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sind in der Ehe so lange Kleinigkeiten, als ihr Märterer sie nicht rügte; nach dem Rügegerichte aber sind sie noch schlimmerdenn sie kommen öfter vorals Todsünden und Felonien und Brüche. Würde der Verfasser dieses durch dergleichen Pleonasmen in seinen arbeiten gehemmt: so würde' er weiter nichts machen am wenigsten eine Strafpredigtalsweil man ihn gerade aufmuntertefolgendes

Extrablättchen über das Reden der Weiber

Der Verfasser des buches über die Ehe sagt: eine Frau, die nicht spricht, sei dumm. Aber es ist leichter, sein Lobredner als sein Jünger zu sein. Die klügsten Weiber sind oft stumm unter Weibern, und die dümmsten und stummsten sind oft beides unter Männern. Im ganzen gilt vom weiblichen Geschlecht die Bemerkung über das männliche, dass die Menschen am meisten denken, die am wenigsten sprechen, so wie die Frösche aufhören zu quaken, wenn man ein Licht ans Weiher-Ufer stellt. – übrigens kommt das viele weibliche Sprechen von ihren sitzenden arbeiten; die sitzenden Handwerker, Schneider, Schuster, Weber, haben mit ihnen nicht nur die hypochondrischen Phantasien, sondern auch das viele Sprechen gemein.

Die Arbeittischlein der weiblichen Finger sind grade die Spieltafeln weiblicher Phantasien, und die Stricknadeln werden innerlich Zauberstäbchen, womit sie die ganze stube in eine Geisterinsel voll Träume verwandeln; daher zerstreuet ein Brief oder ein Buch eine Verliebte mehr als vier Paar Strümpfe, die sie strickt. Die Affen reden nichtwie die Wilden sagen –, um nicht zu arbeiten; aber viele Weiber reden eben doppelt, weil sie arbeiten.

Ich habe nachgedacht, zu welchem Zweck. Anfangs scheint es, die natur ordne jenes Wiederholen des Gesagten zur Ausbreitung metaphysischer Wahrheiten an; denn da nach Jacobi und Kant Demonstration nichts ist als Fortschritt in identischen Sätzen, so demonstrieren die Weiber, da sie immer vom nämlichen zum nämlichen fortschreiten, unaufhörlich. Gleichwohl ist gewiss der natur an folgendem Nutzen mehr gelegen. Die Baumblätter verharren, wie scharfe Naturforscher behaupten, in einer flatternden Bewegung, um die Luft durch dieses stete Geisseln zu reinigen: diese Schwingung tut beinahe die Dienste eines schwachen kleinen Windes56. Es wäre aber ein Wunder, wenn die sparsame natur das viel längere, das siebzigjährige Schwingen der weiblichen Zungen ohne Absicht veranstaltet hätte. Die Absicht mangelt aber nicht; es ist dieselbe, warum die Blätter wackeln; der ewige Pulsschlag der weiblichen Zunge soll der Erschütterung und Umrüttelung der Atmosphäre fortelfen, die sonst anfaulte. Der Mond hat sein Wassermeer und der weibliche Kopf sein Luftmeer, das er gesund zu schütteln hat. Daher würde ein allgemeines pytagoreisches Noviziat in die Länge Epidemien nach sich ziehenund Nonnen-Kartausen Pestäuser. Daher nehmen unter kultivierten Völkern, die mehr sprechen, die grassierenden Krankheiten ab. Daher ist die Einrichtung der natur wohltätig, dass die Weiber gerade in grossen Städtenferner im Winterferner in Zimmernund in grossen Gesellschaften am meisten sprechen; denn eben in diesen Orten und zeiten ist die Luft am meisten verdorben, voll abgesetzten Phlogiston, und der Windfächel bedürftig. Ja die natur tritt hierin über alle Dämme der Kunst; denn wiewohl viele europäische Weiber den amerikanischen, die, um zu schweigen, den Mund voll wasser nehmen, es nachzutun versuchten und daher bei Besuchen ihn mit Tee oder Kaffee vollmachten: so tat doch gerade diese Flüssigkeit dem wahren weiblichen Sprechen mehr Vorschub als Abbruch.

Ich bin hierin, hoff' ich, weit entfernt von jenen engbrüstigen Teleologen, die jedem grossen Sonnengange der natur noch kleine Holzwege und Endabsichten unterschieben und vorstecken; solchen mag es geziemenich aber schäme michzu vermuten, dass das Oszillieren der weiblichen Zungen, deren Nutzen sich genugsam durch die Bewegung der Luft erweiset, vielleicht dazu diene, irgendeinen Sinn oder Gedanken geistiger Wesen z.B. der weiblichen Seele selberauszudrücken als Typus. Das gehöret unter die Dinge, von denen Kant sagt, dass man sie weder behaupten noch widerlegen kann. Ja ich wollte eher glauben, dass das Reden ein Zeichen sei, dass das Denken und innere Tätigsein aufhöret, wie in einer guten Mühle die Warnglocke nicht eher klingeln darf, als bis jene kein Getreide mehr zu mahlen hat. – Jeder Ehemann weiss auch, dass die Zunge noch darum in den weiblichen Kopf eingeheftet worden, damit sie durch ihren Klang richtig ansage, wenn darin ein Widerspruch, etwas Unregelmässiges oder etwas Unmögliches herrschet57. So hat auch Hr. Müller in seiner Rechenmaschine ein Glöckchen angebracht, dessen Klingeln bloss erinnern soll, dass in der Maschine ein falsches Rechenexempel oder irgendein Rechenverstoss vorkomme. – jetzt ist es die Pflicht des Physikers, hierin weiter zu forschen und abzuurteln, wieweit ich etwa fehlgehe.

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Ich wills nur offenbaren: der Advokat hat dieses Blättchen gemacht58.

Er vollendete seine Rezension erst den Morgen darauf. Er wollte freilich seine wenigen Gedanken über die Übersetzung der "Emilia" so lange öffentlich sagen, bis mit dem Gelde für die Gedanken seine Stiefeln konnten vorgeschuhet werdenandertalb Druckbogen verlangte Fecht für das Paar –, aber er hatte nicht die Zeit dazu; noch heute musst' er mit dem Setzer-Augenmass die Handschrift ausrechnen und den Lohn erheben.

Die Rezensionen gingen ab an den Redakteur: der kritische Kostenzettel liefda für den Bogen 2 fl., die Seite zu 30 Zeilen, kamenauf bis zu 3 fl. 4 Gr. und 5 Pf. – sonderbar! der Mensch lacht, wenn er Geistiges und Körperliches, Verstand und Ehrensold, Schmerzen