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forte et dure ausstandin die kammer schleiche und ungehört den Gewürz-Holländer (Lumpenhacker) vom Sessel in die Schürze lege.

Nach einer guten halben Stunde kam endlich RappeeBier Geldund Freude in die stube; die Glokkenspeise des Mörsers war in eine bessere für den Magen umgesetzt, und diese Glocke war gleichsam das Wandelglöckchen gewesen, das hier nicht bloss wie bei den Papisten eine Transsubstantiation oder Brotverwandlung anzeigte, sondern sogar eine selber erfuhr. Diese Gewürz-Lohmühle war schnell in Sägeblätter für die Rappee-Sägemühle des Rates auseinander gelegt. – Das Blut lief jetzt nicht mehr zwischen Klippen und Steinen, sondern ohne Wellen neben Wiesen über kleine Silberkörner des Lebens hinweg. So ist der Mensch: im grossen Elend richtet ihn die nächste frohe Minute auf, im grossen Glück schlägt ihn die entfernteste, noch unter dem Horizonte stehende trübe nieder. – Kein grosser, der Küchenmeister, Kellerschreiber, Kapaunenstopfer und Mundbäcker hat, wird von dem Vergnügen, zu bewirten oder bewirtet zu werden, gelabt; er bekommt und erstattet keinen Dank; aber der arme Wirt steht mit dem armen Gast, mit dem er den Laib und die Kanne halbiert, im Wechselbunde des Dankes.

Der Abend unterband mit einer weichen Binde den Morgen des Schmerzesder Mohnsaft von 60 Tropfen Freude wurde jede Stunde eingenommen, und die Arzenei betäubte und berauschte sanft. Siebenkäs gab beim Abschiede dem alten guten Hausfreund einen herzlichen dankbaren Kuss für seinen aufheiternden Besuch, Lenette stand mit dem Leuchter in der Hand darneben. Der Mann, um sie zu entschädigen, dass er heute ihren kleinen Eigensinn im Mörser zu Grütze zerstossen, sagte schnell und freundlich zu ihr: "Gib ihm noch einen dazu." Die Röte schlug wie eine Flamme an ihren Wangen hinauf, und sie bog sich zurück, als hätte sie schon einem mund auszuweichen. Es lag am Tage, sie wäre, hätte sie nicht das Amt einer Fackelträgerin versehen, davongelaufen in die kammer. Der Rat stand in einer leuchtenden Freundlichkeitwie etwa eine weisse Wintergegend im Sonnenscheinvor ihr und passte darauf, dasssie ihn küsse. Das fruchtlose Lauern verdross ihn zuletzt und noch mehr das voreilige Zurückkrümmen; beleidigt, aber im alten freundlichen Glanze warf er die Frage auf: "Bin ich keines Kusses wert, Frau Advokatin?" Der Mann sagte: "Sie werden doch nicht erwarten, dass die Frau ihn gibtsie steckte ja mit dem Leuchter Ihr Haar und alles in Brand." jetzt neigte sich der Pelzstiefel langsam und bedächtig und gebietend auf den umflammten Mund herab und setzte seinen heissen auf ihren, wie eine halbe Stange tropfendes Siegellack auf die andere halbe. Lenette gab ihm durch das Zurückbiegen des Hauptes mehr Fläche; jedoch muss man sagen, dass sie, indem sie den linken Arm mit dem Leuchter, der Feuergefahr wegen, weit in die Luft hinaushielt, den Rat mit dem rechten, einer andern, nähern Feuergefahr wegen, höflich wegzustemmen vieles tat. Noch nach seinem Abgange schien sie ein wenig verlegenihr gang hatte etwas Schwebendes, als wenn eine grosse Entzückung sie mit ihren Flügeln aufwehetedie Abendröte hielt auf ihren Wangen immerfort an, als der Mond schon hoch standund ihre Augen glänzten, ohne Aufmerksamkeit, ihr Lächeln kam eher als ihre Worte, und sie sagte wenigean den Gewürzmörser wurde gar nicht gedacht sie fasste alles leiser und sanfter an und sah einigemal vom Fenster in den Himmelsie hatte gar keine Esslust mehr zum halben Zweigroschenlaibe und trank kein Bier, sondern einige Gläser wasser mehr – – Ein anderer, z.B. ich, hätte die Finger aufgehoben und geschworen, er sehe' ein Mädchen schweben, das heute vom Geliebten den ersten Kuss erlitten.

Ich würde meinen Schwur nicht bereuet haben, wenn ich am Tage darauf in das schnelle Morgenrot gesehen hätte, das an Lenetten bei der Ankunft der Gelder für die Rezensionen und für den Rappee auffloh. Es war ein Wunder und eine Höflichkeit, dass der Pelzstiefel das Anleihen zur Tabak-Pechscharre nicht zurückzuzahlen vergessen hattekleine Schulden von 2, 3 Gr. kamen ihm immer aus dem zerstreueten Kopf. Aber Reiche, die immer weniger Geld mit sich schleppen als arme und die es von diesen daher entlehnen, sollten solche Klitterschulden an eine Gedächtnissäule im kopf schreiben, weil es ungerecht ist, in den Beutel eines armen Teufels einzubrechen, der noch dazu keinen Habedank für seinen in den Letefluss fallenden Groschen bekömmt...

Ich gäbe zwei Bogen von diesem Manuskript darum, wenn das Schwenkschiessen einmal käme, bloss weil das gute Ehepaar so sehr darauf und auf die Vogelstange bauet. Denn die Lage dieser Leute wird immer härter, die Tage ihres Schicksals gehen mit denen des Kalenders vom Oktober in den November, d.h. vom Nachsommer in den Vorwinter über, und moralische Fröste und Nächte nehmen mit den physischen zu. Ich will aber ordentlich fortfahren. –

Überhaupt ist schon der November, der die Briten novembrisieret, an sich der schlimmste monat im ganzen Jahrgang, für mich ein wahrer Septembriseur; ich wollt', ich hätte den Winterschlaf bis zu Anfange des Christmonats. Der fünfundachtziger November hatte beim Antritte seiner Regierung einen fatalen pfeifenden Atem, eine kalte Hand wie der Tod und eine unangenehme Wolken-Tränenfistel; er war nicht auszustehen. Der Nordostwind, den man im Sommer so gern als einen Vorboten des beständigen Wetters hinter seinen Ohren herlaufen hört, bringt im Herbste bloss eine beständige Kälte