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so dachte sie, das Geschick erhöre sie; und dann zerdrückte die metallene Hand des kalten Entsetzens die rote Rose zur weissen. O! ihr Freund war unglücklicher; sein weiches, nacktes Herz lag zwischen zwei aneinanderstürzenden Welten zermalmt. Mit jammernder stimme schrie er: "Natalie, Natalie!" Die Lippe zuckte auf, und das Auge wärmte ein Hauch von Leben an; aber als der Tote noch vor ihr stand, schloss sie das Auge und sagte schaudernd: "Ach Gott!" Vergeblich warf seine stimme sie ins stechende Leben zurück; sobald sie aufblickte, gerann ihr Herz vor der nahen Schrecklarve, und sie konnte nur seufzen: "Ach Gott!" – Firmian riss an ihrer Hand und rief: "Du himmlischer Engel, ich bin nicht gestorbenblicke mich nur anNatalie, kennst du denn mich nicht mehr? – O guter Gott! strafe mich nicht so grässlich und nimm ihr das Leben nicht durch mich!" Endlich hob sie langsam die schweren Augenlider auf und sah den alten Freund neben sich zittern, mit den Tränen der Angst und mit dem wechselnden Angesicht, das unter den Giftstacheln der Qualen aufschwoller weinte froher und stärker und lächelte sie schmerzlich an, als sie die Augen offen liess: "Natalie, ich bin ja noch auf der Erde und leide wie duSiehst du nicht, wie ich zittere deinetwegen? – Nimm meine warme Menschenhand! Bist du noch in Furcht?" – "Nein", sagte sie erschöpft, aber sie blickte ihn scheu, wie einen überirdischen Menschen, an und hatte keinen Mut zur Frage über das Rätsel. Er half ihr unter sanften Tränen auf und sagte: "Aber verlassen Sie, Unschuldige, diese Trauerstätte, auf die schon so viel Tränen gefallen sind für Ihr Herz hat das meinige kein Geheimnis mehrach ich kann Ihnen alles sagen, und ich sag' Ihnen auch alles." Er führte sie über die stillen Toten hinauf durch die Hinterpforte des Gottesackers hinaus; aber sie hing, unter dem Ersteigen der nächsten Anhöhe, schwer, matt und immer zusammenschaudernd an seinem Arm, und bloss die Tränen, welche die Freude, die aufgelösete Angst, der Kummer und die Ermattung miteinander aus ihren Augen trieben, fielen wie erwärmter Balsam auf das kalte, zerspaltene Herz.

Auf der schwer erklommenen Höhe setzte sich die müde Kranke niederund die schwarzen Wälder der Nacht lagen, von weissen Ernten gegittert und von dem stillen Lichtmeer des Mondes durchschnitten, vor ihnen, die natur hatte den gedämpften Lautenzug der Mitternacht gezogen, und neben Natalien stand ein teuerer Auferstandner. Er erzählte nun Leibgebers Bitten seine kurze Sterbens-geschichteseinen Aufentalt beim Grafenalle Wünsche und Tränen seiner langen Einsamkeitseinen festen Entschluss, sie lieber zu fliehen, als ihr schönes Herz mündlich oder schriftlich zu belügen und zu verwundenund die Entdeckungen, die er dem Vater ihrer Freundin schon gemacht. Sie hatte bei dem Berichte seiner letzten Minute und seines ewigen Abschiedes von Lenetten geschluchzet, als wäre alles wahr gewesen. Sie dachte an vieles, als sie bloss sagte: "Ach Sie haben sich bloss für fremdes Glück geopfert, nicht für eigenes. Doch werden Sie jetzt alle Täuschungen aufheben oder gutmachen." – "Alle, so weit ich kann (sagt' er), meine Brust und mein Gewissen kommen endlich wieder in Freiheit: hab' ich nicht sogar Ihnen den Schwur gehalten, Sie nicht eher zu sehen als nach meinem tod?" Sie lächelte sanft.

Beide sanken in ein trunknes Schweigen. Plötzlich fiel ihm, als sie einen vom kalten Tau gelähmten Trauermantel178 auf den Schoss legte, ihre Trauer auf, und er fragte voreilig: "Sie betrauern doch nichts?" Ach sie hatte sie ja seinetwegen angelegt. Natalie antwortete: "nicht mehr!" – und setzte, den Schmetterling ansehend, mitleidig dazu: "Ein paar Tropfen und ein wenig Kälte machten den Armen starr." – Ihr Freund dachte daran, wie leicht ihn das Schicksal für seine Kühnheit mit dem Erstarren des schöner geschmückten, obwohl ebenso schwarz bekleideten Wesens neben ihm hätte strafen können, das ohnehin schon in den Nachtfrösten des Lebens und im Nachttau kalter Tränen gezittert hatte; aber er konnte ihr nicht antworten vor Liebe und vor Schmerz.

Sie schwiegen nun, im gegenseitigen Erraten, halb in ihre Herzen, halb in die grosse Nacht verloren. Alles Gewölkeach nur das am Himmelhatte der weite Äter aufgesogenLuna bog sich mit ihrem Heiligenschein wie eine umstrahlete Maria näher aus dem reinen Blau zu ihrer bleichen Schwester auf der Erde hereinder Strom schlug sich ungesehen unter niedrigen Nebeln fort, wie der Strom der Zeit unter den Nebeln aus Ländern und Völkernhinter ihrem rücken hatte sich der Nachtwind auf ein gebogenes, rauschendes Ährenstroh gebettet, das blaue Kornblumen bestreuetenund vor ihnen hinab lag die umgelegte Ernte der zweiten Welt, gleichsam die in der Fassung von Särgen liegenden Edelsteine, die durch den Tod kalt und schwer179 gewordenund der fromme, demütige Mensch sank, als Gegenbild der Sonnenblume und des Sonnenstäubchens, als Mondblume gegen den Mond und spielte als Mondstäubchen in seinem kühlen Strahl und fühlte, nichts bleibe unter dem Sternenhimmel gross als die Hoffnungen.

Natalie stützte sich nun auf Firmians Hand, um sich daran aufzurichten, und sagte: "Jetzt bin ich schon imstande, nach haus zu kommen." – Er hielt ihre Hand fest, aber ohne