herrsche, um den Anfang und um das Ende des Menschen – er hielt jetzt seine Nachäffung der letzten Stunde für sündlich – der Trauerfächer einer langen, finstern Wolke war vor dem mond ausgebreitet – sein Herz war bang und weich, als plötzlich etwas Buntes, was nahe an seinem grab stand, ihn ergriff und seine ganze Seele umkehrte.
Es stand nämlich darneben ein neues, lockeres Grab in einer hölzernen, übermalten Einfassung, ähnlich einer Bettlade; auf diesen bunten Brettern las Firmian, solang' es sein überströmendes Auge lesen konnte: "Hier ruht in Gott Wendeline Lenette Stiefel, geborne Egelkraut aus Augsburg. Ihr erster Mann war der wohlsel. Armenadvokat St.F. Siebenkäs. Sie trat zum zweitenmal 1786 den 20. Okt. in die Ehe mit dem Schulrate Stiefel allhier und entschlief, nachdem sie 3/4 Jahre mit ihm in einer ruhigen Ehe gelebet, den 22. Jul. 1787 im Kindbette und liegt hier mit ihrem totgebornen Töchterlein und wartet auf eine fröhliche Auferstehung.".....
"O du arme, du arme!" mehr konnte' er nicht denken. jetzt, da ihr Lebenstag heller und wärmer wurde, schlingt die Erde sie ein; und sie bringt nichts hinunter als eine Haut voll Schwülen der Arbeit, ein Angesicht voll Runzeln des Krankenbettes und ein zufriedenes, aber leeres Herz, das, in die Hohlwege und Schachten der Erde hinabgedrückt, so wenig Gefilde und wenig Gestirne gesehen hatte. Ihre Leiden hatten sich allemal so eng und schwarz und gross über sie herüber gezogen, dass keine malende Phantasie sie durch das Farbenspiel der Dichtung mildern und verschönern konnte, so wie kein Regenbogen möglich ist, wenn es über den ganzen Himmel regnet. "Warum hab' ich dich so oft gekränkt, sogar durch meinen Tod, und deinen unschuldigen Launen so wenig vergeben?" sagt' er bitter weinend. Er warf einen Regenwurm, der sich aus dem grab drängte und ringelte, weit hinweg, als wenn er eben aus dem geliebten, kalten Herzen satt gefüllet käme, da ihn doch das sattigt, was uns am Ende auch satt macht, Erde. Er dachte an das zerstäubende Kind, das wie ein eigenes die welken, dünnen arme um seine Seele legte, und dem der Tod so viel, wie ein Gott dem Endymion, gegeben: Schlaf – ewige Jugend – und Unsterblichkeit. Er wankte endlich langsam von der Trauerstätte hinweg, als die Tränen sein Herz nicht erleichtert, nur ermüdet hatten.
Als er im Gastof eintrat: sang eine Harfenistin in Begleitung eines kleinen Flötenspielers der Wirtstube ein Lied vor, dessen Wiederkehr war: "Tot ist tot, hin ist hin." Es war dieselbe, die am hl. Abend vor dem neuen Jahre, als seine nun zerstörte und gestillte Lenette mit der brechenden Brust voll Qualen, weinend und verlassen, ihr verzognes Angesicht ins Schnupftuch drückte, gespielet und gesungen hatte. O die heissen Pfeile der Töne zischten durch sein zerstochnes Herz – der arme hatte keinen Schild – "Ich habe sie damals sehr gemartert (sagt' er unaufhörlich); wie sie seufzete, wie sie schwieg! – O wenn du doch mich jetzt sähst aus deinen Höhen, da du gewiss glücklicher bist; wenn du meine vollgeblutete Seele erblicktest, nicht damit du mir vergäbest – nein, damit ich nur den Trost hätte, deinetwegen etwas zu leiden – o wie wollt' ich jetzt anders gegen dich sein!"
So sagen wir alle, wenn wir die begraben, die wir gequälet haben; aber an demselben Trauerabende werfen wir den Wurfspiess tief in eine andere, noch warme Brust. O wir Schwächlinge mit starken Vorsätzen! Wenn heute die zerlegte Gestalt, deren verwesende, von uns selber geschlagene Wunden wir mit reuigen Tränen und bessern Entschlüssen abbüssen, wieder neu geschaffen und jugendlich überblüht in unsere Mitte träte und bei uns bliebe: so würden wir bloss in den ersten Wochen die wiedergefundne, liebere Seele vergebend an unsern Busen, aber dann später sie doch wie sonst in die alten, scharfen Marterinstrumente drücken. Dass wir dieses sogar gegen unsere lieben Verstorbenen täten, sehe' ich daraus – die Härte gegen die Lebenden noch ungerechnet –, weil wir in den Träumen, wo uns die versunknen Gestalten wieder besuchen, gegen sie alles wiederholen, was wir bereuen. – Ich sage das nicht, um einem Wehklagenden den Trost der Reue oder des Gefühles zu nehmen, dass er das verlorne Wesen schöner liebe; sondern nur um den Stolz auf diese Reue und auf dieses Gefühl zu schwächen. –
Als Firmian noch spät das von der Trauerzeit ausgesogne, zernagte Angesicht seines alten Freundes, dessen Herz so wenig mehr besass, gegen Himmel blikken sah, als wenn er da zwischen den Sternen die geraubte Freundin suchte: so drückte der Schmerz die letzte Träne aus dem ausgepressten Herzen, und im Wahnsinn der Qual gab er sich sogar die Leiden seines Freundes schuld, als hätte dieser sie ihm nicht früher zu verdanken als zu vergeben gehabt.
Er erwachte mit der Müdigkeit des Schmerzes, d.h. mit der Verblutung aller Gefühle, die sich endlich in ein süsses Zerfliessen und ein tötliches Sehnen auflöset. Er hatte ja alles verloren, sogar das, was nicht begraben war. Zum Schulrate durft' er aus Besorgnis nicht gehen, dass er sich verrate; dass er wenigstens die Ruhe des unschuldigen Mannes, der mit der Heirat einer noch verheirateten Frau weder sein ortodoxes Gewissen noch seinen Ehrgeiz hätte versöhnen können, auf