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man erlaube mir ein wichtiges Wort zu seiner Zeiteine äusserst gefährliche Nachlässigkeit der Regierungen, dass die jüdischen Festund Fasttage und ihre andern gottesdienstlichen zeiten jetzt, wo die Juden in deutschen Staaten gleichsam die Generalpächter und Metallkönige der Christen sind, nicht öffentlich und allgemein zum Vorteile so vieler bekannt und verkündigt werden, welche bei ihnen borgen oder sonst handeln wollen? Wer anders leidet dabei als gerade die angesehensten Klassen, Personen von Geburt, von Range, vom Stabe, welche an Festen von Haman, von Ostern, von Tempeleroberung, von Gesetzes-Freude ihre Papiere bringen und Gelder suchen, aber keine dafür haben können? Sollten nicht in allen Kalendernwie glücklicherweise längst in den berlinischen und bayerischendie jüdischen Feste bezeichnet werden, sogar bis auf Stunde ihrer Dauer, oder in Zeitungen oder durch Ausrufer verkündigt und in schulen eingeprägt? Unsere Festkalender braucht freilich der Jude nicht, da wir ihm zu Gefallen gern jeden Sonntag verschieben und aussetzen, und wär' es der erste im Jahr, das fest der jüdischen Beschneidung, und er wird deshalb auch künftig, wenn die jüdische Universalmonarchie wirklich eintritt, seinem Judenkalender keinen Christenkalender anhängen, wie wir jetzt dem christlichen den jüdischen; aber die notwendigkeit, den Christen schon in schulen die jüdischen Festzeiten und ihre religiösen Gebräuche mehr einzuschärfen, wird erst künftig recht einleuchten, wenn die Juden endlich Deutschland zu ihrem Gelobten land erhoben und uns den Kreuzund Rückzug in das asiatische zu einem Heiligen grab und einem heiligen Schädelberge übrig gelassen haben.

Gleichwohl sollten wir nicht (wünsch' ich, um diese Abschweifung mit einer zu schliessen) künftig, wenn wir die christlichen Zähler jüdischer Nenner werden, als neue Kreuzzügler das Palästina wieder suchen, nach welchem die Juden selber wenig fragen und jagen. Gewiss werden sie künftig gegen uns weit mehr Geist der Duldung beweisen, als wir sonst leider gegen sie gezeigt; eben ihr Handelgeist, den man ihnen bisher so sehr verdacht und aufgerückt, wird sich zu einem Schutzgeiste für uns arme Christen aufstellen und sich unserer annehmen, da wir ihnen zum Abkaufen und Verspeisen der weggeworfenen unpräparierten Hinterviertel des Viehs (sie dürfen ohne Ausäderung ja bloss die Vorderteile geniessen) so unentbehrlich sind. Wer anders als Christen kann ihnen das Vieh, das sie am Schabbes62 nicht zur Arbeit erniedrigen dürfen, vertreten und die nötigen Spannund Hand-Dienste leisten, und wem wollen sie, gleich den alten Republikanern, Arbeit und Handwerke übertragen als uns, gleichsam ihren edlern Heloten und Sklaven, für welche sie daher gewiss mehr Schonung haben werden als für ihre bisherigen untreuen Wechselschuldner? – –

Ich kehre zu unserm Armenadvokaten zurück und berichte weiter, dass er morgens am Martinitage kein Kauf-Geld erhalten konnte und folglich auch keine Martinsgans dafür. Lenettens Jammer über die entflogene Gans ihrer Konfession muss man selber fühlen. Die Weiberwelche weniger nach Essen und Trinken fragen als die besten aszetischen Philosophen63, ja mehr nach diesen selber als nach jenensind gleichwohl nicht zu bändigen, wenn ihnen gerade gewisse chronologische Lebenmittel entgehen; ihr Hang zu bürgerlichen Festlichkeiten macht, dass sie lieber Festlieder und Evangelien entraten als zu Weihnachten die Stollenzu Ostern die Käskuchenam Martinitag die Gans; ihr Magen fodert, wie ein katolischer Altar, an jedem hl. fest einen andern FestÜberzug. Daher ist dieses kanonische Gebäck ihr zweites Abendmahl, das sie, wie das erste, nicht des Gaumens halber nehmen, sondern "der Ordnung wegen". – Siebenkäs fand im Antonin und Epiktet kein Mittel und keine Ersatzmänner der Gans, womit er die wimmernde Lenette hätte stillen können, die immer sagte: "Wir sind doch auch Christen und gehören zur luterischen Gemeinde: und heute haben alle Luteraner Gänse auf dem Tisch; so war es bei meinen sel. Eltern. – Aber du glaubst an nichts." – Aber der Unglaubige schlich noch am späten Judenfeiertage zum Juden, welcher einen artigen Gänsestall mit dünnen und mit fetten Lebern als einen Poststall für auswärtige Glaubengenossen hielt. Er zog bei ihm eine hebräische Duodezbibel aus der tasche und legte sie auf den Tisch mit den Worten: er find' an ihm mit Freuden einen wackern Gesetzstudierenden; einem solchen aber geb' er am liebsten seine Bibel ganz, ohne einen heller zu verlangen; er selber könne sie als eine unpunktierte (ohne Selblauter) ohnehin nicht gut lesen, zumal da es ihm auch mit einer punktierten nicht gelinge. "Aber meine Serviettenpresse", setzte er hinzu und brachte sie unter dem Schanzlooper hervor, "möchte' ich gern hier ablegen, da sie mich beschweren würde. Ich wünschte nämlich gern aus Ursachen einen Ganser aus Ihrem Stalle mitzunehmener kann immer zaundürr sein –; Sie mögen ihn meinetwegen an einem so heiligen Tage für ein Almosen nehmen, das Sie mir geben. Hol' ich die Presse wieder ab: so können wir ja immer noch weiter aus der Sache sprechen."

So bracht' er denn wirklich, um die freien Religionübungen seiner Frau nicht zu hindern, den Kontrovers-Ganser ein, der zur Polemik und zu den Unterscheidlehren zu gehören schien; und den Tag darauf assen die zwei Doktoranden Martinisten Luteristen den Schmalkaldischen Artikelwie denn oft durch die schmalkaldischen Warenartikel von Eisen die teologischen verfochten wurdengar nach; und das Kapitolium des luterischen Lehrbekenntnisses war, wie mich dünkt, leicht durch dieses Tier (das man über einem Autodafee gebraten) errettet worden.

Aber an eben diesem Morgen kam der Perückenmacher herauf, den er allemal mit dem grössten Vergnügen sah