. Jun. 1796.
Jean Paul Fr. Richter
Fünftes Kapitel
Besen und Borstwisch als Passionwerkzeuge –
Wichtigkeit eines Bücherschreibers –
Nuntiaturstreitigkeiten über Lichtschneuzen – der
Zinnschrank – die Hausnot und Hauslust
Die Katoliken zählen im Leben Christi funfzehn Geheimnisse auf, fünf freudenreiche, fünf schmerzenreiche und fünf glorreiche. Ich bin unserem Helden durch die fünf freudenreichen, die etwa der Lindenhonigmonat der Ehe zu zählen hat, bedächtig nachgegangen; ich komme nun mit ihm an die fünf schmerzhaften, mit denen die meisten Ehen das Gefolge ihrer Geheimnisse – beschliessen. Seine hat noch, hoff' ich, fünf glorreiche......
Mit dem vorstehenden Absatze fing ich dieses Bändchen in der ersten Auflage unbefangen an, als wär' er völlig wahr; aber zweite stark umgearbeitete Auflagen fodern von selber mich auf, verbessernd beizufügen, dass die erwähnten funfzehn Geheimnisse sich nicht hinter einander, wie Stufen und Ahnen, gestellt, sondern, wie gute und schlechte Karten, sich einander durchschossen haben. Aber auch bei diesen Mischungen des Lebens überwiegt wenigstens durch Dauer die Lust den Schmerz, wie es ja dem Erdkörper selber ergangen, der zwar einige Jüngste Tage, aber nach ihnen desto mehre Frühlinge, mitin kleinere Schöpfungtage erlebte.
– Ich stelle dies alles absichtlich her, damit ich so manchen armen Schelm von Leser aus der Angst erlöse, er bekomme jetzt einen ganzen Band voll Tränen zu durchwaten, die er teils liest, teils mit vergiesst; ein anderes ist ein Schriftsteller, der eine wahre Klapperschlange ist und so viele tausend Bezauberte vor sich kann so lange unruhig und angstvoll springen sehen, bis er solche hat.
Siebenkäs schickte sogleich den Eifersucht- und Ehe-Teufel zu allen andern Teufeln, als er am Morgen erwachte – denn der stillende Schlaf hält den FieberPuls der Seele an, und seine Körner sind die Fieberrinde gegen das kalte Fieber des Hasses wie gegen das hitzige Fieber der Liebe –; ja er legte das Schatten Reissbrett hin und nahm von der gestrigen freien Übersetzung und Abschrift des Egelkrautschen Gesichts mit dem Storchschnabel eine verjüngte und treue und schwärzte solche gehörig. Als er fertig war, sagte er zur Frau aus Liebe: "Wir wollen ihm den Riss gleich heute zuschicken. Bis er selber kommt und ihn holt, da dauerts lange." – "Jawohl", versetzte sie, "bis zum Mittwochen dauerts, aber da hat er es längst vergessen." – "Und doch", entgegnete Siebenkäs, "wär' er früher herzubringen; ich brauchte ihm nur den gräflich-reussischen Dreifaltigkeit-Taler von 1679 zum Abkaufen zu schicken: so schickte er mir keinen heller dafür, sondern brächte selber das Geld für den Taler, wie er es bisher immer mit dem Leibgeberschen Münzkabinett gehalten." – "Oder", sagte Lenette, "schick ihm lieber den Taler und das Gesicht zusammen: so hat er eine grössere Freude." – "Über was eine grössere?" fragt' er. Sie wusste der närrischen Einspring Frage, ob sie von einer grösseren über das abgeschattete oder über das gemünzte Gesicht gesprochen, gar nicht recht zu begegnen und sagte in der Not: "Nun über die Sachen natürlich." Er fragte aus Schonung nicht noch einmal.
Aber der Schulrat schickte nichts als die Antwort, er sei ausser sich vor Freuden über die herrlichen Geschenke und werde daher spätestens Ende künftiger Woche selber kommen und sich bedanken und sich berechnen bei dem Hrn. Armenadvokaten. Das wenige Säuerliche, was in der unberechneten Antwort des sorgenlosen und zu freudenvollen Schulrates vorschmeckte, konnte der gerichtliche Pedell der Erbschaftkammer auf keine Weise dadurch versüssen, dass er eben eintrat und dem Advokaten die Antwort oder den ersten Satz oder die Exzeptionen des beklagten Heimlichers von Blaise überreichte, die in nichts als in einem Fristgesuche von drei Wochen bestanden, das ihm die kammer gern bewilligt hatte. Siebenkäs lebte als sein eigner Armenadvokat freilich der gewissen Hoffnung, dass das Gelobte Land der Erbschaft, worin Milch und Honig über seinen Goldsand fliessen, von seinen Kindern werde erobert werden, wenn er in der juristischen Wüste auf dem Wege dahin längst verstorben sei; denn die Justiz belohnt gern die Tugend und das Recht der Väter an Kindern und KindesKindern; inzwischen aber bliebs immer unbequem, dass er nichts zu leben hatte bei seinen Lebzeiten. Denn von dem gräflich-reussischen DreifaltigkeitTaler – für welchen Stiefel noch nicht einmal bezahlet hat – war ohnehin nicht länger zu leben, so wie von dem einzigen noch rückständigen Zopfdukaten aus Leibgebers nachgelassener "Reichskriegsoperationskasse" gegen den Heimlicher. Denn dieses Gold- und jenes Silberstück waren (ob ich es gleich bisher verschwiegen) der einzige Kassenbestand der Leibgeberischen Heilandkasse, mit welchem freilich niemand als ein Nachfolger des Heilands selber auszureichen vermochte. Es ist aber vielleicht mein Verschweigen der bisherigen Münzkabinett-Ausleerungen wieder ein Beweis, wie sehr ich den Leser, wo ich nur kann, mit sauern Sachen verschone.
"O ich will schon Rat schaffen", sagte Siebenkäs ganz fröhlich und setzte sich heute emsiger an sein Schreibepult, um sich durch seine Auswahl aus den Papieren des Teufels je eher je besser einen beträchtlichen Ehrensold ins Haus zu leiten. Aber nun wird ein ganz anderes Fegfeuer immer höher um ihn angeschürt und aufgeblasen, von welchem ich bisher gar noch nichts sagen wollen und worin er schon seit vorgestern sitzt und brät. Lenette ist der Bratenkoch, und sein Schreibtisch ist der Lerchenrost. Er hatte sich nämlich unter dem stummen Keifen der vorigen Tage an ein besonderes Aufhorchen auf Lenetten gewöhnt, wenn er dort