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mit. Unsern Eheleuten war die Wetterfahne eine Trauerfahne; sie zogen zwar nicht wie arme Tagelöhner mit Körben und Karren aus in den Wald nach abgefallenem Ast- und Leseholz, aber sie handelten doch den Wald-Fahrern dieses Brennholz, das erst durch ein zweites abgedampfet werden musste, nach dem Gewichte wie indische Hölzer ab. Das nasskalte Wetter tat aber dem Beutel des Advokaten nicht halb so viel Eintrag als seinemStoizismus: er konnte nicht hinauslaufen und auf einen Berg steigen und sich umschauen und sich rund im Himmel das suchen, was den beklommenen Menschen tröstet, was die Nebel des Lebens niederschlägt, was uns hinter einer anglimmenden Nebelbank wenigstens führende Nebelsterne zeigt. Wenn er sonst auf den Rabenstein oder auf eine Höhe stieg: so hob sich die Aurora der Glücksonne unter dem Horizont glimmend heraufdie Qualen des Erdenlebens lagen und schossen wie andere Vipern nur in den Klüften und Tiefen, und keine Klapperschlange konnte sich mit ihren Zähnen aufbäumen bis an seinen Bergach da im Freien, da in der Nachbarschaft vor dem Meere des unübersehlichen Lebens und des hohen himmels, da zieht der blaue Kohlendampf unserer erstickenden Lage tief unter uns, da fallen die Sorgen wie Blutigel vom blutenden Busen, da breitet der Erhobene die wundgedrückten losgeketteten arme wie fliegend im reinen Äter aus und will mit ihnen alles umfassen, was über ihm ruht, und strecket sie, gleichsam wiederkommend, nach dem unendlichen unsichtbaren Vater hin und nach der sichtbaren Mutter, nach der natur, und sagt: "Nimm nur diese Linderung nicht zurück, wenn ich drunten wieder in den Schmerzen und im Nebel bin." – Und darum sind Gefangne und Kranke so unglücklich in ihren festen Ketten; sie bleiben in ihrer Tiefe angeschlossen, worüber sinkende Wolken gehen, und sehen nur von weitem auf die Berge hinauf, wo man, wie in Sommermitternächten auf denen der Polarländer, die unter den Horizont gefallene Sonne mit einem milden, gleichsam schlummernden Angesicht in der Tiefe glimmen sieht. – Aber in solchem schlechten einsperrenden Wetter war ihm statt des Trostes der Empfindung, der sich unter dem freien Himmel entwickelt, der Trost der Vernunft beschieden, der im Treibscherben der stube fortkommt. Sein grösster, den ich jedem anlobe, war dieser: die Menschen stehen unter einer doppelten notwendigkeit, unter der täglichen, die sie ohne Murren dulden, und unter der jährlichen und seltenen, die sie nur zankend tragen. Die tägliche und ewig wiederkommende ist die, dass im Winter bei uns kein Getreide blühetdass wir nicht einmal, wie so manches Vieh, Flügel tragenoder dass wir vollends nicht uns auf die Ringgebirge des Mondes stellen können, um von da herab an den meilentiefen Abgründen die hinabsteigende köstliche Sonnenbeglänzung zu verfolgen. Die jährliche oder seltene notwendigkeit ist, dass es in die Kornblüte regnet, dass wir in manchen Erden-Sumpfwiesen nicht gut und dass wir zuweilen, weil wir Hühneraugen oder keine Schuhe haben, gar nicht gehen können. Allein die jährliche notwendigkeit ist ja so gross als die tägliche, und es ist gleich unsinnig, sich gegen Schlag-Lähmung als gegen Flügellosigkeit zu sperren; alles Vergangneund dieses allein ist der Gegenstand der Qualist so notwendig und eisern, dass es in den Augen eines höhern Wesens derselbe Unsinn ist, ob ein Apoteker über seine abgebrannte Apoteke murrt oder ob er darüber stöhnt, dass er nicht im Mond botanisieren kann, wiewohl er in den dasigen Phiolen manches fände, was er in den seinigen vermisset.

Ich will hier ein Extrablättchen über den Trost in unserem windigen nasskalten Leben aufsetzen. – Wer wieder über eine kurze Abschweifung äusserst verdrüsslich ist und kaum bei Trost, der suche eben seinen Trost im

Extrablättchen über den Trost

Es kann, d.h. es muss noch eine Zeit kommen, wo es die Moral befiehlt, nicht bloss andere ungequält zu lassen, sondern auch sich; es muss eine Zeit kommen, wo der Mensch schon auf der Erde die meisten Tränen abwischt, und wär' es nur aus Stolz! –

Die natur reisset zwar mit solcher Eile Tränen aus den Augen und Seufzer aus der Brust, dass der Weise nie den Trauerflor vom Körper ganz abheben kann; aber seine Seele trage keinen! Denn ist es einmal Pflicht oder Verdienst, das kleinste Leiden heiter zu übernehmen: so muss auch das Verschmerzen des grössten noch Verdienst sein, nur ein grösseres, so wie derselbe Grund, der die Vergebung kleiner Beleidigungen gebietet, auch für das Verzeihen der grössten gilt.

Das erste, was wir am Schmerzewie am Zornzu bekämpfen oder zu verschmähen haben, ist seine giftige lähmende Süssigkeit, die wir so ungern mit der Arbeit des Tröstens und der Vernunft vertauschen und vertreiben.

Wir müssen nicht begehren, dass die Philosophie mit einem Federzuge die umgekehrte Verwandlung von Rubens nachtue, der mit einem Striche ein lachendes Kind in ein weinendes umzeichnete. Es ist genug, wenn sie die ganze Trauer der Seele in Halbtrauer verwandelt; es ist genug, wenn ich zu mir sagen kann: "Ich will gern den Schmerz tragen, den mir die Philosophie noch übriggelassen; ohne sie wär' er grösser und der Mückenstich ein Wespenstich."

Sogar der körperliche Schmerz schlägt seine Funken bloss aus dem elektrischen Kondensator der Phantasie auf uns. Die heftigsten Stiche erlitten wir ruhig, wenn sie eine Tertie lang währten; aber wir stehen ja eben nie eine Schmerzenstunde aus, sondern nur zusammengereihete Schmerzen-Tertien, deren sechzig Strahlen bloss die Phantasie in den