1796_Jean_Paul_051_60.txt

). "Der Kaiser Antonin schickte zwar sein echtes Silbergeschirr in die Münze, und mir wär's noch weniger zu verargen; aber meinetwegen! Es soll kein Lot verkauft werden, sondern alles nurversetzt. Du bringst mich zum Glück darauf; denn am Andreastage kann ich, ich mag nun den Schwanz oder den Reichsapfel herunterschiessen oder gar König werden, alles mit Spass auslösen, ich meine mit dem baren Gewinste, besonders die Salatiere und Sauciere. Ich lasse dir Recht: haben wir denn nicht die alte Sabel im Haus, die alles hin und wider trägt, das Geld und die Ware?"

Nun liess sie es geschehen. Das Andreasschiessen war ihr Notschuss und Fortunatuswünschhütlein, die hölzernen Flügel des Vogels waren an ihre Hoffnung als ein wächsernes Flugwerk geschnallet, und das Pulver und Blei war wie bei Fürsten ihre Blumen-Sämerei künftiger Freudenblumen. Du arme in manchem Sinne! Aber eben arme hoffen unglaublich mehr als Reiche, Daher greifen auch die Lottos wie andere Epidemien und die Pest mehr arme Teufel an als reiche. Siebenkäs, der nicht nur auf den Verlust der Möbeln, sondern auch des Geldes verschmähend heruntersah, war im stillen des geheimen Vorsatzes, den Bettel beim Zinngiesser wie eine Reichspfandschaft ewig sitzen zu lassen, gesetzt auch, er würde König, und bei demselben bloss, wenn er einmal unter dessen Werkstatt vorbeiginge, die Verpfändung in einen Verkauf zu verwandeln.

Nach einigen hellen, stillen Tagen legte der Pelzstiefel wieder eine Abendvisite ab. Unter den Drangsalen ihrer Fruchtsperre, bei den Gefahren des Einschwärzens und da beinahe eine Träne oder ein Seufzer als Aufschlag, der entrichtet werden musste, auf jeden Laib Brot geleget war, da hatte Firmian kaum Musse, geschweige Lust gehabt, an seine Eifersucht zu denken. – Bei Lenetten muss es sich gerade umkehren, und falls sie Liebe gegen Stiefel hegt und trägt, so muss diese freilich auf seinem Gelddünger mehr wachsen als auf des Advokaten Acker voll Hungerquellen. Der Schulrat hatte kein Auge, das den versteckten Jammer eines Haushaltens unwillkürlich hinter dem Lächeln antrifft; er merkte gar nichts. Aber eben dadurch hatte dieses freundschaftliche drei eine heitere Stunde ohne Nebel, worin, wenn nicht die Glücksonne, doch der Glückmond (die Hoffnung und die Erinnerung) schimmernd aufstieg. Siebenkäs hatte doch wieder ein gebildetes Ohr vor sich, das sich in das närrische Schellengeläute und in die Trompeterstückchen seiner leibgeberischen Laune fand. Lenette fand sich nicht darein, und auch der Pelzstiefel verstand ihn nur, wenn er sprach, nicht wenn er schrieb. Beide Männer sprachen, wie die Weiber, anfangs bloss von Personen, nicht von Sachen; nur dass sie ihre skandalöse Chronik die Gelehrten- und Literargeschichte hiessen. Der Gelehrte will alle kleine Züge, sogar die Montierstücke und Leibgerichte eines grossen Autors kennen; aus demselben grund hat die Frau auf die kleinsten Züge einer durchreisenden Grossfürstin, bis auf jede Schleife und Franse, ein ungemeines Augenmerk. Dann kamen sie von den Gelehrten auf die Gelehrsamkeit – – und dann flohen alle Wolken des Lebens, und im Reiche der Wissenschaften wurde das trauernde, mit dem Hungertuche verhüllte Haupt wieder aufgedeckt und aufgerichtet. – Der Geist ziehet die Bergluft seiner Heimat ein und blickt von der hohen Alpe des Pindus hinab, und drunten liegt sein schwerer, verwundeter Leichnam, den er wie einen Alp seufzend tragen musste. Wenn ein dürftiger verfolgter Schulmann, ein dürrer fliegender Magister legens, wenn ein Pönitenzpfarrer mit fünf Kindern oder ein gehetzter Hauslehrer jämmerlich dort liegt, mit jeder Nerve unter einem Marterinstrument: so kommt sein Amtbruder, um welchen ebensoviel Instrumente sitzen, und disputiert und philosophiert mit ihm einen ganzen Abend lang und erzählt ihm die neuesten Meinungen der Literaturzeitungen. – Wahrlich dann wird die Sanduhr der Folterstunde54 umgelegtdann tritt glänzend Orpheus mit der Leier der Wissenschaften in die physische Hölle der zwei Amtbrüder, und alle Qualen brechen ab, die trüben Zähren fallen vom glänzenden Auge, die Furienschlangen ringeln sich zu Locken auf, das Ixionsrad rollet nur musikalisch in der Leier um, und die armen Sisyphi sitzen ruhig auf ihren zwei Steinen fest und hören zu.... Aber die gute Frau des Pönitenzpfarrers, des fliegenden Lesemagisters, des Schulmanns, was hat diese in der nämlichen Not für einen Trost? – ausser ihrem mann, der ihr eben deswegen manches nachsehen sollte, hat sie keinen.

Der Leser weiss noch aus dem ersten Teile, dass Leibgeber drei Programme aus Baireut geschickt; das vom Dr. Frank brachte Stiefel mit und trug ihm die Rezension desselben für den kuhschnappelschen Götterboten deutscher Programmen an. Dabei zog er noch ein anderes Werklein aus der tasche, das öffentlich zu beurteilen war. Der Leser wird beide Werke mit Freuden empfangen, da mein und sein Held kein Geld im haus hat und also von der Beurteilung derselben doch einige Tage leben kann. Die zweite Schrift, die aufgerollet wurde, betitelte sich: Lessingii Emilia Galotti. Progymnasmatis loco latine reddita et publice acta, moderante J.H. Steffens. Cellis 1778. – Es sollen sich viele Mitalter des Götterbotens deutscher Programme über die späte Anzeige dieser Übersetzung aufgehalten und den Boten gegen die Allg. Deutsche Bibliotek gehalten haben, die, ihres geräumigen allgemeinen deutschen Bezirkes ungeachtet, doch gute Werke schon die ersten Jahre nach ihrer Geburt anzeigt, zuweilen schon im dritten, so dass oft wirklich noch das Lob des Werkes in letztes eingebunden werden kann, weil sich die Makulatur davon noch nicht vergriffen. Aber der Götterbote hat mehre Werke von 1778 nicht angezeigt