, aber nicht in seinem Herzen waren.
Ich bitte die Leser hier, den Geist der Sanftmut jedem Laute – weil unsere Worte mehr als unsere Taten die Menschen erzürnen –, aber noch mehr jedem Blatte einzublasen; denn wahrlich wenn Ihnen Ihre Korrespondenten ein schriftliches Pereat längst verziehen haben, so schwillet doch, wenn das Sauerampfer Blättchen wieder in die hände fällt, der alte Sauerteig des Hasses wieder auf. – dafür können Sie im andern Falle auf eine gleiche Ewigkeit einer erschriebenen Wärme vertrauen; wahrhaftig, hätte ein langer schneidender Dezemberwind mein Herz zu allen Bewegungen für ein anderes, das sonst wahre Johannes-Briefe weiche Hirten- und Hirtinnen-Briefe an mich erlassen, steif und unbiegsam gemacht: so verschlüge dies wenig, sobald ich nur diese SchäferBriefe aus meinem Briefgewölbe voll Brieftaschen oder Brief-Ranzen wieder heraus zöge. Der Anblick der geliebten Hand, des willkommnen Siegels und der lieblichen Worte und der papierne Spielraum so mancher Entzückung würfe auf das starre Herz wieder den Sonnenschein der veralteten Liebe; es würde sich wie ein beschienener Blumenkelch wieder der kleinen Vorzeit auftun, und alle Gedanken würden, und wäre ich erst vorgestern beleidigt, sagen: "Ach, ich habe dem Verfasser (der Verfasserin) bisher wohl zu viel getan." – So trieben viele Heilige des 1ten Säkuls Teufel aus Besessenen aus, bloss durch – Briefe.
Eben diesen Sonnabend kam wie ein jüdischer Sabbat der Pelzstiefel gleichsam gerufen. Ich hab' es oft gesehen, dass ein Gast das Heftpulver und Bindewerk zwischen zwei keifenden Ehehälften geworden, weil sie aus Scham und Not gezwungen waren, wenigstens so lange miteinander freundlich zu tun und zu sprechen, als der Gast zuhorchte. Jeder Eheherr sollte einen oder ein paar Gäste in Vorrat haben, welche kämen, wenn er litte unter der Eheherrin, die den stummachenden Teufel zu lange im leib hätte; sie müsste doch wenigstens, solange die Herren blieben, reden und den eisernen Diebapfel des Schweigens – der mit dem Zankapfel auf einem Aste wächset – aus dem mund nehmen. – Der Schulrat stellte sich ganz dicht vor Lenette Wendeline, wie vor seine Schülerin, und fragte sie, ob sie das erste Kreuz ihrer Ehe so geduldig getragen habe wie eine Kreuzschwester Hiobs. Sie schlug tief die grossen Augen nieder und wickelte einen fingerlangen Faden an einen Zwirn-Schneeball und atmete voller. Ihr Mann vertrat sie und sagte: "Ich war ihr Kreuzbruder und trug das Querholz der Last – ich ohne Murren, sie ohne Murren. – Im 12ten Jahrhundert zeigte man noch den nachgelassenen Mistaufen, worauf Hiob geduldet hatte. Unsere zwei Sessel sind die Mistaufen und sind annoch zu sehen." – "Gutes Weib!" sagte Stiefel mit dem sanftesten Pianissimo aus dem Grobgedackt und Schnarrwerk der männlichen Brust und legte seine grosse blütenweisse Hand auf ihr vorquillendes Stirn-Rabenhaar. Siebenkäs hörte ein vielfaches sympatetisches Echo dieser Worte in seiner Seele und legte seinen Arm um die Schultern Lenettens, die über die ehrende Freundlichkeit des andern Mannes im amt selig errötete; er drückte sanft ihre linke Seite an seine rechte und sagte: "Wahrlich das ist sie – sie ist sanft und still und geduldig und nur gar zu emsig – wäre nicht der ganze Heerbann der Hölle in der Gestalt des Venners gegen unser kleines Gartenhaus des Glücks angerückt, um es abzudecken: Herr Rat, wir hätten lange froh darin gehauset bis weit in den Winter unserer Jahre. Denn meine Lenette ist gut, und zu gut für mich und für viele andere." Hier umgürtete der gerührte Stiefel ihre mit dem Knaul gefüllte Hand am Sitz des Pulses mit seinen fünf Fingern – denn die leere hatte der Mann –; und das Wundwasser für unsere Schmerzen, dessen grosse Tropfen, durch die gebundnen hände nicht verwischt, aus ihren gesenkten Augen zitternd auf die Wangen zogen, machte die männlichen Herzen unendlich weich; ohnehin konnte ihr Mann niemand lange loben, ohne dass ihm die Augen überflossen. Er fuhr schneller fort: "Sie sollt' es auch recht gut bei mir haben, aber mein Mütterliches wurde mir so grausam vorentalten. Und auch da noch hätte ich sie ohne Erbschaft glücklich gemacht wie sie mich, wir hatten keinen Zwist, keinen einzigen trüben Augenblick – nicht wahr, Lenette, nichts als Ruh' und Liebe hatten wir – bis der Venner kam! – Der nahm uns viel." – Der Schulrat hob erboset die geballte Faust in die Lüfte und sagte, mit ihr in diese hauend: "Du Höllenkind! Du Räuberhauptmann und Flibustier! Du seidner Katilina und Schadenfroh! – Gedenkst du das und deine andern Streiche einmal zu verantworten? – – Hr. Armenadvokat, das erwart' ich wenigstens von Ihnen, dass Sie, wenn er wieder um Haare ansucht, ihn bei seinen Haaren hinausgeleiten oder dieser Pelz-Made, wie Sie selber sagen, mit einem Stiefelknecht auf die Achsel klopfen und mit einer Beisszange die Hand drücken – mit einem Worte, ich leid' ihn nicht mehr hier."
Und hier schob Siebenkäs, um fremde und eigne Rührung auszukühlen, die Nachricht ein, er habe alles schon getan und dem Venner die nötigen Inhibitoriales übermacht. Der Pelzstiefel schnalzte freudig mit der Zunge und nickte billigend mit dem kopf; denn eine hohe Obrigkeit war ihm zwar Christi Unterkönig, und ein Graf ein Halbgott, und ein Kaiser ein ganzer; aber eine einzige Todsünde, die einer von ihnen beging, kostete diesem seine ganze gebückte Freundschaft, und gegen einen lateinischen Donatschnitzer, der sogar aus einem