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kronengold-haltigen kopf gekommen wäre, hätt' er sich ohne Bedenken in einem ganzen lateinischen Osterprogramma aufgemacht. Der Weltmann behauptet den aufrechten Anstand und die gekrümmte Seele; der Schulmann hat oft beide nicht. Lenettens letzte Wolken verzogen sich alle, da sie hörte, dass dem Venner ein papierner Verwahrstock und spanischer Reiter unter ihre Stubentüre gesetzt worden. "Nun fleucht er also von mir? Dem Erlöser sei Dank! Er leugt und treugt ja auch überall", sagte Lenette. "So spricht man eigentlich nicht, ausgenommen schnitzerhaft, Frau Armenadvokatin, denn die unregelmässigen Zeitwörter kriechen, lügen, giessen, riechen, ziehen, die als verba anomala im Imperfecto kroch, trog, log und so weiter haben, werden von guten deutschen Grammatikern im Praesens durchaus regelmässig gebeugt, nämlich flektieretnur die Dichter machen ihre Ausnahmen wie leider überallund jeder sagt daher vernünftig: man lügt, kriecht, trügt, nämlich in der gegenwärtigen Zeit."

– "Lassen Sie doch", sagte Siebenkäs, "meiner guten Augsburgerin ihre luterischen Beugungen; sie tut mir ordentlich damit sanft, mit solchen unregelmässigen Zeitwörtern; sie sind ja schmalkaldische Artikel aus der augsburgischen Konfession." Hier zog sie das Ohr ihres Mannes freundlich an ihren Mund herab und sagte: "Was koch' ich abends? – Du könntest es aber dem Herrn wohl sagen, dass ichs mit meinen Reden ja gut gemeint. – Und frage doch, mein lieber Firmian, wenn ich draussen bin, den geistlichen Herrn, ob unsere Ehe in der Hl. Schrift recht erlaubt ist." Er fragte sogleich jetzt; der Pelzstiefel antwortete langsam: "Wenn man auch nichts erwägt als das Beispiel der Lea, die anonym unter dem Pseudo-Namen Rahel noch in der Hochzeitnacht dem Jakob zugeschoben worden und deren Ehe die Bibel gutgeheissen: so wär' uns das schon genug; wechseln denn aber die Namen oder die Leiber Ringe? und kann denn der Zweck der Ehe von einem Namen erreicht werden?" – Ein gegen ihn aufgehobenes, in Milde zergangenes Angesicht und ein demütiges Auge voll Heiterkeit waren Lenettens Antwort auf seine Frage und ihr Dank für seinen Konsistorialbescheid.

Sie ging in die Küche, kam aber unaufhörlich wieder, um immer an den Tisch, woran beide Männer sassen, zu treten und das Licht zu schneuzenwas wohl niemand in der ganzen stube ihr als eine besondere sehnsucht und Dankbarkeit für Stiefel auslegen wird als höchstens ich und der Advokat –; der Schulrat inzwischen entriss ihr beständig die Lichtschere und beteuerte: es sei seine Schuldigkeit. Siebenkäs sah wohl, dass Stiefels beide Nebenplaneten von Augäpfeln sich immer um seinen Uranus (Lenetten) drehten; aber er vergönnte gern dem lateinischen Ritter dieses von einer Dulzinee versüsste Ritteralter und vergab, wie meistens die Männer, einem Nebenbuhler eher als einer Ungetreuenwie die Weiber hingegen mehr die Nebenbuhlerin hassen als den Ungetreuen –; er wusste noch dazu, dass Stiefel selber nicht wisse, was oder wen er wolle und liebe, und dass er alle Schulleute und Autoren leichter rezensiere als sich; denn so hielt der Rat z.B. seinen Zorn für Amteifer, seinen Stolz für Amtwürde, sein Leben für ein tägliches Sterben, seine Leidenschaften für Schwachheitsünden und diesesmal seine Liebe für Menschenliebe. Lenettens Treue war vom Schlussstein der Religion fest gewölbt, und durch des Venners Erschütterung hatte sich das hl. Kirchengewölbe nicht im geringsten gesenkt.

jetzt watete der Postbote herauf mit einem neuen Sternbilde, das er in den friedlichen Familien-Himmel setzte, mit diesem Briefe von Leibgeber:

Baireut,

den 21. September 1785

Mein lieber Bruder und Vetter und Oheim

und Vater und Sohn!

Denn Deine zwei Herzohren und zwei Herzkammern sind mein ganzer Sippschaftbaum; wie Adam, wenn er spazieren ging, seine ganze künftige Blutverwandtschaft und seine lange niedersteigende Linienoch ist sie nicht ausgezogen und zu Ende rastriertbei sich führte, bis er Vater wurde und seine Frau zeugte. Wollte Gott, ich wäre der erste Adam gewesen!... Siebenkäs, ich beschwöre Dich, lass mich diesem Gedanken besessen nachsetzen und im ganzen Briete kein Wort weiter vorbringen, als was das Kniestück von mir als erstem Menschenvater weiter malt!

Gelehrte kennen mich wenig, welche vermuten, ich wünsche deshalb der Adam zu sein, weil Pufendorf und viele andere mir die ganze Erde als eine europäische Besitzung im Indien des Universums, als mein patrimonium Petri, Pauli, Judae und übriger Apostel rechtlich zuerkennen, indem ich als der einzige Adam und Mensch, folglich als der erste und letzte Universalmonarch, wenn auch noch ohne Untertanen, auf die ganze Erde Anspruch machen konnte und durfte. An solche Dinge mag wohl der Papst als heiliger, wenn auch nicht erster Vater denken, oder er hat schon vor Jahrhunderten daran gedacht, da er sich als den Majorat- und Erbherrn aller der Erde einverleibten Länder aufstellte, ja sich nicht einmal schämte, auf seine Erdenkrone noch ein Paar, eine Himmel und eine Höllenkrone, zu türmen.

Wie wenig will ich haben! Bloss darum hätt' ich der alte und älteste Adam sein mögen, um an meinem Hochzeitabend mit der Eva aussen am Spalier des Paradieses in unsern grünen Tändelschürzen und in unsern Pelzen auf und ab zu spazieren und eine hebräische Hochzeitrede an die Mutter aller Menschen zu halten.

Eh' ich die Rede anfange, merk' ich an, dass ich vor meinem Falle den überaus glücklichen Gedanken gehabt, das Vorzüglichste von meiner Allwissenheit aufzunotieren. – Denn ich