Meiern, einen jungen Patrizius, der in Hrn. Heimlichers von Blaise haus täglich aus- und einging, um sich in die "Routine der Amts-Praxis einzuschiessen". Auch war der Mann der Bräutigam einer armen Nichte des Heimlichers, die ausser Landes für sein Herz erzogen und ausgebildet wurde.
Also war der Venner ein wichtiger Charakter des Marktfleckens sowohl als unsers Dornenstücks, und zwar in jeder politischen Hinsicht. Denn in körperlicher war er es wohl weniger; durch seinen blumigen Kleiderputz war sein Leib fast wie ein Span durch einen Dorf-Blumenstrauss gesteckt – unter den funkelnden Magenflügeldecken eines Westen-Tierstücks22 pulsierte ein steilrechter, wenn nicht eingebogener Bauch, und seine Beine hatten im Ganzen den Wadengehalt der Holzstrümpfe womit Strumpfwirker sich an ihren Fenstern anzukündigen und zu empfehlen suchen.
Der Venner trug dem Advokaten kalt und ziemlich grob-höflich vor, er sei bloss gekommen, ihm die Last der Verteidigung der Kindermörderin abzunehmen, da er ohnehin so viele andere Sachen auszuführen habe. Aber Siebenkäs durchsah sehr leicht den Zweck des Vorwands. Es ist nämlich bekannt, dass zwar die verteidigte Inquisitin zum Vater ihres über die Erde im Fluge gegangenen Kindes einen Musterkartenreiter adoptiert und angenommen, dessen Namen weder sie noch die Akten anzugeben wussten; dass aber der zweite Vater des Kindes, der als ein junger Schriftsteller aus Bescheidenheit nicht gern seinen Namen vor seine pièce fugitive und sein Antrittprogramm setzen wollte, niemand war als der hagere Venner Everard Rosa von Meiern selber. Gewisse Dinge will oft eine ganze Stadt zu verunkennen (zu ignorieren) scheinen; und darunter gehörte Rosas Autorschaft. Der Heimlicher von Blaise wusste also, dass sie der Defensor Firmian auch wisse, und besorgte mitin, dass sich dieser für den Raub der Erbschaft an seinem Verwandten Meiern durch eine absichtlich-schlechte Verteidigung der armen Inquisitin rächen werde, um diesem die Schande ihrer Hinrichtung zu machen. Welcher entsetzliche niedrige Argwohn! – Und doch ist oft die reinste Seele zum Argwohn eines solchen Argwohns genötigt! – Zum Glück hatte Siebenkäs den Blitzableiter der armen Mutter schon fertig geschmiedet und aufgerichtet. Als er ihn dem Kasual- oder Schein-Bräutigam der Scheinkindermörderin vorwies: gestand dieser sogleich, einen geschicktern Schutzheiligen hätte die schöne Magdalena unter allen Advokaten der Stadt nicht aufgetrieben; wenigstens keinen frömmern, setzen Schreiber und Leser hinzu, welche wissen, dass er durch die Verteidigung der Unschuld dem Himmel für den ersten Entwurf der Teufelspapiere dankbar sein wollte.
jetzt kam plötzlich die Frau des Advokaten aus der Nachbarstube des Buchbinders von einem fliegenden Besuche zurück. Der Venner sprang ihr bis an ihre Türschwelle mit einer Höflichkeit entgegen, die nicht weiter zu treiben war, da sie doch erst vorher aufmachen musste, eh' er entgegen konnte. Er nahm ihre Hand, die sie ihm im ehrerbietigen Schrecken halb zulangte, und küsste solche gebückt, aber die Augen emporblickend gedreht und sagte: "Mäddämm, ich habe diese schöne Hand schon seit einigen Tagen unter der meinigen gehabt." jetzt kam es durch ihn heraus, dass er derselbe fleischfarbige Herr sei, welcher ihre Hand, wenn sie solche zum Fenster hinausgelegt, mit der Reissfeder unten weggestohlen, weil er um eine schöne Dolces-Hand für ein Kniestück seiner abwesenden Braut verlegen gewesen, in das er aus dem Gedächtnisse einen blossen Kopf von ihr zu zeichnen unternommen. Nun tat er seine Handschuhe, in welchen er sie nur, wie manche frühere Christen das Abendmahl, aus Ehrerbietung zu berühren gewagt, herunter von seinem Ringfeuer und Hautschnee; denn um diesen letzten in grösstem Sonnenbrande zu bewahren, legte er selten die Handschuhe ab, es müsste denn im Winter gewesen sein, der wenig schwärzt. Kuhschnappler Patrizier, wenigstens junge, halten gern das Gebot, welches Christus den Jüngern gab, niemand auf der Strasse zu grüssen; auch der Venner beobachtete gegen den Mann die nötige Unhöflichkeit, nur aber gar nicht gegen die Frau, sondern liess sich unabsehlich herab. Schon von satirischer natur hatte Siebenkäs den Fehler, gegen gemeine Leute zu höflich und vertraut zu sein, und gegen höhere zu vorlaut. Aus Mangel an Welt wusst' er die rechte krumme Linie gegen die bürgerlichen Klassiker nicht mit dem rücken zu beschreiben; daher fuhr er lieber – gegen die stimme seines freundlichen Herzens – stangengerade auf. Ausser dem Mangel an Welt war sein Advokatenstand Ursache, dessen kriegerische Verfassung eine gewisse Kühnheit einflösst, zumal da ein Advokat stets den Vorteil hat, dass er keinen braucht, daher er es häufig, wenn es nicht Patrimonial-Gerichterren oder auch Klienten sind, welchen beiden er mit seinen geringen Gaben zu dienen hat, keck mit den angesehensten Personen aufnimmt. Inzwischen rückte gewöhnlich in Siebenkäs Menschenlied unvermerkt den beweglichen Steg so unter seinen hochgespannten saiten herab, dass sie zuletzt bloss den sanften tiefern leisern Ton angaben. Nur jetzt wurde' ihm gegen den Venner, dessen Zielen auf Lenette er zu erraten genötigt war, Höflichkeit viel schwerer als Grobheit.
Er hatte ohnehin einen angebornen Widerwillen gegen geputzte Männer – obwohl gegen geputzte Weiber grade das Gegenteil –, so dass er oft die Flügelmännchen des Putzes in den Modejournalen lange ansah, bloss um sich recht über sie abzuärgern, und dass er den Kuhschnapplern beteuerte, wie er niemand lieber als einem solchen Männchen Schabernack antäte, einen Schimpf, einen Schaden bis zum Prügeln hinauf. Auch war es ihm von jeher lieb gewesen, dass Sokrates und Kato auf dem Markte barfuss gegangen, wogegen barhaupt gehen (chapeaubas) ihm nicht halb soviel war.
Aber eh' er sich anders als mit