1796_Jean_Paul_051_32.txt

Mädchen, und vergoss abends im Teater oft mehr Tränen, als er mancher Verführten abgedrücket hattesein Herz war überhaupt nicht von Stein oder Höllenstein, und wenn er lange betete, wurde' er andächtig und suchte die ältesten Glaubenlehren hervor, um ihnen beizufallen. – Der Donner war für ihn eine Nachtwächterschnarre, die ihn aufweckte aus dem leisen Schlafe der Sünde. – Dürftigen griff er gern unter die arme, zumal unter schöne. – Im ganzen genommen kann er selig werden, zumal da er nicht, wie etwa die Schuldner der grossen Welt, seine Spielschulden bezahlt, und da er in seinem Herzen ein angebornes Duellmandat gegen Schiessen und Hauen besitzt. Sein Wort hält er freilich noch nicht; auch würde' er, wenn er ärmer wäre, ohne Bedenken stehlen. Gewichtigen Leuten legt' er sich wedelnd zu Füssen, aber die Weiber zerrt' er wie ein Schosshund an der Schleppe oder setzte sich mit entblösstem Gebisse zur Wehre.

Solche biegsame Wasserschösslinge flattern vor jedem satirischen Schlage zurück, und es ist ihnen, so sehr sie ihn verdienen, keiner beizubringen, weil die Einwirkung sich nur wie der Widerstand verhält; und Siebenkäs wünschte, Meiern wäre roher und rauher; denn gerade diese nachgiebigen, bereuenden, kraftund saftlosen weichen Geschöpfe stehlen Glück, Kassenbestand, weibliche Unschuld, Ämter und guten Namen und sind völlig dem Mäusegift oder Arsenik ähnlich, der, wenn er echt ist, ganz weiss, glänzend und durchsichtig scheinen muss.

Rosa erschien, sag' ich; aber unendlich schön: sein Schnupftuch war eine grosse, und seine beiden Locken zwei kleine Molucken voll Wohlgeruchauf der Weste war (nach damaliger Sitte) ein ganzer gemalter Viehstand oder Zimmermanns zoologische Karteseine Beinkleidchen und sein Röckchen und alles salzte die Weiber im haus bloss durch den Vorübergang zu Lotischen Salzsäulen ein. Mich aber, gesteh' ich, blenden mehr seine bereiften sechs Ringfinger; – Schattenrisse, Gemälde, Steine, sogar Käferflügeldekken waren schön zum goldnen Beschlage seiner Finger verbraucht.

Von der Hand kann man recht gut den Ausdruck "sie wird mit Ringen wie ein Huf beschlagen" brauchen, da man ihn ja schon längst auf den Rosshuf selber anwandte, von welchem doch Daubenton durch Zergliederung erwiesen, dass er alle Teile unserer Hand befasse. Der Gebrauch dieser Hand- oder Fingerschellen ist unschuldig, ja Ringe sind Leuten, die in den Nasen welche brauchen, an den Fingern unentbehrlich. Denn nach der angenommenen Meinung sind diese metallne Überbeine der Finger zur Verunstaltung schöner hände erfunden, gleichsam als Ketten und Nasenringe, um die Eitelkeit zu zähmen; daher Fäuste, die an sich hässlich sind, diese Entstellung leicht entraten. Ich möchte wissen, ob ein ähnlicher Gedanke von mir selber, warum eine schöne Hand eine höckerige Ringkugel (Sphära Armillaris) werden muss, auch wahr ist. Pascal trug nämlich einen grossen eisernen Ring mit Stacheln um den blossen Leib, um sich durch einen kleinen Druck darauf sogleich mit Schmerzen für jeden eiteln Gedanken abzustrafen: sollen nicht vielleicht die kleinern und schönern Ringe auf ähnliche Weise jeden eiteln Gedanken mit kleinen, aber vielen Schmerzen züchtigen? Wenigstens scheinen sie diese Bestimmung zu haben, da gerade Eitle die meisten tragen und die beringelte Hand am meisten bewegen.

Oft laufen unwillkommne Besuche froher ab als andere: man war heute lustig genug, Siebenkäs war in seinem haus wie zu hauser guckte mit dem Venner auf den Markt. Die Frau hatte, nach ihrer Erziehung und nach der kleinstädtischen Sitte der mittlern Stände, nicht den Mut, im Konzert eines männlichen Gesprächs etwas anders zu sein als stumm, höchstens obligat, sie ging und trug ab und zu und versass die beste Zeit unten bei andern Weibern. – Der höfliche galante Rosa Everard kehrte gegen sie seine Hexenkunst, eine Frau auf einen Platz festzubannen, fruchtlos vor. Er klagte vor dem Ehemann, in Kuhschnappel sei wenig echte Feinheit und noch kein einziges Liebhaber-Teater, worauf man spielen könne wie in Ulmdie besten Moden und Bücher verschreib' er vom Auslande.

Siebenkäs bezeugte ihm bloss seine Freude über dasBettelvolk auf dem Markt. – Er machte ihn aufmerksam auf die kleinen Buben, die in die rotgemalten Holztrompeten stiessen, um, wenn nicht Jericho, doch das Trommelfell zu zerblasen. Aber er fügte mit Wohlbedacht hinzu, er solle darum die andern armen Teufel nicht übersehen, die in ihren Kappen die versprungene Nachlese des zerspalteten Klafterholzes, wie Bauinspektoren die Zimmerspäne, erhöben. – Er fragte ihn, ob er mit andern Kameralisten auch Lotterien und Lottos verwerfe und ob er glaube, dass das gemeine Wesen von Kuhschnappel bei der alten umgestürzten Tonne unten leide, auf deren Boden oben ein Zeiger, der um ein Zifferblatt von Pfefferkuchen und von Pfeffernüssen fuhr, gegen geringen Einsatz von den Teilnehmern umgeschnellt wurde auf Gefahr des Lottodepartements, eines gierigen alten Weibstücks, da mancher Junge statt eines Nüsschens einen Kuchen erwischte. Siebenkäs hatte das Kleine lieb, weil es in seinen Augen ein satirischer zerrbildnerischer Verkleinerspiegel alles grossen bürgerlichen Pompes war. Der Venner gewann solchen zweideutigen Darstellungen nicht den geringsten Geschmack ab; allein der Advokat hatte auch gar nicht daran gedacht, durch sie eine andere Langeweile zu zerstreuen als seine eigene. "Darf ich doch", sagt' er einmal, "mit mir selber alles laut sprechen, was ich nur will; was gehts mich an, dass ein anderer hinter meinem rücken zuhört oder vor meinem Bauche?"

Endlich warf er sich, nicht ohne Beifall des Venners, der