teuflischen Papieren ohne Vernunft ausgefertigt ist –, überleg' ich jedes Wort und jedes Blatt, eh' ichs schreibe; scherz' ich auf diesem Bogen, lehr' ich auf jenem, gefall' ich auf allen: so muss ich dir auch sagen, Lenette, dass die Schmeckherren Leute sind, die so etwas zu schmecken wissen und die sich nichts daraus machen, sich hinzusetzen und Laufzettel zirkulieren zu lassen, auf denen das Geringste, was sie von mir sagen, das ist, dass ich von Universitäten etwas mit hinweggebracht habe und für solche also wieder etwas liefern könne. Kurz, sie sagen, sie hättens nicht in mir gesucht und ich hätte Gaben. Ein dergleichen Lobpreisen aber, das dem mann widerfährt, Lenette, das kommt nachher auch seiner Frau zustatten; und wenn sie in Augsburg herumfragen: 'wo hält sich denn dieser berühmte Siebenkäs eigentlich auf?' so wirds in der Fuggerei allemal Leute geben, die sagen: 'in Kuhschnappel; er hat eine Ratkopisten-Tochter Egelkraut von hier geheiratet und lebt sehr vergnügt mit der person.'"
"Wie oft", versetzte sie, "hast du mir das nicht vorerzählt von der Buchmacherei! Der Buchbinder sagt mir auch das nämliche, weil er täglich die besten Bücher in Händen hat und bindet." – Dieses gar nicht tadelnd gemeinte Vorrücken seiner eignen Wiederholungen schmeckte ihm nicht recht; denn der Fehler hatte sich ihm bisher, wie ein Fieber, verlarvt. Ehemänner, sogar geistreiche und wortarme, sprechen in der ehelichen Behaglichkeit so uferlos überfliessend aussen mit der Frau als jedermann innen mit sich selber; vor niemand aber in der Welt wiederholt man sich öfter als vor dem eignen Ich, ohne sich das Wiederholen nur abzumerken, geschweige nachzuzählen. Letztes beides hingegen tut die Ehefrau, welche, gewohnt, täglich von ihrem Ehemann die scharfsinnigsten und unverständlichsten Aussprüche zu vernehmen, solche ja nicht vergessen kann, sondern behalten muss, wenn sie sich wiederholen!
Unerwartet erschien wieder der Haarkräusler und brachte einen kurzen Nebel mit. Er sagte, er sei bei allen armen Sündern seines Hauses herumgegangen, habe aber vergeblich bei den Kahlmäusern um so viel Vorschuss vom nahen Martini-Hauszins angehalten, als er heute bedürfe, um sein Schützenlos einzukaufen. Die ganze Besatzung war freilich einer solchen Geldleistung schon darum sechs volle Wochen vor dem Zahltermin nicht gewachsen, weil die meisten es auch am Termine selber nicht in der Gewalt hatten. Der Sachse kam also mit seinem Gesuche zum Grandat seines Hauses, zum Dukatenherrn, wie er den Advokaten nannte. Dieser konnte die geduldige Haut, die sich über alle vorige Nein nicht erzürnte, mit keinem neuen erschrecken er und die Frau trugen, was sie an kleiner Münze vom Dukaten übrig hatten, zusammen und entliessen den frohen Mieterrn mit der wirklichen Hälfte des Zinses, mit drei Gulden. Sie selber behielten nichts als die – Angst, was sie abends – anzünden wollten: nicht zwei Groschen zu einem halben Pfunde Lichter waren mehr da, nicht einmal die Lichter in natura.
Ich kann nicht sagen, dass er totenblass oder ohnmächtig oder wahnsinnig darüber wurde. Gepriesen sei jede Männerseele, die die stoischen Eisenmolken nur einen halben Frühling lang getrunken und die nicht, wie eine Frau, vor dem kalten Gespenste der Armut gelähmt und erfroren zusammenstürzt. Die übertriebenste Scheltrede gegen den Reichtum ist in einem Jahrhundert, dem alle bessere Sehnen entzwei geschnitten worden, nur die allgemeine des Geldes nicht, erspriesslicher und edler als die richtigste Herabwürdigung der Dürftigkeit: denn Pasquille auf den Goldkot assekurieren dem Reichen das Glück, falls auch die Glückgüter scheiterten, und dem Armen schieben sie statt herber Gefühle den süssern Sieg darüber unter. Alles Unedle in uns, alle Sinnen, die Phantasie und alle Beispiele sind ohnedas vereinigte Lobredner des Goldes: warum will man noch der Armut ihren rechtlichen Beistand und einen chevalier d'honneur abspenstig machen, die Philosophie und den Bettelstolz?
Das erste, was Siebenkäs statt des Maules aufmachte, war die tür und in der Küche der Zinnschrank: aus diesem hob er leis und ernstaft eine Glockenschüssel und einen Drilling von zinnernen Tellern auf einen Stuhl. Lenette konnte nicht länger schweigend zuschauen; sie schlug die hände zusammen und sagte schamhaft leise: "Ach du barmherziger Gott! wir werden doch nicht unser Zinn verkaufen?" – "Versilbern will ichs nur", sagt' er. "Wie die Fürsten aus Turmglocken, so können wir aus der Glockenschüssel Glockentaler gewinnen. Du wirst dich doch nicht schämen, elendes Essgeschirr, solche tierische Särge, fein auszumünzen, da der Herzog Christian zu Braunschweig 1662 einen silbernen Fürsten-Sarg in eigentlichem Sinne zu Geld machte, nämlich zu Talern. Ist denn ein Teller ein Apostel? Und doch haben grosse Fürsten viele Apostel, sobald sie von Silber waren, ein Hugo von St. Caro und andere die Werke derselben, gleichsam in Kapitel und Verse und Legenden zerfället und sie analysiert ausgesandt aus der Münze in alle Welt!"
"Torheiten!" versetzte sie. –
Wenige Leser werden hinzufügen: was sonst? – Daher hätt' ich bei diesen weniger längst den Advokaten über den für Lenetten unfassbaren mündlichen Stil entschuldigen sollen.
Er selber rechtfertigte sich nämlich hinreichend damit, dass die Frau ihn stets von weitem verstanden, auch wenn er die gelehrtesten Kunstwörter und ausgesuchtesten Anspielungen gewählt, um sich recht zu üben und zu hören; "die Weiber", wiederholte er, "verstehen alles von weiten und fernen und verschleifen daher eine Zeit, die besser