1796_Jean_Paul_051_25.txt

durfte ohne Bedenken dieses Münzkabinett verkalken und verflüchtigen, da es sein Freund nur aus Spott gegen die, die mit 100 Talern einen kaufen, in seinen Taschen angelegt hatte. Beide lebten überhaupt in einer Gütergemeinschaft des Körpers und Geistes, die wenige fassen sie waren so edel geworden, dass zwischen dem Nehmer und Geber einer gefälligkeit kein Unterschied mehr blieb, und sie schritten über die Klüfte des Lebens aneinandergeknüpft, wie die Kristallsucher auf den Alpen sich gegen den Sturz in Eisspalten durch Aneinanderbinden decken.

Gleichwohl kam er an einem Marientage gegen Abend auf einen Gedanken, welcher alle geängstigten Leserinnen seiner geschichte ganz aufrichten wird und der ihn selber seliger machte als der grösste Brotkorb mit Fruchtkörbchen oder als ein Korb Wein. Er wusste aber schon voraus, dass er den Gedanken haben würde; im Elend sagt' er allemal: "Es soll mich wundern, was für ein Hülfmittel ich da wieder ausspinnen werde; denn verfallen werde' ich so gewiss auf eines, als ich vier Gehirnkammern beherberge." – Der beglückende Gedanke, wovon ich rede, war, das zu machen, was ich hier macheein Buch, obwohl ein satirisches21. Hier fuhr aus den aufgezognen Schleusen des Herzens ein reissender Strom von Blut unter das Räder- und Mühlenwerk seiner Ideen hinein, und die ganze geistige Maschine klapperte, rauschte, stäubte und klingeltees waren schon einige Metzen gemahlen fürs Werk. Ich kenne keinen grösseren geistigen Tumultkaum einen süssernin einem jungen Menschen, als wenn er in der stube auf- und abgeht und den kühnen Entschluss fasset, ein Buch Konzeptpapier zu nehmen und ein Manuskript daraus zu machenja man kann darüber disputieren, ob der Konrektor Winckelmann und der Feldherr Hannibal hurtiger die stube auf- und abliefen, als beide des ebenso kühnen Sinnes wurden, nach Rom zu gehen. Siebenkäs musste, da er eine Auswahl aus des Teufels Papieren zu schreiben beschlossen, zum haus hinaus und dreimal um den Marktflecken laufen, um die rollenden beweglichen Ideen durch müde Beine wieder fester in die rechten Fugen einzuschütteln. Er kam, müde vom inneren Verglühen, zurücksah nach, ob genug weisses Papier zu Manuskripten da seiund lief auf seine ruhige Haubensteckerin zu und küsste sie so schnell, dass sie kaum die Stecknadel aus den Lippenden letzten Dorn an diesen Rosenziehen konnte. Unter dem Kusse befestigte sie, hinunterschielend, ganz ruhig mit der Nadel ein Band an einem Haubenflügel. "Freu dich doch", sagt' er, "tanze mit mir herumich schreibe morgen ein Opus, ein Buch. – Brat nur heute abends den Kalbskopf, ob es gleich wider unsere 12 Ess-Gesetztafeln läuft." Er und sie hatten sich nämlich sogleich am Mittwoch als eine Speise-Gesetz-Kommission niedergesetzt; und es war unter den 39 Artikeln einer sparenden Tisch-Ordnung auch dieser durchgegangen und dekretiert, dass sie sich abends wie Brahminen ohne Fleisch behelfen wollten, ganz schlecht und nur mit Fleisches-Wertem. Er hatte aber die grösste Mühe, bis er seiner Lenette beibrachte, dass er schon mit einem Bogen von der Auswahl aus des Teufels Papieren den Kalbskopf wieder zu erschreiben verhoffen dürfe und dass er nicht ohne Grund sich selber einen Fasten-Erlass erteile; denn Lenette dachte wie der gemeine Mann oder wie der Nachdrucker, ein geschriebenes Buch werde wie ein gedrucktes bezahlt, und dem Setzer gehöre fast mehr als dem Schreiber. Sie hatte in ihrem Leben noch nichts von dem ungeheuren Ehrensold vernommen, welchen deutsche Autoren gegenwärtig ziehen; sie war wie Racinens Frau, die nicht wusste, was ein Vers oder ein Trauerspiel ist, und die gleichwohl damit die Haushaltung bestritt. Ich meines Orts würde aber keine an den Altar und in das Hochzeitaus führen, die nicht wenigstens einen Perioden in meinen Werken, über welchem mich der Tod mit seiner Sanduhr erworfen, unter meiner Firma recht gut hinauszuschreiben wüsste oder die es nicht unbeschreiblich freuen könnte, wenn ich ihr gelehrte Göttingische Anzeigen oder Allgemeine Deutsche Biblioteken vorläse, die mich, wenn auch Übertrieben, loben.

In Siebenkäs hatte den ganzen Abend die Schreibefreude alle Blutkügelchen in ein solches Renner' und alle Ideen in einen solchen Wirbelwind gesetzt, dass er bei seiner Lebhaftigkeit, die oft den Schein der Herzen-Aufwallung annahm, ohne weitere Frage über alles Langsame, das ihm in den Weg sich stemmte, über den Zögerschritt des Laufmädchens oder über die Wort-Trommelsucht desselben aufgefahren und als Platzgold losgegangen wäre, hätt' er nicht auf der Stelle nach einem besonderen Temperier- oder KühlPulver gegen freudige Entrüstung gegriffen und solches eingenommen. Es ist leichter, dem schleichenden gang eines schweren trüben Blutes einen Abfall und einen schnellern Zug zu geben, als die Brandungen eines fröhlichen stürmenden zu brechen; aber er wusste sich in der grössten Freude stets durch den Gedanken an die unerschöpfliche Hand zu stillen, die sie gegeben hatteund durch die sanfte Rührung, mit welcher das Auge sich vor dem verhüllten ewigen Wohltäter aller Herzen niederschlägt. Denn alsdann will das von der Dankbarkeit und der Freudenträne zugleich erweichte Herz wenigstens dadurch danken, dass es milder gegen andere ist. Jenen wilden jubel, den die Nemesis züchtigt, kann dieses Dankgefühl am schönsten zähmen; und die, welche an der Freude starben, wären, wenn sie ein dankbares Hinaufsehen erweicht hätte, entweder nicht gestorben oder doch an einer schönern Freude.

Den ersten und den besten Dank für das neue gerade schöne Ufer, in das jetzt sein Leben abgeleitet war