heissen Stich- und Brennpunkt einer Sekunde fasset und auf unsere Nerven richtet. Das Peinlichste am körperlichen Schmerze ist das – Unkörperliche, nämlich unsere Ungeduld und unsere Täuschung, dass er immer währe.
Wir wissen alle gewiss, dass wir uns über manchen Verlust in zwanzig, zehn, zwei Jahren nicht mehr betrüben; warum sagen wir nicht zu uns: "So will ich denn lieber eine Meinung, die ich in zwanzig Jahren verlasse, lieber gleich heute wegwerfen; warum will ich erst zwanzigjährige Irrtümer abdanken, und nicht zwanzigstündige?"
Wenn ich aus einem Traum, der mir ein Otaheite auf den schwarzen Grund der Nacht hinmalte, wieder erwache und das blumige Land zerflossen erblicke: so seufz' ich kaum und denke, es war nur geträumt. Wie, und wenn ich diese blühende Insel wirklich im Wachen besessen hätte und wenn sie durch ein Erdbeben eingesunken wäre: warum sag' ich nicht da: die Insel war nur ein Traum? Warum bin ich untröstlicher bei dem Verlust eines längern Traums als bei dem Verlust eines kürzern (denn das ist der Unterschied), und warum findet der Mensch eine grosse Einbusse weniger notwendig und wahrscheinlich als eine kleine? –
Die Ursache ist: jede Empfindung und jeder Affekt ist wahnsinnig und fodert oder bauet seine eigne Welt; der Mensch kann sich ärgern: dass es schon oder erst 12 Uhr schlägt. – Welcher Unsinn! Der Affekt will nicht nur seine eigne Welt, sein eigenes Ich, auch seine eigne Zeit. – Ich bitte jeden, einmal innerlich seine Affekten ganz ausreden zu lassen und sie abzuhören und auszufragen, was sie denn eigentlich wollen: er wird über das Ungeheuere ihrer bisher nur halb gestammelten Wünsche erschrecken. Der Zorn wünschet dem Menschengeschlecht einen einzigen Hals, die Liebe ein einziges Herz, die Trauer zwei Tränendrüsen und der Stolz zwei gebogne Knie! –
Wenn ich in Widmanns Höfer Chronik die ängstlichen blutigen zeiten des Dreissigjährigen Krieges durchlas, gleichsam durchlebte; wenn ich das Hülferufen der Geängstigten wieder hörte, die in den Donaustrudeln ihrer Zeit arbeiteten, und das Zusammenschlagen der hände und das wahnsinnige Herumirren auf den zerstreueten mürben Brücken-Pfeilern wieder sah, gegen welche schäumende Wogen und reissende Eisfelder anschlugen und wenn ich dann dachte: alle Wogen sind zerflossen, das Eis zerschmolzen, das Getümmel ist verstummt und die Menschen auch mit ihren Seufzern: so erfüllte mich ein eigner wehmütiger Trost für alle zeiten, und ich fragte: "War und ist denn dieser flüchtige Jammer unter dem Gottesackertore des Lebens, den drei Schritte in der nächsten Höhle beschliessen, der feigen Trauer wert?" – Wahrlich wenn es erst, wie ich glaube, unter einem ewigen Schmerze wahre Standhaftigkeit gibt, so ist ja die im fliehenden kaum eine.
Eine grosse, aber unverschuldete Landplage sollte uns nicht, wie die Teologen wollen, demütig machen, sondern stolz. Wenn das lange schwere Schwert des krieges auf die Menschheit niedersinkt und wenn tausend bleiche Herzen zerspalten bluten – oder wenn im blauen reinen Abend am Himmel die rauchende heisse Wolke einer auf den Scheiterhaufen geworfnen Stadt finster hängt, gleichsam die Aschenwolke von tausend eingeäscherten Herzen und Freuden: so erbebe sich stolz dein Geist und ihn ekle die Träne und das, wofür sie fällt, und er sage: "Du bist viel zu klein, gemeines Leben, für die Trostlosigkeit eines Unsterblichen, zerrissenes unförmliches Pausch- und Bogen-Leben – auf dieser aus tausendjähriger Asche geründeten Kugel, unter diesen Erdengewittern aus Nebel, in dieser Wehklage eines Traums ist es eine Schande, dass der Seufzer nur mit seiner Brust zerstiebt, und nicht eher, und die Zähre nur mit ihrem Auge." –
Aber dann mildere sich dein erhabner Unmut und lege dir die Frage vor: wenn nun der verhüllte Unendliche, den glänzende Abgründe und keine Schranken umgeben und der erst die Schranken erschafft, die Unermesslichkeit vor deinen Augen öffnete und dir sich zeigte, wie er austeilt die Sonnen – die hohen Geister – die kleinen Menschenherzen – und unsere Tage und einige Tränen darin: würdest du dich aufrichten aus deinem Staube gegen ihn und sagen: Allmächtiger, ändere dich! –
Aber ein Schmerz wird dir verziehen oder vergolten: es ist der um deine Gestorbnen. Denn dieser süsse Schmerz um die Verlornen ist doch nur ein anderer Trost; – wenn wir uns nach ihnen sehnen, ist es nur eine wehmütigere Weise, sie fortzulieben – und wenn wir an ihr Scheiden denken, so vergiessen wir ja so gut Tränen, als wenn wir uns ihr frohes Wiedersehen malen, und die Tränen sind wohl nicht verschieden....
Fortsetzung und Beendigung des sechsten
Kapitels
Der grillierte Kattun – neue Pfandstücke – christliche Vernachlässigung des Judenstudiums – der aus den
Wolken gereichte Helfarm aus Leder – die
Versteigerung
Im siebenten Kapitel wird das Schwenk- und Andreasschiessen gehalten: das jetzige füllet der winterliche dornige Zwischenraum bis dahin oder das Wolfmonat mit seinem Wolfhunger. Siebenkäs würde sich damals geärgert haben, wenn ihm jemand vorausgesaget hätte, mit welchem Mitleiden sein Aktivhandelflor von mir werde beschrieben und mitin von Millionen Menschen aller zeiten werde gelesen werden; er verlangte kein Mitleiden und sagte: "Wenn ich lustig bleibe: warum seid ihr denn mitleidig?" Die Möbeln, die er neulich gleichsam wie der Tod berühret oder mit dem Waldhammer seiner Hand angeplätzet hatte, wurden nach und nach ausgeholzet und abgetrieben. Der geblümte Spiegel in der kammer, der sich zum Glück selber in keinem sah, wurde zuerst von der Toten- oder Abendglocke im Bahrtuch einer Schürze aus dem haus geläutet