war ein mit einem solchen silbernen und goldnen Geäder durchschossener Berg, dass er schon in diesem Jahre namenlose Beisteuern zur preussischen Witwenkasse ablaufen lassen konnte, um seinen Betrug anfangs zu halbieren, und zuletzt gar aufzuheben und gutzumachen. Ich würde diese Pflichtandlung gar nicht vor die Augen des Publikums befördern, wenn ich nicht zu besorgen hätte, dass Kritter in Göttingen, der den Torschluss dieser Kasse aufs Jahr 1804 verlegt, oder auch noch glimpflichere Rechner, die ihre Letzte Ölung auf 1825 herausrechnen, dass diese etwa von meinen Blumenstücken gelegenheit nehmen möchten, gar dem Inspektor den Totentanz der Witwenkasse aufzubürden. Es würde mich ungemein reuen, der ganzen Sache nur in den Blumenstücken erwähnt zu haben.
Er nahm seinen Weg nicht über Hof oder Baireut und über die alten romantischen Reisewege; er fürchtete, Natalien mit seinem Scheinkörper von der hinter den Wolken säenden Hand des Schicksals entgegen gebracht zu werden. Und doch hoffte er von derselben Hand ein wenig, dass sie ihn zufällig auf seinen Leibgeber stossen lasse, da dieser erst neulich in den kuhschnappelschen Wassern gekreuzet. Ohnehin hatte er sich unterwegs wieder in dessen Hemd und Jacke und ganzes Aussen verkörpert, das er von ihm im Gefreeser Wirtaus eingewechselt; und der Anzug war ihm ein Spiegel, der ihm in einem fort den Entfernten zeigte. Ein Saufinder – wie der Leibgebersche –, der in einem Forstause den Kopf nach ihm aufhob, gab ihm einen Stich der Freude ins Herz; aber die Nase des Hundes kannte ihn so wenig wie dessen Herr.
Indes, je näher er gegen die Berge und Wälder vorschritt, hinter deren sinesischer Gottesackermauer seine zwei leeren Häuser, sein Grab und seine stube, standen: desto enger zog die Beklommenheit ihr Zugnetz um sein Herz zusammen. Es war nicht die Furcht, erkannt zu werden; dies war (wegen seiner jetzigen Ähnlichkeit mit Leibgebern) unmöglich; ja man hätt' ihn eher für seinen eignen Poltergeist und Propheten Samuel genommen als für den noch lebenden Siebenkäs; sondern ausser der Liebe und der Erwartung macht' ihn noch etwas anders ängstlich, was mich einmal einklemmte, da ich unter den herkulanischen Altertümern meiner Kindheit herumreisete. Es warfen sich wieder um meine Brust die eisernen Banden und Ringe, die sie in der Kindheit zusammenzogen, worin der kleine Mensch noch vor den Leiden des Lebens und dem tod hülf- und trostlos zittert; man steht mitten innen zwischen dem abgerissenen Fussblock, den aufgesperrten Hand- und Beinschellen und zwischen dem hohen brausenden Freiheitbaume der Philosophie, die uns in den freien offnen Waffenplatz und in die Krönungstadt der Erde führte. Firmian sah in jedem Gebüsche, um das er sonst in seinem armen, leeren Winzer-Herbst spazieren gegangen, den abgestreiften Balg der Schlangen hangend, die sich sonst um seine Füsse gewunden hatten – die Erinnerung, dieser Nachwinter der harten, rauhen Tage, fiel in die schönere Jahreszeit seines Lebens ein, und aus der Nähe solcher unähnlicher Gefühle, des vorigen Kettendrucks und der jetzigen Freiheitluft, floss ein drittes, bittersüsses, banges zusammen.
In der Dämmerung ging er langsam und aufmerksam durch die mit verzettelten Ähren bezeichneten Gassen der Stadt; jedes Kind, das mit dem Nachtbier vor ihm vorüberlief, jeder bekannte Hund und jeder alte Glockenschlag waren voll Schieferabdrücke von Freudenrosen und Passionblumen, deren Exemplare längst auseinandergefallen waren. Als er vor seinem vorigen haus wegging, hört' er oben in seiner stube zwei Strumpfwirkerstühle schnarren und klappern mit ihrem gezognen Schnarrkorpus-Register.
Er quartierte sich im Gastofe zur Eidechse ein, der nicht das glänzendeste Hotel im Marktflecken gewesen sein kann – da der Advokat darin Rindfleisch auf einem Zinnteller bekam, der nach den Schnitten und Stigmen durch ein Fac-simile seines eignen Messers sich unter seinen verpfändeten Teller-Ausschuss eingeschrieben –; indes aber hatte der Gastof das Gute, dass Firmian das drei Treppen hohe Stübchen Nro. 7 nehmen und darin eine Sternwarte oder einen Mastkorb der Beobachtung anlegen konnte, gerade der tiefern Studierstube Stiefels gegenüber. Aber seine Lenette kam nicht ans Fenster. Ach, er wäre, hätte er sie erblickt, in die stube vor Wehmut hingekniet. Bloss als es sehr dunkel wurde, sah er seinen alten Freund Pelzstiefel ein gedrucktes Blatt – höchst wahrscheinlich einen Korrekturbogen des Anzeigers deutscher Programme –, weil es zu finster war, gegen die Abendröte zum Fenster heraushalten. Es wunderte ihn, dass der Rat sehr eingefallen aussah und eine Florschärpe oder Binde um den Ärmel hatte: "Sollte denn", dachte' er, "das arme Kind meiner Lenette schon verstorben sein?"
Spät schlich er sich zitternd nach dem Garten, aus dem nicht jeder wiederkommt, und an welchen der hangende Eden-Garten des zweiten Lebens stösset. Im Kirchhof war er vor nahen Zuschauern durch die Gespenstergeschichten gedeckt, womit Leibgeber dem Vormunde die Mündelgelder aus den Händen gerungen. Da er an sein leerstehendes unterirdisches Bette nicht sogleich gelangen konnte: so kam er vorher vor der Kindbetterin vorbei, auf deren damals schwarzen, jetzt grasigen Hügel er den Blumenstrauss gepflanzet hatte, der dem Herzen seiner Lenette eine unerwartete Freude machen sollte und nur einen unerwarteten Kummer machte. Endlich kam er vor den Bettschirm der Grab-Sieste, vor seinen Leichenstein, dessen Inschrift er mit einem kalten Schauer herunterlas. "Wenn nun diese steinerne Falltüre auf deinem Angesichte läge und den ganzen Himmel verbauete?" sagt' er zu sich – und dachte daran, welches Gewölke und welche Kälte und Nacht um die beiden Pole des Lebens, so wie um die beiden Pole der Erde,