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ein zweideutiges Spiel zu setzen wage.

Aber den Friseur Merbitzer konnte' er mit einer verminderten Gefahr, sich zu verraten, besuchen und von ihm eine grössere Aussteuer von Nachrichten mitnehmen. – übrigens hatte jetzt die Sense des Todes mit den Banden der Liebe zugleich alle seine Ketten und Knoten zerhauen; er schadete nun niemand als sich, wenn er vor andern, ja vor der trauernden Natalie seine Totenlarve abzog und sich unvermodert darstellteum so mehr, da ihm sein Gewissen an jedem schönen Abend und bei jeder guten Tat die Verzögerzinsen der rückständigen Wahrheit-Schuldenmasse abfoderte und alle Moratorien verweigerte. – Auch schwur sein Ich wie ein Gott seinem Ich, dass er nur diesen Tag noch bleibe und dann niemals wiederkehre.

Der Friseur ersah am Hinken sogleich, dass es niemand anders sei als der Vaduzer InspektorLeibgeber. Er setzte, gleich der Nachwelt, dem vorigen Mietmann Siebenkäs die dicksten Rosmarinkränze auf und beteuerte: sein jetziges Spitzbubenzeug von Strumpfwirkern oben sei gegen den sel. Herrn gar kein Vergleich, und das ganze Haus krache, wenn sie oben träten und schnarrten. Er brachte dann bei, dass der Selige die Frau in Jahrfrist nachgeholt habedass diese nie Merbitzers Haus vergessen können, dass sie oft bei Nacht in ihrer Trauerkleidung, worin man sie auch beerdigen müssen, eingesprochen und rede' und Antwort von ihrer Veränderung gegeben: "sie lebten", sagte der Haarkräusler, "wie zwei Kinder miteinandernämlich Stiefel und sie." – Dieses Gespräch, dieses Haus und endlich sein eigenes, jetzt so lärmendes Zimmer zeigten nichts als leere Stätten des zerstörten Jerusalemswo sein Schreibtisch war, stand ein Strumpfwirkerstuhl etc. – und alle seine fragen nach der Vergangenheit waren die Brandkollekte, welche die niedergebrannten Lustschlösser wieder aus der Phönixasche heben sollte. Die Hoffnung ist das Morgenrot der Freude, und die Erinnerung ihr Abendrot; aber dieses tropfet so gern in entfärbtem grauen Tau oder Regen nieder, und der blaue Tag, den das Rot verspricht, bricht freilich an; aber in einer andern Erde, mit einer andern Sonne. – Merbitzer schnitt, unwissend, den Spalt tief und weit, in den er die abgeschnittenen Blütenzweige der alten Tage dem Herzen Firmians einimpfteund als seine Frau zuletzt erzählte, dass Lenette nach dem Krankenabendmahl bei dem Vesperprediger angefragt: "ich komme doch nach meinem Tod zu meinem Firmian?" so kehrte Firmian von diesen blinden Dolchstichen seine Brust weg und eilte fort, aber ins Freie hinaus, um keinem Menschen zu begegnen, den er belügen hätte müssen.

Und doch musst' er sich nach einem Menschen sehnen, und wäre einer nicht anders zu finden als unter seinem niedrigsten dach imGottesacker. Der gewitterhafte Dampf- und Dunstkreis des Abends brütete alle Wünsche der Wehmut an; der Himmel war mit unreifen zerstückten Gewitterflocken durchzogen, und am östlichen Horizont warf schon ein brausendes Gewitter seine entzündeten Pechkränze und seine vollen Wolken auf unbekannte Gegenden nieder. Er ging nach haus; aber indem er vor den hohen Staketen des Blaisischen Garten vorbeilief, glaubt' er eine Gestalt wie Natalie, schwarz gekleidet, in die Laube schlüpfen zu sehen. Erst jetzt fiel ihm die vorige Nachricht Merbitzers mehr auf, dass eine vornehme Trauerdame sich vor einigen Tagen alle Stuben seines Hauses zeigen lassen und sich besonders in den Siebenkäsischen aufgehalten und nach vielerlei erkundigt habe. Nataliens Umweg auf der Reise nach Vaduz war immer nach ihrer kühnen und romantischen Denkweise nicht unwahrscheinlich, da sie ohnehin Firmians Wohnort nie gesehen und der Inspektor ihr auf nichts geantwortetda Rosa verheiratet warund Blaise sich seit der Gespenstererscheinung ausgesöhnt hatteund da Firmians Sterbmonat sie am natürlichsten zu einer Wallfahrt nach seinem letzten Orte einladen können.

Ihr Freund musste nun wohl den ganzen Abend mit schmerzlicher Wärme an die letzte denken, die noch als der einzige unbedeckte Stern aus dem überzognen Sternenhimmel seiner vorigen Tage schimmerte. – Es wurde nun dämmernd; es wehte kühl; die Gewitter hatten sich schon an andern Ländern erschöpft; bloss schwarzrotes, zertrümmertes Gewölke, gleichsam glimmende, halbverkohlte Brände, waren im Himmel übereinander gehäuft. Er ging zum letztenmal nun an den Ort, wo der Tod die rote, zugleich mit der Knospe abgeschnittene Nelke eingelegt hatte; aber in seiner Seele wehete es, wie ausser ihm, nicht mehr so schwül, sondern frischer die Bitterkeit des ersten Schmerzes hatten Tränen verdünnter fühlte sanfter, dass die Erde nur der Zimmerplatz, nicht die Baustelle der Menschen sei im Morgen glänzte mit aufsteigenden Sternen ein blauer, langer Streif über den versunknen Gewitternder Lichtmagnet des himmels, der Mond, lag wie eine Strahlenquelle auf der Folie einer gespaltenen Wolke, und das weite Gewölke schmolz ein und rückte nicht. –

Als Firmian näher am geliebten grab das gesunkne Haupt aufhob, ruhte eine schwarze Gestalt darauf. Er stockte, er blickte schärfer hin: es war eine weibliche, deren Angesicht, ins Eis des Todes eingefroren und eingeschmiedet, gegen ihn hinstarrete. Als er näher trat, war seine teuerste Natalie am bunten Grabgerüste niedergebrochen angelehnt, vor dem Herbstatem des Todes waren die Lippen und Wangen mit weisser Schminke angelaufen und die offenen Augen erblindet, und nur die Tränentropfen, die noch um sie hingen, zeigten an, dass sie erst gelebt, und dass sie ihn für die Geistererscheinung gehalten, wovon sie so viel gehört hatte. Da sie in der schwärmerischen Trauer über seinem grab ihrem starken und öden Herzen die Geistererscheinung gewünschet hatte, und da sie ihn nun kommen sah: