ein sogenannter Häusler, der zwei Söhne in den jetzigen Krieg stellen müssen. Als ich weiter nachsah: fand ich im Schnee einen Kreis, den der FurchtsamKecke als einen Ring gegen böse Geister gezogen hatte.
Ich erriet alles: der Blödsinnige, dessen Seele in einer ringförmigen Sonnenfinsternis lebte, wollte in der feierlichen Nacht das ferne dumpfe Donnern der Gewitter in der Zukunft behorchen und hatte sich nicht mit dem Körper, sondern mit der erniedrigten Seele auf die Erde gelegt, um den Vorschritt der fernen Feinde zu hören. "Eingeschränkte bange Seele", dachte' ich, "warum sollen über die heitre stille Nacht die künftigen Toten mit ihren Wunden ziehen und deine schlafenden Söhne ohne Glieder? Warum willst du schon die fliegenden Flammen der so Feuerbrünste sehen und alles düstre Getümmel des ungebornen Jammers, der noch keine Zunge hat, vernehmen? Warum sollen auf die Särge, die im künftigen Jahre noch, wie in Pestzeiten, ohne Aufschrift stehen, die Namen kommen? – O, dein Salomons-Ring hat dich nicht beschirmt gegen den würgenden Geist in unsrer Brust. – Und die ungestalte Riesen-Wolke, hinter der der Tod und die Zukunft steht, wird, wenn wir nahe an sie treten, der Tod und die Zukunft selber." ... –
In solchen Stunden legen wir alle gern unsern Hut und unsern Degen auf die Bahre und uns dazu – die veralteten Narben brennen noch einmal, und unser falsch geheiltes Herz wird wie ein übel eingerichteter Arm wieder gebrochen. – Aber der grausame schneidende Blitz einer grossen Minute, dessen Widerschein über den ganzen Strom unsers Lebens leuchtet und reicht, ist uns nötig, um uns gegen die Irrlichter und Johanniswürmchen, die uns in jeder Stunde antreffen und führen, blind zu machen, und der leichtsinnige Mensch hat eine heftige Erschütterung gegen seine kleinen immerfort nagenden Bewegungen nötig. Daher ist eine Neujahrnacht für uns kleine Schaltiere, die am Schiffe der Erde saugend kleben, wie die mytologische Nacht eine Mutter vieler Götter in uns – und in einer solchen Nacht geht für uns ein höheres Normaljahr an als das, darin 1624 anfing. Und mir war, als müsst' ich, es sei aus Demut oder Reue, in die Spuren des armen kinderlosen Vaters niederknieen.....
jetzt trieb ein lebendiges Wehen auf einmal von der Stadt helle erheiternde Töne wie Blumenduft und Blütenstaub über die verhärteten Ebenen daher: Waldhörner und Trompeten warfen vom Turme der Stadt ihre lebendigen Töne über die schlafende Welt und führten froh und kräftig die erste Stunde des neuen Jahrs unter die ängstlichen Menschen ein. Und ich wurde auch froh und kräftig: Ich hob das Auge vom weissen Schleier des künftigen Frühlings auf und sah nach dem mond; und auf seinen häufigern Flekken, welche in der Nähe grünen35, sah ich unsern Erden-Frühling in Blumen ruhen und darin mit ausgebreiteten Flügeln zucken, um bald mit andern Zugvögeln zu uns, mit Lerchentönen und Pfauenspiegeln geschmückt, herabzufallen. –
Die entfernten Neujahrtöne flatterten noch immer um mich; ich wurde viel glücklicher und weicher und sah die künftigen Schmerzen des neugebornen Jahrs, und sie glichen – so schön verkleideten sie sich – einigen vergangnen oder den Tönen um mich. So nimmt der Regen, der durch die grosse Höhle im Gebirge von Derbyshire fällt, in der Ferne den Klang von melodischem Getöne36 an.
– Aber als ich umhersah und mir die weisse Erde wie eine weisse Sonne vorkam und der stille, vom tiefen Blau berührte Kreis um mich wie ein FamilienZirkel verschwisterter Wesen – als die Töne, wie schönere Seufzer, meinen Gedanken nachfolgten – als ich am Sternenhimmel so viele tausend unverrückte Zeugen der schönen abgeblühten Minuten, deren Samen die höhere Güte weiter streuet, dankbar anschauete – als ich an die schlafenden Menschen um mich dachte und ihnen wünschte: "schliesset froher morgen eure Augen auf"- und als ich an die wachenden unter mir dachte, deren eingeschlafne Seele denselben Wunsch bedarf: da wurde die Brust, die so schöne Töne und die heutige Nacht längst beklemmten, nun zu voll und zu schwer, und der blaue Himmel und der blitzende Mond und die flimmernden Berge aus Schnee flossen und sanken zusammen zu einem grossen schwimmenden Schimmer. – – Und im und unter dem Getöne hört' ich die Stimmen meiner Freunde und guter Menschen, wie sie einander bang' und weich die Wünsche eines frohen neuen Jahrs brachten; aber ihre rührten mich zu sehr, und ich konnte meinen kaum denken: "O, es geh' euch allen wohl in jedem Jahre!"
Zweites Bändchen
Vorrede zum zweiten, dritten und vierten
Bändchen
Es hat mich oft verdrüsslich gemacht, dass ich jeder Vorrede, die ich schreibe, ein Buch anhängen muss als Allonge eines Wechselbriefes, als Beilage sub litt. A-Z. Andern privatisierenden Gelehrten werden schon ganze Bücher fertig und lebendig aus der Wiege zugeschickt, und sie brauchen nichts daran zu hängen als das goldene Stirnblatt der Vorrede und nichts mehr an der Sonne zu machen als die Aurora. Aber mich hat noch kein einziger Autor um eine Vorerinnerung ersucht, ob ich gleich schon seit einigen Jahren mehre Vorreden im voraus verfasse und auf den Kauf ausarbeite, worin ich künftige Werke nach Vermögen erhebe. Ja, ein ganzes Münzkabinett von solchen Preismedaillen und Huldigungmünzen, die ich für fremde Verdienste mit den besten Rändelmaschinen ausprägte, steht mir immer vor Augen und läuft täglich höher an; daher schlag' ich das Kabinett am Ende – es ist kaum anders zu machen – im ganzen los und gebe