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und Standbäume der Erde, den Leben-, den Erkenntnis- und den Freiheitbaum, befeuchteten und trieben, wurden vergossen, aber nie gezählt! Die Weltgeschichte malet an dem Menschengeschlecht nicht, wie der Maler an jenem einäugigen König, bloss das sehende Profil, sondern bloss das blinde; und nur ein grosses Unglück deckt uns die grossen Menschen auf, wie totale Sonnenfinsternisse die Kometen. Nicht bloss auf dem Schlachtfeld, auch auf der geweihten Erde der Tugend, auf dem klassischen Boden der Wahrheit türmet sich erst aus 1000 fallenden und kämpfenden unbenannten Helden das Fussgestell, auf dem die geschichte einen benannten bluten, siegen und glänzen sieht Die grössten Heldentaten werden zwischen vier Pfählen getan; und da die geschichte nur die Aufopferungen des männlichen Geschlechtes zählet und überhaupt nur mit vergossenem Blute schreibt: so sind in den Augen des Weltgeistes unsere Annalen gewiss grösser und schöner als in den Augen des Weltistorikers; die grossen Aufzüge der Weltgeschichte werden nur nach den Engeln oder Teufeln geschätzt, welche darin spielen, und die Menschen zwischen beiden werden ausgelassen.

Das sind die Gründe, worauf ich mich steife, wenn ich keck genug behaupte, dass wir aus den gefüllten Freudenblumen, sobald wir zu heftig an sie riechen, ohne sie ausgeschüttelt zu haben, unvermutet ein Marterinsekt hinaufschnaufen können durchs Siebbein ins Gehirn39; und wer, man sage mir, holt das Kerbtier dann wieder heraus? – Hingegen aus Blumenstücken und deren gemalten Blumenkelchen ist wenig Bedenkliches zu schnupfen, weil ein gemaltes Gewürm, ein Wurmstück, immer bleibt, wo es sitzt. – –

Das ist es, was ich in Gleichnissen zu heischen habe. Was das Publikum heischet, ist meine Meinung über gegenwärtige Blumenstücke. Der Verfasser ist ein hoffnungvoller junger Mann von fünf Jahren40; ich und er waren von Kindesbeinen an Freunde und können uns vielleicht rühmen, dass wir, wie Aristoteles von den Freunden fodert, nur eine Seele haben. Er teilt mir alles zum Lesen und Prüfen mit, was er herausgeben will. Da ich ihm nun diese Blumenstücke mit den lebhaftesten, aber aufrichtigsten Äusserungen meines Beifalls wieder zustellte: so ging er mich darum an, mein Urteil darüber bekannter zu machen, das (wie er viel zu schmeichelhaft glaubt) vielleicht einiges Gewicht habe; um so mehr, da es unparteiischer sei, und welches er deshalb den Kunstrichtern als das Lineal und Linienblatt des ihrigen in die hände geben wolle.

Im letzten treibt er es zu weit; ich kann nichts als bloss erklären, dass das Werkchen mir ordentlich aus der Seele geschrieben ist. Der Stoff selber nahm keinen grösseren dynamischen Aufwand an, als man im buch macht, und so gern der Verfasser darin gedonnert, gestürmt, geströmet hätte, so war doch in der stube und Stubenkammer eines Armenadvokaten für Rheinfälle spanische Donnerwettertropische Orkane voll Tropenund für Wasserhosen kein Platz, und er spart die besten Ungewitter auf für ein künftiges Werk. Ich habe seine Erlaubnis, den Titel dieses künftigen Werkes vorauszusagen: "Der Titan41". In diesem Werke will er der Hekla sein und das Eis seines Klimas und sich dazu entzweisprengen und (wie der isländische Vulkan) eine kochende Wassersäule von 4 Schuh im Durchmesser in eine Höhe von 90 oder 89 Schuh auftreiben, und zwar mit einer solchen Hitze, dass, wenn die nasse Feuersäule wieder heruntergefallen ist und in den Buchläden schwimmt, sie immer heiss genug sein soll, um Eier hart zu kochen oder deren Mütter weich. "Dann (sagt er allemal, aber sehr traurig, weil er merkt, die Hälfte unserer hiesigen Kämpfe und Ausbeuten sei von einer Schnurrpfeiferei nicht sonderlich verschieden, und die Wiege dieses Lebens schaukle und stille uns zwar, aber sie bringe uns nicht drei Schritte weiter; dann, sagt er) mag der arbor toxicaria macasseriensis42 des Ideals, unter dem mir schon einige Haare ausgegangen sind, dann mag er mich immer vergiften und ins Land der Ideale schicken, ich habe doch unter seinem erhebenden tödlichen Brausen gekniet und gebetet. Und warum stände denn an dem von der Ewigkeit gewässerten Brunnen der Wahrheit das kleine Haus für den Wanderer fertig, das man Ruhe43 nennt, ginge keiner jemals hinein?" – Er wünscht sich zu seinem breiten Deckenstücke nichts als einige (nur zwei) rechte Regenjahre, weil ein grosser, heller, offner Himmel den Menschen überwältigt und entrückt und die Feder-Kraft der Hand durch die Fülle des Auges lähmt; ein Punkt, worin der Büchermacher ausserordentlich von dem Papiermacher (seinem Munitionlieferanten) abgeht, der seine Mühle gerade in nassem Wetter sperrt. – Noch wünsch' ich, dass man die wenigen Kapitel, die im ersten Bändchen stehen, rekapituliere und wiederlese, damit man besser wisse, was er eigentlich haben will; und in der Tat ist ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, auch nicht würdig, dass mans einmal lieset.

Schlüsslich munter' ich, obwohl als der unansehnlichste Klubbist und Stimmgeber des Publikums, den Hrn. Verfasser zu mehren Setzlingen und Infanten dieses Gelichters auf, mit dem Wunsche, dass die Lesewelt mit derselben Nachsicht, wie ich, über das Werkchen richte. Hof im Voigtlande, den 5. Jun. 1796.

Jean Paul Fr. Richter

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Soweit geht die Vorrede meines Freundes. Im grund ist es freilich lächerlich; aber auch meine Vorrede muss ordentlich beschlossen werden, und dann kann ich mich leider wieder nicht anders unterschreiben, als mein obiger Robinsonscher Freitag und Namenvetter tat, nämlich: Hof im Voigtlande, den 5