und überhaupt damals gar nicht anzeigen können, weil er erst fünf Jahre darauf – selber ans Licht trat.
Siebenkäs sagte freundlich zum Pelzstiefel: "Nicht wahr, wenn ich die Herren Frank und Steffens geschickt rezensieren soll, so muss meine gute Lenette nicht hinter mir hobeln und brausen mit dem Borstwisch?" – Das hätte wahrlich viel auf sich, sagte ernstaft der Rat. Nun wurde bei ihm eine scherzhafte und gemilderte Berichterstattung aus den Akten des häuslichen Inhibitiv-(Verbiet-)Prozesses eingereicht. Wendelinens freundliche gespannte Augen suchten das rubrum (den roten Titel) und das nigrum (das Schwarze oder den Inhalt) des Stieflischen Urtels aus seinem gesicht, das beide Farben trug, abzustehlen und wegzulesen. Aber Stiefel begann trotz seiner mit lauter Seufzern der sehnsüchtigen Liebe für sie ausgedehnten Brust sie anzureden, wie folgt: "Frau Armenadvokatin, das geht durchaus nicht – Denn etwas Edlers hat Gott nicht erschaffen als einen Gelehrten, der schreibt und denkt. Zehnmal hunderttausend Menschen sitzen in allen Weltteilen gleichsam auf Schulbänken um ihn, und vor diesen soll er reden – Irrtümer, von den klügsten Völkern angenommen, soll er ausreuten, Altertümer, längst verschwunden wie ihre Inhaber, soll er deutlich beschreiben, die schwersten Systeme soll er widerlegen oder gar erst machen sein Licht soll durch massive Kronen, durch die dreifache Filzmütze des Papstes, durch Kapuzen und Lorbeerkränze dringen und die gesamten Gehirne darunter erhellen – das soll er, das kann er; aber, Frau Advokatin, mit welcher Anstrengung! – Es ist schwer, ein Buch zu setzen, noch schwerer, zu schreiben. Mit welcher Spannung schrieb Pindar und vor ihm schon Homer, ich meine in der Ilias! – Und so einer nach dem andern bis auf unsere zeiten. – ist es dann ein Wunder, wenn grosse Skribenten in der entsetzlichsten Anstrengung aller ihrer Ideen oft kaum wussten, wo sie waren, was sie taten und wollten, wenn sie blind und taub und gefühllos gegen alles wurden, was nicht in die fünf inneren geistigen Sinnen fiel, wie Blindgewordene im Traume herrlich sehen, im Wachen aber wie gesagt blind sind? – Aus einer solchen Anstrengung kann ich mir es erklären, warum Sokrates und Archimedes dort standen und gar nicht wussten, was um sie tobe und stürme – warum im tiefen Denken Cardanus sein Zipperlein vergass – andere die Gicht – ein Franzos die Feuerbrunst – und ein zweiter Franzose das Sterben seiner Frau."
"Siehst du", sagte Lenette leis und froh zu ihrem mann, "wie will ein gelehrter Herr es hören, wenn seine Frau wäscht und fegt?" – Stiefel ging unerschüttert weiter im Kettenschluss: "Zu einem solchen Feuer, besonders ehe man noch hineinkommt, ist Windstille zuvörderst erforderlich. Daher wohnen in Paris die grossen Gelehrten und Künstler bloss in der St. Viktorstrasse, weil die andern Strassen zu laut sind. So dürfen eigentlich neben Professoren keine Schmiede, Klempner, Folienschläger in einer Gasse arbeiten." –
Siebenkäs setzte ernstaft dazu: "Besonders Folienschläger. – Man sollte nur bedenken, dass die Seele mehr Ideen als ein halbes Dutzend55 nicht beherbergen kann: tritt nun die des Getöses als eine böse Sieben ein, so macht sich eine oder die andere, die man durchdenken oder niederschreiben könnte, natürlicherweise aus dem kopf fort."
Stiefel foderte freilich der Frau den Handschlag als ein Pfandstück ab, dass sie wie eine Josuas-Sonne jedesmal stillstehen wollte, wenn Firmian die Feinde schlug mit seiner Feder und Geissel. "Hab' ich nicht selber", entgegnete sie, "schon einigemal den Buchbinder gebeten, nicht so arg auf seine Bücher zu schlagen, weil mein Mann es höre, wenn er seine Bücher macht?" Sie gab indes dem Rate die Hand; und er schied zufrieden von Zufriednen und hinterliess ihnen die Hoffnung gefriedigter Stunden.
Aber ihr Guten, wozu dienet euch der Friedensetat bei euerem halben Solde, in dem kühlen, leeren Waisenhaus der Erde, in dem ihr darbet, bei den dunkeln labyrintischen Irr-Klüften eueres Schicksals, worin der Ariadnens-Faden selber zur Schlinge und zum Garne wird? – Wie lange wird sich der Armenadvokat mit dem Pfand-Schilling des Zinns und mit dem Ertrage der zwei Rezensionen, die er nächstens machen wird, hinfristen können? – Allein wir sind alle wie der Adam in den Epopöen und halten unsere erste Nacht für den Jüngsten Tag und den Untergang der Sonne für den der Welt. Wir betrauern alle unsere Freunde so, als gäb' es keine bessere Zukunft dort, und betrauern uns so, als gäb' es keine bessere hier. – Denn alle unsere Leidenschaften sind geborne Gottesleugner und Ungläubige.
Sechstes Kapitel
Ehe-Keifen – Extrablättchen über das Reden der
Weiber – Pfandstücke – der Mörser und die
Rappeemühle – der gelehrte Kuss – über den Trost der
Menschen – Fortsetzung des sechsten Kapitels Dieses Kapitel fängt sich gleich mit Geldnot an; der jämmerliche, zerlechzte Danaiden-Eimer, womit das gute Ehepaar seine wenigen Groschen oder Goldkörner aus dem Paktolus aufzog, war immer in zwei Tagen wieder ausgetropft, wenigstens in dreien. Dasmal indessen konnten die Leute doch auf etwas Gewisses fussen, das nicht unbeträchtlich war, auf die zwei Rezensionen der zwei dagelassenen Rezensierstücke – auf 4 fl. konnten sie gewiss rechnen, wenn nicht auf 5.
Am Morgen nach dem Kusse setzte Firmian sich wieder auf seinen kritischen Schöppenstuhl und beurteilte. Er hätte ein Heldengedicht machen können, so wenig sausten die bisherigen Passatwinde der Morgenstunden.