Tropfen, Dünsten und Punkten zusammengestoppeltes Musaik-Gemälde des Lebens ein. Er lachte und hörte mit einer nur wenigen Lesern begreiflichen Rührung einen Bänkelsänger an, der gellend mit seinem Rhapsoden-Stabe in der einen Hand auf das ausgespannte illuminierte grosse Blatt eines greulichen Mordes hindeutete, und in der andern gedruckte kleinere Blätter mitteilte, worin das Unglück und der Mörder mit keinen hellern Farben als mit poetischen den Deutschen vorgemalt waren. Siebenkäs machte eine Bestellung von zwei Exemplaren, die er einsteckte, um sie abends zu lesen.
Das traurige Mordstück zeichnete im Hintergrunde seiner Seele die verteidigte Kindmörderin und den Rabenstein aus, auf den die warmen Tränen gefallen waren, womit sein losgespaltnes, nur einem einzigen Menschen verständliches Herz unter dem letzten Riss geblutet hatte. – Er verliess den tobenden Marktplatz und suchte die schweigende natur und das für Freundschaft und Schuld zugleich bestimmte Isolatorium auf. Es ist ein sonderbares und liebkosendes Gefühl, auf einmal aus einem wühlenden Markte in den ruhigen Umkreis der einfarbigen Schöpfung zu treten, in ihren stummen dunkeln Dom.
Er bestieg mit schwerer Brust die bekannte Stätte, deren harten Namen ich weglassen will, und sah sich auf dieser Ruine in der Schöpfung wie ein letztes Wesen um: weder im Blau des himmels noch auf dem Grün der Erde fand er eine zweite stimme. Nur eine verlorne Grille schwatzte noch einsilbig in den aufgedeckten Furchen aus den Stoppeln der abgetriebnen Ährenwaldung. Die Vögel scharten sich unter blossen Misslauten zusammen und flogen in die häufigern grünen Garnwände, statt in den entlegnen grünen Frühling. Über die Auen ohne Blumen, über die Beete ohne Ähren schweiften blasse Gespenstergebilde der Vergänglichkeit, und über den grossen ewigen Gegenständen, über Wäldern und Bergen, hing ein nagender Nebel, als wenn sich in seinen Rauch die erschütterte stäubende natur auflösete. – – Aber ein lichter Gedanke zerteilte den dunkeln Staubregen der natur und der Seele in einen weissen Nebel und den Nebel in bunten Tau und liess den Tau auf Blumen fallen; er schaute nach Nord-Osten an die Berge, die sein zweites Herz verbargen und hinter denen sein Freund, wie ein im Herbste früher kommender Mond, in einem blassen Bilde aufstieg; und der Frühling, an dem er seinen Heinrich besuchen und wiedersehen wollte, fing jetzt schon an, für ihn eine breite Strasse dahin mit Grün und Blumen auszuschlagen. Wie spielt der Mensch mit der Welt um sich und kleidet sie schnell in die Gespinste seines inneren um! jetzt senkte sich der unbefleckte Himmel mit einem nähern Blau auf die falbe Erde hernieder. – Tönte nicht der künftige Frühling schon von weitem über einen ganzen Winter herüber im Abendgeläute des Weide-Viehes, im Wildrufe der Waldvögel und in den ungehemmten Bächen, die in den künftigen Blumen-Überhang hinein flossen? – Und als eine zuckende Puppe neben ihm noch in der halben eingerunzelten Raupenhülse hing und ihren Blütenkelchen entgegenschlief – und als das Seelenauge der Phantasie von den Grummetaufen in die Abendpracht des Heumonats hinüberblickte – und als jeder vielfarbige Baum gleichsam zum zweiten Male blühte – und als die bunten Gipfel wie vergrösserte Tulpen einen Regenbogen auf den Duft des Herbstes zogen: – so jagten nun nur frühere Mailüfte dem flatternden Laube nach und wehten unsern Freund mit hebenden Wogen an und stiegen mit ihm auf und hielten ihn empor über den Herbst und über die Berge und er konnte über die Berge und Länder wegschauen und siehe, er sah alle Frühlinge seines Lebens, die für ihn noch in Knospen lagen, wie Gärten nebeneinander stehen und in jedem Frühlinge stand sein Freund! –
Er verliess den Ort; aber er streifte in den Wiesen, worin man jetzt nicht ängstlich den Fusssteig zu suchen brauchte, noch lange herum, hauptsächlich damit man es seinen Augen nicht ansähe – zumal da ihm heute so viele Marktleute begegneten –, an wen er unterweges gedacht habe. Aber es half ihm wenig; in gewissen Verfassungen quillet die geritzte Seele wie verwundete Bäume unaufhörlich und beim kleinsten Bestreifen.
Er mied Augenzeugen, besonders wie Rosa, darum, weil er, wie ich leider sagen muss, gerade in der Rührung, es sei aus Scham oder Lebhaftigkeit, am geneigtesten war, seinen Zustand durch Auffahren zu verbergen. Endlich fiel ihm eine Waffe zum Siege über sich in die Hand: der Gedanke, dass er seinem gast noch genug für das unhöfliche Wegbleiben abzubitten und zu vergüten habe.
Als er ankam – welcher sonderbarer Anblick! Der alte Gast war fort – ein neuer war da – und neben ihm sein Weib in Tränen. Bei seinem Eintritt trat Lenette an ein Fenster, und ein neuer Tränenguss fiel nieder. "Frau Armenadvokatin", fuhr der Schulrat noch immer fort und hielt ihre Hand, "schicken Sie sich ums himmels willen in den Willen Gottes – es ist ja leichtlich zu richten und zu schlichten. – Ich verstatte gern eine Traurigkeit des Herzens; aber eine gemässigte sei es." Lenette sah ihren Mann gar nicht an, sondern durchs Fenster. Der Schulrat erzählte jetzt erstlich alles das, was ich schon erzählt habe – indes Firmian, unter dem Horchen und Blicken auf ihn, die glühende Hand der abgekehrten Lenette fasste –; dann fuhr er fort: "Als ich hereintrat, du grosser Gott, so lag ihr Gnaden vor der Frau Advokatin auf den Knieen mit weltlichen Tränen und war gesonnen – ich muss es besorgen –, ihr ihre teure Ehre zu nehmen. Ich aber riss solchen auf, ganz freimütig, und fragte ihn mit paulinischer Unerschrockenheit, die ich vor Gott und Menschen zu verantworten gedenke