunkel und vortrefflich für arme Pfandherren waren und den verschämten nackten Jammer der armen Leute zudecktengänzlich verderbt; sie schämte sich vor den Leuten im haus. Firmian, der sich über die Unerschöpflichkeit seines Kopfes und seines Hauses zugleich verwunderte und der immer zu sich sagte: "Ich bin doch neugierig darauf, was mir heute wieder beifallen wird, und wie ich mich aus dieser Affäre ziehe"- Firmian hatte einige Tage nach dem Martini-Essen wieder zwei gute Möbeln im Vorschlag, einen langen Stechheber und ein breites grosses Schaukelpferd (von seiner Kindheit). "Wir haben weder ein Fass noch ein Kind", sagte er dazu; aber die Frau bat ihn um Gottes willen: "Das Schaukelpferd (sagte sie, als es in den Pfandstall gezogen werden sollte) und der Stechheber stechen zu weit aus der Schürze und aus dem Korbe heraus, und im Mondschein kanns jeder sehentu mir um Gottes willen die Schande nicht an!"

Und doch musste etwas fort; Firmian sagte in einer sonderbaren, schneidenden und gerührten Laune: "Sein muss esdas Schicksal trommelt wie Prizel64 unten auf der Trommel, und der Hafer springt in die Höhewir müssen aber einmal vom Trommelfelle fressen."

"Alles", sagte sie erschöpft, "nur nichts Bauschendeslass mich selber suchen." Sie suchte, zog die oberste Schublade der Kommode und hob einen Strauss von italienischen Blumen empor und sagte: "lieber das da!" und weinte nicht und lächelte nicht. Er hatte' es oft gesehen, aber da er ihrs selber am vorigen Neujahr- und Verlobungtage als seiner Verlobten geschenkt hatte, und da es so romantisch schön wareine weisse Rose, zwei rote Rosenknospen und ein Einfassgewächse von Vergissmeinnicht setzten den bunten Nachschatten einer abgewelkten Flora zusammen –, so hatten sich alle Fibern seines empfindlichen Herzens vor der Entäusserung dieses bunten Schaugerichts aus einer reichern frohern Zeit gesträubt. Dieses verzichtende, duldsame Hingehen des Nachflors an ihrer Brust erschütterte die seinige, als wenn tausend grosse Seufzer sich darin drängten. – "Lenette! (sagt' er, unendlich erweicht) es sind ja die Blumen bei unserer Verlobung." –

"Aber wer wird sie viel kennen? (sagte sie froh und kalt). Und sie sind doch nicht so gross wie andere Sachen."

"Hast du es denn vergessen", stammelte er, "wie ich dir damals die Bedeutung des Strausses erklärte?"

"Ei, die Vergissmeinnicht (sagte sie noch kälter und über ihr Gedächtnis erfreuet) wollen sagen, dass ich dein nicht vergesse und du mein nichtdie Knospen bedeuten Freudenein, die Knospen bedeuten die Freude, die noch nicht ganz da istund die weisse Rosedas weiss ich wahrhaftig selber nicht mehr."....

"Schmerz bedeutet sie (sagte er hingerissen), Unschuld und Gram und ein bleiches weisses Angesicht bedeutet sie." Er fiel ihr weinend um den Hals und rief es beinahe: "Du Gute! du Gute! ich kann ja nichts dafürich wollte dir gerne alles geben, aber ich habe nichts."....

Er hörte plötzlich auf, denn sie hatte unter der Umarmung das Schubfach in die Kommode zurückgedrückt und sah ihn mit hellen sanften Augen an, in denen keine einzige Träne war. Sie fuhr im Tone der vorigen Bitte und mit einer grösseren Hoffnung fort: "Nicht wahr, ich behalte den Heber und das Pferd? – Und für den Strauss bekommen wir auch mehr." – Er sagte in einem fort und in immer weichern