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Hinterhaupt leidlich abgeschattet. Er schielte immer auf die farbig beseelte Fläche neben seiner Hand zurück und riss daher so schlecht ab wie ein Schachtelmaler. "Wendeline dein Kopf sitzt auch nicht eine Minute fest", sagt' er. Allerdings schwankte ihr Gesicht wie ihre Gehirnfibern vom stärkern Gange des Herzens und Atems; auf der andern Seite aber stolperte seine Reissfeder über das sanft erhobne Bildwerk der kleinen Nase, fiel in die Spalte der Lippe und strandete auf der Untiefe des Kinns. Er küsste die Lippen, die er nicht treffen konnte und die sich immer zu sehr öffneten oder verschlossen, und holte einen Rasierspiegel und sagte: "Da sieh, hast du nicht mehr Gesichter als Janus oder ein indischer Gott? – Der Rat muss denken, du hättest Gesichter geschnitten, und ich sie gezeichnet. – Schau, da hast du gewankt, und ich bin dir nachgesetzt mit einem Gemsensprung, jetzt greift der Vorsprung des obern Gesichts über das untere wie eine Halbmaske hinaus. Bedenke nur, wie der Rat morgen gucken wird."- – "Guter, nur noch einmal; ich will ja alles tun, damit es hübsch aussieht", sagte errötend Lenette. jetzt presste ordentlich ein erstarrender Hals das weiche Gesicht an das Reiss-Brett, aber indem der Mann mit seinem Legestachel des Risses über die Stirn niederglitt, die ein Kugelausschnitt aus einer weissen Halbkugel zu sein schien so vernahm er statt des Atems ein zitterndes Zurückstemmen desselben und sah ein anglühendes Angesicht vom schwellenden Atem... Hier schlug auf einmal der Argwohn, wie ein zerspringender Brander, harte Trümmer seiner Freude an sein Herz, der Argwohn: "Ach liebt sie ihn vielleicht doch gewiss?" – (nämlich den Rat) Seine Feder blieb im stumpfen Winkel zwischen Stirn und Nase wie bezaubert eingestochener hörte nun das zitternde Ausatmen vernehmlichseine Ätznadel zog schwarze Furchen am rand des Schattens hinab, und als er auf dem zu gedrückten mund stockte, auf dem bisher nichts Warmes gewesen war als seiner und ihre Morgenandacht, und als er dachte:

"Auch das soll mich treffen? auch diese Freude soll mir genommen werden? – und ich soll mir hier eigenhändig meinen Scheide- und Urias-Brief auszeichnen?" – so konnte' er nicht mehrer schnellte das Reiss-Brett von ihrer Achselfiel an den verschlossenen Mundküsste den gefangnen Seufzer aufdrückte seinen Argwohn zwischen seinem und ihrem Herzen tot und sagte immer fort: "Erst morgen, Lenette! – Zürne nur nicht! Bist du denn nicht mehr wie in Augsburg? – Verstehst du mich denn? – Weisst du etwa, was ich will?"- Sie antwortete unschuldig: "Ach, du wirst es übel nehmen, Firmiannein, ich weiss es nicht." – Und die Göttin des Friedens nahm dem Gotte des Schlafes den Mohnkranz ab und flocht ihn in den Ölkranz einund führte das Ehepaar bekränzt und ausgesöhnt und Hand in Hand in die blinkenden Eisfelder der Träumein den magischen getuschten Hintergrund des grellen bunten Tagesin unsere dunkle kammer voll beweglicher Bilder einer verkleinerten Welt, wo der Mensch wie der Schöpfer unter niemand wohnt als unter Geschöpfen.

Ende der Vorrede und des ersten Bändchens

Der Leser wird noch aus dem Anfange der Vorrede wissen, dass ich so glücklich war, den alten Kaufmann auf eine grosse Mohngarbe zu bringen und seiner Tochter ein frohes Laubhüttenfest aus den Herzblättern des gegenwärtigen Hausgärtchens zu geben... Aber der böse Feind weiss einen Platzregen auf unsre schönsten Feuerwerke zu wehen. Ich tat nichts als meine Pflicht, wenn ich eine kleine Taschen-Leihbibliotek für ein armes stilles Ding von Mädchen war, dem der Alte keinen Umgang zuliess, der vernünftig war, als den mit dem Papagei und mit dem vorigen Gerichtalter.

Der erste stand in seinem Bauer neben ihrem Dintenfass und Schmierbuch und erlernte von ihr, was ein Buchhalter als Deutsch-Italiener zur Korrespondenz zu wissen braucht. Und da ein Papagei allemal durch einen Taschenspiegel am Käfig zu Sprachsachen ermuntert wird: so sahen beide, die Sprachmeisterin und der Zögling, miteinander hinein. – Das andere, der Gerichtalter, war ich. Aber der Hauptmann liess sieaus Furcht vor uns verführerischen Prinzessinnenräubern und Raubbienen und weil ihre Mutter tot war und weil sie in der Schreibstube zu brauchen warmit keinem Herrn reden als unter sechs Augen und vor ebensoviel Ohren. Daher kam selten ein Herr, ausser mir, anstatt dass sonst ein Vater sich durch eine blühende Tochter ganze männliche Insektensammlungen ins Haus lockt, wie ein Kirschbaum, der am Fenster in Blüte steht, Wespen und Bienen in die stube zieht. Es war nicht eines jeden Sache, wenn er ein gescheutes Wort – d.h. eines, das der Vater nicht hörtemit ihr reden wollte, erst vor diesem Argus das Flötenregister zu ziehen und eine Stunde zu orgeln und hundert grüne Augen zuzusperren, um in zwei blaue zu schauen; meine Sache war es zwar, aber die Welt höre, was mir für ein Dankpsalm und für eine Dankadresse dafür ward.

Der Alte hatte sich nämlichmisstrauisch durch mein langes Dasitzen am vorigen Abend gewordenan diesem nur angestellet, als schlief' er, um zu sehen, auf was ich ausginge. Sein eiliges Entschlafen, wie sich der Leser aus dem Anfange dieser Vorrede besinnt, hätte mich überhaupt mehr frappieren sollen; ich hatte noch dazu selber schon aufs Gegenteil gerechnet und ihm deswegen Extrakte aus mehren