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Das war es.

Ich denke, es war nicht unüberlegt, dass ich ihm das grosse Kauf-Publikum, da er ein kleineres, nur etliche Fuss langes und dickes ist, mit Zügen vorschilderte, die auf ihn selber passten; es wurde ja eigentlich an ihm damit bloss der Versuch gemacht, was das KaufPublikum selber sagen würde zu folgenden Gedanken: "Das jetzige Publikum, Hr. Hauptmann, wird nach und nach eine solide nord-indische Kompagnie und macht jetzt, dünkt mich, einige Figur neben den Holländern, bei welchen Butter und Bücher bloss ein Artikel des aktiven Handels sind und die für das attische Salz Geschmack haben, womit Beukelszoon die Fische einpökelte, und die ich, ob sie gleich dem Erasmus, der keine ass, für ein besseres eine Statue schenkten, doch damit rechtfertige, dass sie dem obigen Einsalzer noch früher eine haben meisseln lassen. Selber Campe, welcher die Verfasser des Spinnrades und der braunschweigischen Mumme den Formern und Braumeistern der Heldengedichte keinesweges unterordnet, wird mir recht geben, wenn ich sage, dass jetzt aus dem Deutschen etwas werdenämlich ein gesetzter gründlicher Mann ein Handelmannein Geschäftmannein Mann von Jahren, der Essbares von Denkbarem zu sichten und dieses wegzuschaffen weissder Nachdrucker von Verlegern, und die Manufakturisten von beiden unterscheidet und reinigtein Spekulant, der, so wie die Hühner vor den mit Fuchsdärmen bezognen Harfen davonfliegen, seinerseits gar keine poetische Harfe hören kann, und hätte sie der Harfener mit seinem eignen Gedärm besaitet der nun bald keine zeichnende Künste mehr dulden wird als auf Warenballen2, keine Druckerei als auf Kattun." – –

Hier sah ich zu meinem Erstaunen, der Handelmann sei schon eingeschlafen und habe seinen Sinnen-Kaufladen geschlossen. Es ärgerte mich, ihn so lange umsonst gefürchtet und angeredet zu haben; ich war nichts als der Teufel gewesen und er der König Salomo, welchen der Böse für lebendig gehalten3.

Inzwischen, um ihn nicht aufzuwecken durch einen schnellen Tonwechsel, setzt' ich ruhig das Gespräch mit ihm fort; redete ihn aber, immer weiter gegen das Fenster fortrückend und wegschleichend, mit folgendem leisen diminuendo der stimme an: "und von einem solchen Publikum erwart' ich sehr, dass es einmal über Altarblätter Schuhblätter setzen lernt, und dass es bei dem moralischen und philosophischen Kredit eines Professors vor allen Dingen fragt: 'ist der Mann gut?' – Und ferner ist zu erwarten, dass ich jetzt, teuerste Zuhörerin (setzt' ich in unverändertem Tone dazu, um dem Schläfer dasselbe Geräusch vorzumachen), Ihnen die Blumenstücke vorerzählen werde, die ich gar noch nicht einmal zu Papier gebracht und die ich leicht heute zu Ende führe, wenn Sie dort (der Vater Jakobus) so lange schlafen." Ich fing also folgendergestalt an: N.S. Es wäre jedoch lächerlich, wenn ich die ganzen Blumen- und Dornenstücke, da sie schon sogleich im buch selber auftreten, wieder in die Vorrede wollte hereindrucken lassen. Aber zu Ende dieses buches will ich das Ende der Vorrede und dieses hl. Abends beifügen und mich dann an das zweite Bändchen machen, damit es zu Ostern zu haben ist. Hof, den 7. Nov. 1795

Jean Paul Friedr. Richter.

Ehestand, Tod und Hochzeit

des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs

im Reichsmarktflecken Kuhschnappel

Ein treues Dornenstück

Erstes Kapitel

Hochzeittag nach dem Respittagedie beiden

EbenbilderSchüsseln-Quintette in zwei Gängen

Tischredensechs arme und hände

Der Armenadvokat Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel hatte den ganzen Montag im Dachfenster zugebracht und sich nach seiner Braut umgesehen; sie sollte aus Augsburg früh ein wenig vor der Wochenbetstunde ankommen, damit sie etwas Warmes trinken und einmal eintunken könnte, ehe die Betstunde und die Trauung angingen. Der Schulrat des Orts, der gerade von Augsburg zurückfuhr, hatte versprochen, die Verlobte als Rückfracht mitzunehmen und ihren Kammerwagen oder Mahlschatz hinten auf seinen Koffer zu binden. Sie war eine geborne Augsburgerindes verstorbenen luterischen Ratkopisten Egelkraut einzige Tochter –, wohnte in der grösser war als mancher Salon, und war überhaupt nicht unbemittelt, da sie nicht wie pensionierte HofSoubretten von fremder Arbeit lebte, sondern von eigner; denn sie hatte die neuesten Kopf-Trachten früher als die reichsten fräulein in den Händen (wiewohl in einem Formate, dass keine Ente den Putz aufsetzen konnte) und führte nach dem kleinen Baurisse die schönsten Hauben im grossen aus, wenn sie einige Tage vorher bestellt waren.

Alles, was Siebenkäs unter dem Warten tat, waren einige Eidschwüre, dass der Teufel das Suchen und seine Grossmutter das Warten ausgesonnen. Endlich erhielt er noch früh genug statt der Braut einen Nachtboten mit einem Schreiben des Schulrats: er und die Verlobte könnten unmöglich vor Dienstags eintreffen, sie arbeite noch an ihrem Brautkleide, und er noch in den Biblioteken der Exjesuiten und des Geheimen Rat Zapf und der Gebrüder Veit und an einigen Stadttoren. Letzte bewahren bekanntlich uns noch römische Altertümer. Indes Siebenkäsens Schmetterlingrüssel fand in jeder blauen Distelblüte des Schicksals offne Honiggefässe genug; er konnte doch am leeren Montag die letzte Arm-Feile und den Glättzahn an seine stube legen, mit Schreibfedern den Streusand und den Staubpuder vom Tische fegen, das papierne Geniste hinter dem Spiegel ausreuten, das Dintenfass von Porzellan mit unsäglicher Mühe weisser wischen und die Butterbüchse und die Kaffeetässchen auf dem Trongerüste eines Schrankes mehr weiter hervor in Reih und Glied stellen und die Messingnägel am ledernen Grossvaterstuhl blitzgelb scheuern. Er unternahm die neue Tempelreinigung seiner stube nur aus