Vorreden als dieser zu Niklasruhen oder Schlafpulvern zugedacht. Denn obgleich die Rabbinen lehren, dass zwölf Heukörbe mit leerem Gewäsche vom Himmel gefallen wären und dass neun davon bloss die Weiber aufgegriffen hätten29: so ist es doch nur mit der Einschränkung wahr, dass sich die Vorredner – und die Rechtsfreunde – besagte neun Körbe zu ihrer Nutzniessung erheiratet haben, von ihren Weibern als Eingebrachtes.
Der diebische Horcher wartete liegend meinen Rapport von den zwei Blumenstücken und von den vier Kapiteln dieses Werkleins ab: am Ende des vierten prallte er in die Höhe wie eine aufschnellende Maulwurffalle, worauf man getreten hat, und fiel mich von hinten mit folgender Huldigungpredigt an: "Hat Sie denn der lebendige Teufel beim Schopf? – Sie kommen aus Berlin und wollen meiner leiblichen Tochter da ateistisches windiges Romanenzeug in den Kopf setzen, dass sie in kein Kontor mehr taugt, wie? Machen Sie mir meinen nicht warm, Herrrrr!"
"Nur auf ein Wort!" sagt' ich gelassen und zog ihn in die finstre ungeheizte Nebenstube hinaus, "Hr. Zopfhaupt, nur auf ein halbes Wort!"
In der dunkeln Sakristeistube legte ich die zwei hände auf seine Achseln und sagte: "Hr. Zopfhaupt, denn so hiess unter Karl dem Grossen ein jeder Hauptmann, weil damals die Soldaten – wie jetzt die Weiber – einen Zopf statt einer Fahne vor sich hatten30. – – Ich beisse mich heute, wo das alte Jahr untergeht und ein neues auf, mit Ihnen nicht herum; ich beteur' Ihnen, dass ich der Sohn31 des ****en bin und dass ich Sie nicht wieder sehe und dass Sie gleichwohl alle Wiener Briefe haben sollen. Aber ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie Ihre Dlle. Tochter lesen. jetzt lieset jeder Kaufherr, der sie heiraten kann, und jede Kauffrau, die schon einen hat: und gesponnen und gekocht wird in unsern Tagen – das sehen Sie aus den Hemden und Wänsten – bei aller Lektüre noch immer genug. Und verführen kann ein Leser gerade eine Leserin am schwersten und eine ABC-Schützin am besten. – – Das sehen Sie an der Stenzin. Hr. Hauptmann, ich bitte Sie!"
"Ei, dass dich – über den lebendigen Windfächel! was kümmert Sie mein Ding drinnen (seine Tochter)." war seine Replik. Ein wahrer Glückhafen war es für mich, dass ich in den zwei heiligen Abenden nichts, unter dem grössten relatorischen Feuer, nichts von der Tochter in die hände genommen hatte als – statt der ihrigen – etwa für einen Groschen Kopfhaar, das mir noch dazu in die Finger ordentlich wuchs. Es wäre wenig gewesen, im biographischen Relatorium ihre hände zu ergreifen, es wäre gar nichts gewesen; aber wie gesagt, ich hatte' es bleiben lassen: du, hatte' ich zu mir gesagt, geniesse ein schönes Gesicht wie ein Gemälde und eine weibliche stimme wie einen Nachtigallenton und zerknülle das Gemälde nicht und erdrücke die Philomele nicht! Wie, muss denn jede artistische Tulpe zu einem Salat, jedes Altartuch zu einem Kamisol32 verschnitten werden? – Bei solchen grundsätzen ist jedem leicht die Angst begreiflich, in der ich sonst fast alle Abende über den Eindruck war, den etwa meine Gestalt in Paulinens Herz nachlassen könnte, bis ich mich damit beruhigte, dass ich ein Advokat und Gerichtalter wäre und dass ich mich also über zweierlei Schönheiten Miltons erhöbe, über seine poetischen und über seine physiognomischen, die dem Poeten den Ekelnamen Miss Milton zugezogen.
– Unter allen Wahrheiten glaubt man die am letzten, dass gewisse Menschen mit keiner zu bekehren sind; – dass der Zopfhaupt unter diese gewissen gehöre, fiel mir spät endlich bei, und ich nahm mir vor, ihm keine andre Predigt zu halten als meine spasshafte Straf- und Osterpredigt33: "Hr. Zopfhaupt, leiser, Mademoiselle hört sonst jeden. Sie haben den guten Sommervogel ins Brief-Kopiebuch festgespiesst; aber am Jüngsten Gerichte verklag' ich Sie, dass Sie ihr meine Werke nicht zu lesen geben. Ich wollte, Sie hätten sich nur wenigstens so lange schlafend gestellt, bis ich ihr die übrigen Teile von der kuhschnappelischen Historie hätte auserzählt gehabt, weil gerade in ihnen die wichtigsten Dinge, Siebenkäsens Zank, Tod und Heirat, vorkommen. – Mademoiselle! ich werde aber meinen Hrn. Verleger in Berlin ersuchen, Ihnen die folgenden Teile, sobald sie aus der Presse gehoben sind, noch feucht wie eine Zeitung zu übermachen. – Und damit Gott befohlen, Hr. Zopfhaupt, er schenke Ihnen statt des neuen Jahrs ein neues Herz und der guten Tochter ein zweites in ihres hinein."
Der Elementenstreit unsrer ungleichartigen Bestandteile wurde immer lauter; – mehr sag' ich nicht, weil jeder Beisatz Rachsucht schiene. Glücklich preise – das darf ich zu allen zeiten sagen – glücklich preise sich jede Tochter (aber die wenigsten erkennen es), die meine Werke lesen darf, wenn der Vater wacht. – Unglücklich ist jeder Oehrmannische Bediente, weil das Zopfhaupt ihn wie einen Windhund ausgehungert zu schnellern Läufern, aber nicht auf dem Klavier, so wie die Kinder der Tänzer nichts zu essen kriegen, um besser zu springen! Und glücklich ist jeder Dürftige, der nichts mit ihm zu tun hat, weil Jakob Oehrmann allen Menschen gerade so viel moralischen Kredit gibt, als sie kaufmännischen haben, an welches Rekrutenmass des Wertes ihn die Kaufleute gewöhnt haben, die einander mit metallnen Ellen messen! Bloss ganz arme hat er als Fussgestelle seiner Milde lieb, weil