bei Tag und Nacht beigesprungen war zum Wechselprotest. Ich weiss, wie ausserordentliche Professoren der Sittenlehre denken; aber nach einer solchen Misshandlung getrau' ich mir es bei ihnen zu verantworten, dass ich auf der Stelle wild wurde und die Unhöflichkeiten des Mannes ohne alle Schonung – ob er gleich seiner fünf Sinne nicht mehr mächtig blieb – mit nichts Gelinderm erwiderte als mit einem treuen Vorsagen der – Extrablätter im Hesperus.
Daran musst' er versterben – ich meine entschlafen.....
Dann gingen tausend Glücksterne für Autor und Tochter auf- dann brach unser fest der süssen Brote an – dann konnte' ich mich ans Vorfenster mit ihr stellen und ihr alles erzählen, was das Publikum nun längst in Händen hat. Ich liess nichts weg als aus guten Gründen das letzte Kapitel des Hesperus, worin ich, wie bekannt, gefürstet werde. Wahrlich, Süsseres gibt es nichts, als einem eingekerkerten, von Predigten belagerten, weichen, frommen Herzen, das sich auf keinem Geburttagsball – und wär' es der des Superintendenten und seiner Frau – und an keinem Romane – hätt' ihn auch der eigne Gerichtalter verfasst erwärmen darf; so linde wie Honigseim ist es, dem belagerten ausgehungerten Herzen einen allmächtigen Entsatz zu schicken und der verhüllten Seele eine Masche in den dicken Nonnenschleier grösser zu reissen und ihr dadurch ein blühendes glimmendes Morgenland zu zeigen – die Tränen ihrer Träume aus aufgeschlossnen Augen zu locken – sie über ihre Wünsche zu heben und das weiche, von einem langen Sehnen gepresste und in harte Ketten gelegte Herz auf einmal losgebunden im Frühlingwehen der Dichtkunst auf und ab zu wiegen und in ihm sanft durch einen feuchtwarmen Lenz einen bessern Blumensamen aufzuschwellen, als in dem nächsten Boden aufgeht.....
Um 1 Uhr war ich schon fertig und stand im 44ten Kapitel; denn ich hatte zu drei Teilen nur drei Stunden gebraucht, weil ich alle Extrablätter aus dem buch als Sprecher der Weiber herausgerissen hatte. "Ist der Vater das Kauf-, so ist die Tochter das LesePublikum, und man muss sie mit nichts abmartern, was nicht rein historisch ist", sagt' ich und opferte meine liebsten Ausschweifungen auf, für welche überhaupt eine so reizende Nachbarschaft die Wildbahn nicht ist.....
Dann hustete der Alte – fuhr aus dem Sessel – fragte nach der Uhr – wünschte zuerst gute Nacht – schickte mich, der eben dadurch eine einbüsste, fort und sah mich nicht wieder als acht Tage darnach am hl. Abend vor dem Neujahr.
Es wird noch meinen Lesern beifallen, dass ich an diesem Abende wiederzukommen verheissen, weil ich dem Prinzipal einen kurzen Bericht über die Blumenstücke – es ist eben gegenwärtiges Buch – erstatten wollte und sollte.
Ich beteure dem geneigten Leser, dass ich ihm jetzt die Sache nicht anders berichte, als sie war.
Ich erschien denn am letzten Abend des Jahres 1794 wieder, auf dessen rotgefärbten Wellen so viele verblutete Leichname ins Meer der Ewigkeit hineingetrieben wurden. Der Prinzipal empfing mich mit einer Kälte, die ich halb der physischen draussen – denn die Menschen und die Wölfe erbosen sich im Frostwetter am stärksten – zuschrieb, halb auch den Wiener Briefen, d.h. dem Mangel derselben, und ich hatte Überhaupt heute nichts beim mann zu tun. Da ich aber ohnehin am Neujahrtage mit einer Donnerstag-Post aus Scheerau gehen und da ich der guten geliebten Pauline so gern noch einige Paulina, nämlich diese Aufsätze, erzählen wollte, weil ich wusste, sie bekomme eher alle andre Ware auf ihre Ladenbank als diese: so kann doch wahrhaftig kein Redakteur, der Grundsätze hat, darüber hitzig werden, dass ich wieder erschien. Ein solcher hitziger Kopf höre wenigstens den Plan, den ich hatte: ich wollte der stillen Seelenblume erstlich die Blumenstücke als zwei aus Blumen musivisch zusammengelegte Träume geben – dann das Dornenstück1, von dem ich die Dornen, nämlich die Satiren, wegzubrechen hatte, damit für sie nichts übrig bliebe als eine sonderbare geschichte und endlich sollte das Fruchtstück zuletzt (wie im buch selber) aufgetragen werden als ein süsser Frucht-Nachtisch; und in dieser reifen Frucht (vorher hätt' ich mündlich allen philosophischen kühlenden Eisapfelsaft ausgepresst, den nachher die Presse darin gelassen) – wollt' ich am Ende selber sitzen als Apfelwurm. Dies wäre ein schöner Übergang gewesen zu meinem Abgang oder Abschied; denn ich wusste nicht, ob ich Paulinen, diesen Blumenpolypen mit seinen zuckenden markweichen Fühlfäden, die sich ohne Augen nur aus Gefühl nach dem Lichte wenden, je wieder sehen oder wieder hören würde, sobald mein neuer Fürstenstand auskäme. Mit dem alten faulen Holze, worauf der Polype blühte, hatte' ich ohnehin ohne Wiener Briefe wenig zu verkehren.
Aber das alte Jahr sollte sich, so nahe neben richtigen Wünschen des neuen, noch mit unerfüllten schliessen.
Ich habe mir jedoch wenig vorzuwerfen; denn ich suchte dem lebendigen ostindischen haus sogleich Langweile und Schlaf zu machen, als ich kam und dasselbe nur sass. Das einzige Angenehme, was ich ihm sagte, war, dass ich, da der Gerichterr einige Injurien gegen meinen Nachfahrer, seinen jetzigen Gerichtalter, ausgestossen, diese ausdehnte auf alle Juristen und dadurch das Pasquill zur edlern Satire erhob und versüsste: "Ich kann mir die Advokaten und die Klienten als zwei Reihen bei einer Löschanstalt des Gelddurstes vorstellen; die eine Reihe, die der Klienten, steht mit leeren Eimern oder Beuteln hinab, die andre, anwaltende Reihe reicht sich einander die vollen hinauf", sagt' ich.