und sagt' ihr, er woll' ihr, hoff' er, andere Lieder vorlesen, als da unten verkäuflich herumgetragen würden. Er war nämlich einer der grössten Dichter in Kuhschnappel, wiewohl er bisher mehr seine Verse bekannt gemacht, als dass diese ihn bekannt gemacht hätten. Seine Gedichte glichen wie die meisten jetzigen ganz den Musen selber, indem sie, wie die Musen, echte Kinder des Gedächtnisses waren. Jede altfränkische Stadt hat wenigstens ihren neumodischen Gecken, der die Honneurs macht; und jede kalte prosaische, reichsgerichtlich-stilisierte hat doch ihr Genie, ihren Dichter und Empfinder; oft werden beide Stellen von einem Subjekte verwaltet wie hier. Der Grosse und der Kleine Rat hiessen ihren Rosa ein Kraftgenie, von der Genie-Seuche angesteckt. Diese Seuche gleicht der Elefantiasis, welche Troil in seiner Reise durch Island im 24. Briefe richtig beschreibt und die darin besteht, dass der Patient an Haaren, Ritzen, Farbe, Beulen der Haut und allem völlig einem Elefanten ähnlich sieht, nur dass er seine Stärke nicht hat und in einem kalten Klima lebt.
Everard zog eine rührende Elegie aus der einen oder linken tasche, worin (ich meine in der Elegie) ein an der Liebe verfalbender Edler sich selber niedersang, und er merkte voraus an, er wolle gern solche ihr vorlesen, falls er sie anders vor Rührung durchbringe; aber bald presste dem Verfasser das Gedicht mehr als eine Träne und Rührung ab, und er musste zu seiner Ehre ein neues Beispiel abgeben, dass, wie männlich und kalt auch er und Dichter seinesgleichen sich bei den grössten Leiden der Menschheit zu fassen wissen, sie sich doch nicht ganz bei denen der Liebe bezwingen können, sondern weinen müssen. Sie bereuen freilich solche Tränen nicht. Rosa inzwischen, der sich wie diebische Spieler immer an einer widerspiegelnden Fläche aufhielt und wär' es wasser, Fensterscheibe oder polierter Stahl – um die weibliche Physiognomie im Fluge zu treffen, nahm in einem Spiegelchen des Rings der linken Hand, worin er die Elegie vorhielt, nur einige tragische Tau-Spuren in Lenettens Augen wahr, welche sein Dichten nachgelassen. Nun holte er aus der zweiten tasche eine Ballade (sie muss längst gedruckt sein) hervor, worin eine unschuldige Kindmörderin mit einem weinenden Abschied vom Geliebten ihrem Schwert entgegengeht. Die Ballade hatte (sehr unähnlich seinen andern poetischen Kindern) wahres poetisches Verdienst, da er zum Glück – wenigstens für das Gedicht selber einen solchen Geliebten vorstellte und mitin aus dem Herzen zu dem Herzen sprechen konnte. Schwer zu malen ist die Rührung und Zerfliessung, welche in Lenettens Angesicht erschien; ihr ganzes Herz stand weinend in den blinden Augen; sie hatte' es gar nicht gewohnt, so erfasst zu werden von Wirklichkeit und Dichtkunst zugleich. Da warf der Venner die Ballade im Feuer weg und sich an – Lenettens Hals und sagte:"Mitempfinderin, Edle, Hehre!"
Ich kann das Erstaunen nicht malen, womit sie, die einen Übergang vom Weinen zum Küssen gar nicht begriff, ihn wegdrückte. jetzt half es nichts – er war in der Rührung – er foderte ein Andenken dieser "hehren bezaubernden Minute", nur einen Flock Kopfhaare von ihr. – Ihr niedriger Stand und das grossgedruckte Beiwort und überhaupt ihr Unvermögen, nur zu begreifen, was er mit ihrem schwarzen Pelzwerk, und wenn sie ihm ganze Troddeln und Bettzöpfe davon zuschnitte, machen wolle, alles das setzte ihr den dummen Gedanken in den Kopf, er wolle einen Büschel Haare, um damit – zu hexen, etwa um ihr die Liebe antun zu lassen. –
Er hätte sich jetzt auf der Stelle vor ihr erstechen, auseinandersäbeln, lebendig pfählen können – – sie hätte es kalt gesehen, sie hätt' ihn etwa mit ihrem Blute gerettet, aber mit keinem Härchen.
Er hatte noch ein Mittel in petto – überhaupt war ihm ein solcher Vorfall noch niemals vorgekommen – er hob die hände zum Schwur in die Höhe und beteuerte, er wolle ihr von Hrn. v. Blaise die Erbschaft ihres Mannes und die Anerkennung desselben als Vetter – weil er jenem nur die Nichte sitzen zu lassen drohen dürfe – recht leicht verschaffen, wenn sie die Schere nähme und ihm nur ein härnes Andenken, nur so viel als ein viertels Schnurrbart betrage, abschneide.
Sie wusste vom Zwiste nichts, und er war also, zum Nachteil seines Entusiasmus, zu einer umständlichen prosaischen Erzählung der species facti des ganzen Prozesses genötigt. Zu seinem wahren Glücke führte er das Zeitungblatt noch in der tasche, in welchem die Erbschaftkammer sich im Drucke nach der Existenz des Advokaten erkundigt, und konnte' ihr solches hinhalten. Da fing die geplünderte Frau bitterlich an zu weinen, nicht über die Einbusse der Erbschaft, sondern über das lange Schweigen ihres Mannes und am meisten über die Zweifelhaftigkeit ihres jetzigen – Namens, da sie nicht wisse, sei sie an einen Siebenkäs oder an einen Leibgeber verheiratet; – ihre Tränen strömten stärker, und sie hätte in der Trunkenheit des Schmerzes dem Betrüger vor ihr alle ihre schönen Locken hingegeben, wenn nicht, indem er knieend nur um eine bat, ein Zufall die ganze Kette dieser Minuten zerrissen hätte.
Wir wollen aber vorher nachschauen, wo ihr Ehemann herumläuft – anfangs zwischen den Buden; denn das vielstimmige Getümmel und die Olla Potrida von wohlfeilen Genüssen und die aufgeschlagene Musterkarte der Lumpen, aus und auf denen wir Kleidermotten unsere Trachten und Gehäuse zusammenflicken, alles dieses senkte seine Seele in humorischmelancholische Betrachtungen über unser aus farbigen Minuten, Stäubchen,