1796_Jean_Paul_051_206.txt

aufzustehen und ohne anzureden. Er blickte das erhärtete Stachelrad des alten, von ihr gereichten Rosenzweiges an und drückte sich unwissend und unempfindlich die Stacheln in die Fingerlängere und heissere Atemzüge hoben die beladene Brust empor glühende Tränen hingen sich vor sein Auge, und das Mondlicht zitterte vor ihnen nur in einem Leuchtregen herniederund eine ganze Welt lag auf seiner Seele und auf seiner Zunge und erdrückte beide. – – "Guter Firmian", sagte Natalie, "was fehlet Ihnen?" – Er kehrte sich mit weiten, starren Augen gegen die sanfte Gestalt und zeigte mit der Hand auf sein Grab hinunter: "Mein Haus drunten, das schon so lange leer steht. Denn der Traum des Lebens wird ja auf einem zu harten Bette geträumt." Er wurde irre, da sie zu sehr weinte, und da ihm das in himmlische Milde zerschmolzene Gesicht zu nahe war. Er fuhr mit der bittersten, innersten Rührung fort: "Sind denn nicht alle meine Teuern dahin, und gehst du nicht auch? Ach warum hat uns allen das folternde Geschick das wächserne Bild eines Engels auf die Brust gelegt180 und uns damit ins kalte Leben gesenkt? O das weiche Bild zerbricht, und kein Engel erscheintJa, du bist mir wohl erschienen, aber du verschwindest, und die Zeit zerdrückt dein Bild auf meinem Herzenund das Herz auch: denn wenn ich dich verloren habe, bin ich ganz allein. Lebe aber wohl! Bei Gott, ich werde doch einmal im Ernste sterbenund dann erschein' ich dir wieder; aber nicht wie heute, und nirgends als in der Ewigkeit. Dann will ich zu dir sagen: 'O Natalie, ich habe dich drunten mit unendlichen Schmerzen geliebt: vergilt mir es hier!'" – – Sie wollte antworten; aber die stimme brach ihr. Sie schlug ihr grosses Auge zum Sternenhimmel auf; aber es war voll Tränen. Sie wollte aufstehen; aber ihr Freund hielt sie mit der Hand voll Dornen und Blut und sagte: "Kannst du mich denn verlassen, Natalie?" – Hier stand sie erhaben auf, bog das Haupt gegen den Himmel zurück, riss schnell die Tränen weg, die sie überströmten, und die fliegende Seele fand die Zunge, und sie sagte mit betenden Händen: "Du Alliebenderich hab' ihn verlorenich hab' ihn wiedergefundendie Ewigkeit ist auf der Erdemach ihn glücklich bei mir!" Und ihr Haupt sank zärtlich und müde auf seines, und sie sagte: "Wir bleiben beisammen!" Firmian stammelte: "O Gott! o du Engelim Leben und tod bleibst du bei mir." – "Ewig, Firmian!" sagte leiser Natalie; und die Leiden unsers Freundes waren vorüber.

Fussnoten

1 So wurden wirklich alle Stücke im ersten Bande der ersten, unverbesserten Auflage geordnet, aber der guten Pauline verschlägt es gewiss nichts, dass ich in der zweiten, so sehr verbesserten mehr an ganz Deutschland denke und alles viel anders reihe. 2 Ich bitte inständig denjenigen teil des Publikums, mit dessen Schilderung es auf den Haupt- und Kaufmann gemünzt ist, solche nicht auf sich zu beziehen; ich scherze oben offenbar, und meine Absicht ist ja klar. 3 Die Teufel mussten, sagt der Koran, dem Salomo dienen. Nach seinem tod wurde' er ausgestopft und durch einen Stab in der Hand und durch einen andern, ans Steissbein gestemmten auf einen so scheinbar-lebendigen Fuss gesetzt, dass es die Teufel selber nicht früher merkten, als bis die Hinterachse von Würmern zernagt wurde und der Souverän umkugelte. S. Boysens Koran in Michaelis' Orientalischer Bibliotek. 4 "Und zwar in der längsten, aber besten Biographie, die ich je geschrieben und zu welcher mir täglich ganze Karren mit Aktenstücken, Urkunden Attestaten u.s.w. vor die Tür geschoben werden, weil ich kein Diese ganze Note stand in der frühern Auflage; ist aber wohl in der gegenwärtigen entbehrlich, da der Titan längst in aller Händen ist. 5 Wilhelmis Unterhaltungen aus der Naturgeschichte. Insekten. B. 1. 6 Spielerleben etc. etc. Gota 1813 7 Himmelblau ist die Ordenfarbe der Jesuiten, wie des indischen Krischna und des Zorns. Die Hypotese des Physikers Marat, dass Blau und Rot das Schwarze geben, sollte man untersuchen, indem man dem Jesuiterblau das Kardinalrot zusetzte. Er selber brachte später in der Revolution aus Blau und Rot und Weiss das schönste Elfenbeinschwarz heraus oder den chinesischen Tusch, womit später Napoleon zeichnete. 8 Er nennt die Menschen, wie viele Herrnhuter und Mönche und Fürsten einander, seine Brüder, aber vielleicht mit Recht, da er sie ebenso gut wie ein morgenländischer Fürst die seinigen behandelt, ja noch viel sanfter dazu, ohne körperliches Köpfen, Blenden und Verschneiden bei einigem geistigen. 9 Dieselbe raubende und würgende Tatze verbirgt sich bei beiden unter dem Schein eines Menschentritts. 10 L. 15. §. 38 de injur 11 Sp. 547. n. tr. 12 Der Heimlicher in Freiburg ist drei Jahre lang unverletzbar in seinem amt und drei Jahre nach dem Austritte daraus. Hanseatische Zeitung No. 415, 1816. 13 So heissen Leute, die sich selber sehen. 14 Es bestand meistens in Schatzgelde, in fünf Vikariatdukaten u.s.w. 15 Plato malt bekanntlich unsere niedrigern Leidenschaften als einen im Unterleibe zappelnden Viehstand ab. 16 Er hatte gerade eine angebliche Kindermörderin zu