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anzuwenden ist, mit keinen langen Einholungen von Urteln über die ihnen unverständlichen Wörter." Indes ist dieser Umstand doch etwas verdriesslicher für das "Wörterbuch zu Jean Pauls Levana" von Reinhold und halb für mich.

"Torheiten!" hatte Lenette versetzt. Firmian bat sie bloss, das Zinn in die stube mitzubringen, er wolle drinnen vernünftig aus der Sache sprechen. Er hätte ebensogut vor einer mit Heu ausgepolsterten Menschenhaut seine Gründe ausgeführt. Vorzüglich rückte sie ihm vor, er habe durch den Einsatz in die Schützenkasse seine ausgeleeret. Dadurch brachte sie ihn selber auf die beste Replik: "Ein Engel!", sagt' er, "hat mir das Einsetzen geraten; am Andreastage kann ich alles wieder verdienen und verzinnen, was ich heute versilbere. – Dir zu Gefallen will ich nicht bloss die Schüssel und die Teller, sondern auch das übrige Zinngerät, das ich als Schützenglied herunterschiesse, behalten und zum Zinnschrank schlagen. Ich gestehe dir, anfangs wollt' ich die Gewinste verhandeln." –

Was war zu machen? – In der Dämmerung wurden die verwiesenen Essgeschirre in den Korb der alten Sabel (Sabine) gesenkt, die im ganzen Reichsmarktflecken sich in den Ruf gesetzt, dass sie ausser ihrer Propre-Handlung (Eigenhandel) diese Kommissionhandlung (Auftraghandel) mit einer schonenden Verschwiegenheit, als handle sie mit gestohlnem Gut, betreibe; "niemand", sagte sie, "konnte' es aus mir herauswinden, wem die Sachen allemal gehören; und der selige Seckelmeister, dem ich ja all sein Hab und Gut hausieren trug, sagte oft, ich suchte meines gleichen."

Aber ihr armen Eheleute! was hilft euch aber dieser Sabbat49 oder diese Christus-Höllenfahrt in euerer Vorhölle? Heute legen sich die Flammen um, und ein kühler Seewind labet euch; aber morgen, übermorgen steiget wieder der alte Rauch und das alte Feuer vor euern Herzen auf! – Und doch will ich euern Zinnmarkt mit keiner Handelsperre belegen; denn ob man gleich entschieden weiss, dass morgen derselbe Hunger wiederkehrt, so tut man doch nicht übel, wenn man den heutigen vertreibt.

Am andern Tage drang Siebenkäs bloss darum auf eine grössere Stille um sich, weil er eine so lange Rede dafür gehalten hatte. Die gute Lenette, die eine lebendige Waschmaschine und Fegemühle war und für welche der Wasch- und der Küchenzettel die natur eines Beicht- und Einleitscheines50 anzog, gab alles eher aus den Händenfast seineals den Bohnlappen und Kehrbesen. Sie dachte, es sei nur sein Eigensinn, indes es ihrer war, gerade in der Morgenstunde, die für ihn ein doppeltes Gold im mund hatte, das aus dem Goldnen Zeitalter und das metallische, den Blasbalg des Pedalschnarrwerks zu treten und hinter dem Autor zu orgeln und zu brausen. Nachmittags konnte sie ein 32füssiges Register ziehen, wenn sie wollte; aber sie war nicht aus ihrem alten Gange zu bringen. Eine Frau ist der widersinnigste Guss aus Eigensinn und Aufopferung, der mir noch vorkam; sie lässt sich für ihren Mann wohl den Kopf abschneiden vom parisischen Kopfabschneider, aber nicht die Haare daran. Ferner kann sie sich viel für fremden Nutzen, für eignen nichts versagen; sie kann für einen Kranken drei Nächte Schlaf, aber für sich, um selber besser zu schlafen, sich nicht eine Minute VorSchlummer ausser dem Bette abbrechen. Selige und Schmetterlinge können, obgleich beide ohne Magen sind, nicht weniger essen als eine Frau, die auf den Ball oder an den Traualtar gehen will, oder die für Gäste kocht; verbeut ihr aber weiter niemand ein Esaus-Gericht als der Doktor und ihr Körper, so isset sie es den Augenblick. Der Mann kehret es mit seinen Opfern gerade um. –

Lenette suchte, von entgegengesetzten Kräften getrieben, von seinen Ermahnungen und ihren Neigungen, die weibliche Diagonallinie zu gehen und erdachte sich das Religioninterim, dass sie ihr Fegen und Scheuern so lange abbrach, als er sass und schrieb. Sobald er aber nur zwei Minuten ans Klavier, vors Fenster oder über die Schwelle trat, so handhabte sie die Waschböcke und Poliermaschinen der stube wieder. Siebenkäs wurde bald diesen jämmerlichen Wechsel und dieses Posten-Ablösen seines und ihres Besens gewahr; und ihr wartendes Auflauern auf sein Herumgehen mattete ihn und seine Ideen entsetzlich ab. Anfangs bewies er recht grosse Geduld, soviel als ein Ehemann nur hat, nämlich eine kurze; aber da er es lange im stillen übersonnen hatte, dass er und das Publikum unter dem Stuben-Wichsen miteinander leiden und dass eine ganze Nachwelt von einem Besen abhange, der so bequem nachmittags arbeiten konnte, wenn er bloss die Akten vornehme: so platzte die zornige Geschwulst plötzlich entzwei, er wurde toll, d.h. toller, sprang vor sie hin und sagte: "Den Henker noch einmal! ich merk' dich schon: du passest auf mein Laufen. Erschlage mich lieber in der Güte und zeitigHunger und Ärgernis reiben mich ohnedies vor Ostern auf. Bei Gott! ich fasse nichts; sie sieht es so klar, dass mein Buch unser Speiseschrank wird, woraus ganze Brotspenden herausfallenund doch hält sie mir den ganzen Morgen die Hand, dass nichts fertig wird. Ich sitze schon so lange auf dem Nest und habe noch nichts heraus als den Bogen E, wo ich die Himmelfahrt der Gerechtigkeit beschreibe (p. 69) – Lenette! ach Lenette!" – – "Wie ichs aber auch mache", sagte sie, "ist