der von neuen Windecken gestürmte Siebenkäs um einen Bedenkaugenblick ersuchen – denn hier standen ihm drei Seelen auf dem Spiel –; aber er hatte kaum einige heftige Gänge durch das Zimmer gemacht, als er wieder fest stand und zum Grafen und zu sich sagte: "Ja, ich handle recht!" Darauf tat er die fragende Bitte an ihn um sein Ehrenwort, dass er ein Geheimnis, das er ihm vertrauen wolle, und das weder ihn selber noch seine Tochter im geringsten betreffe oder beschädige, bei sich verwahren wolle. – "In diesem Falle, warum nicht?" versetzte der Graf, dem ein aufgedecktes Geheimnis das Lichten einer Sperrwaldung vor einer weiten Aussicht war.
Da schloss Firmian sein Herz und sein Leben und alles auf; es war ein losgelassner Strom, der in einem neuen Kanale sich überstürzt und mit Blicken noch nicht zu übermessen ist. Mehrmals hielt ihn der Graf durch neues Missverstehen auf, weil er eine Liebe Nataliens gegen den eigentlichen Leibgeber bloss voraussetzend sich erdichtet und die wahre gegen Siebenkäs von niemand erfahren hatte.
Jetzt überraschte wieder der überraschte Gerichterr von seiner Seite und zeigte dem Inspektor unter so vielen Gesichtern, die in solchen Fällen zu machen waren – beleidigte, zornige, bestürzte, verlegne, entzückte, kalte –, bloss eines der zufriedensten. Vorzüglich erfreu' ihn nur, sagte er, dass er doch an so manchem sich gestossen und Licht sich angezündet – und dass er in einigen Punkten von Leibgeber nicht zu gut und in andern nicht zu blind gedacht; – am meisten aber sei er über das Glück entzückt, auf diese Weise einen Leibgeber doppelt zu haben und den abgereisten in keiner Trauer um einen verstorbenen Freund zu wissen. –
Über des Grafen Heiterbleiben wundere sich doch niemand, der nur irgendeinen hellen Ordenstern auf einer bejahrten erloschenen Brust funkeln sehen. Wenn unser alter Weltmann so den auf- und abfliegenden Weberschiffchen dieser freundschaftlichen Kette nachsah, dem Lieben und Opfern auf jeder Seite und die dadurch zusammengewirkte glänzende Raffaels-Tapete der Freundschaft in der Hand hielt und besah, so überkam er nach so langer Zeit den Genuss von etwas Neuem; so dass er bisher in seiner ersten Loge vor einem lebendigen komisch-historischen Schauspiel gestanden, das er sich selber schön entwickelte und das sich jede Minute in seinem kopf wiedergeben liess. Auch sein Inspektor wurde für ihn zu einem neuen Wesen voll frischer Unterhaltung dadurch eben, dass er von der Bühne wegging, sich umkleidete und als der Pseudo-Selige, Siebenkäs, in seine stube eintrat und ihm in der Zukunft von nichts als dem Erzähler selber recht viel erzählen konnte. Und so wurden ihm beide Freunde gleich schmeichelhaft-lieb durch eine sich andrängende Teilnahme an ihm, mit welcher sie gegenseitig ihren Seelenbund durchflochten hatten.
Wer die Seligkeit, wahr zu bleiben, genossen, der begreift die neue, mit welcher Siebenkäs sich jetzt über alles, über sich und über Heinrich und Natalie, ungehemmt ergiessen konnte, – indem er die weggeworfne Last erst nachfühlte, die leichte Scherzlüge des Augenblicks zu einem jährlichen Lustspiel von 365 Aufzügen zu verarbeiten. Wie leicht eröffnete er es dem Grafen, dass er vor der Ankunft Nataliens, die er weder forttäuschen noch enttäuschen könne, fliehen wollte, und zwar geradezu nach dem Reichsmarktflekken Kuhschnappel. Da der Graf aufhorchte: so sagte er ihm alles, was ihn trieb und reizte: sehnsucht nach seinem Grabstein und unheiligen grab, ordentlich um zu büssen sehnsucht, Lenetten von fernen ungesehen zu sehen, ja vielleicht in der Nähe ihr Kind – sehnsucht, über ihren Glück- und Ehestand mit Stiefeln das Rechte von Augenzeugen zu erfahren; denn Stiefels Brief hatte ihm die Blumenasche der vergangnen Tage in die Augen geweht und die eingeschlafne Blume der ehelichen Liebe aufgeblättert- sehnsucht, den Schauplatz seiner niederbeugenden Lage dort mit abgelegter Bürde aufrecht und romantisch zu durchwandern – sehnsucht, im Marktflecken etwas Neues von seinem Leibgeber zu vernehmen, der ja erst vor kurzem da gewesen – sehnsucht, seinen Totenmonat, den August, einsam zu feiern, wo es ihm wie dem Weinstock ergangen, dem man im August die Blätter abbricht, damit die Sonne stärker auf die Beeren steche.
Mit drei Worten – denn weshalb viele Gründe, da man nur einmal wollen darf, so kanns nachher an Gründen dazu nicht fehlen – er reiste ab.
Fünfundzwanzigstes und letztes Kapitel
Die Reise – der Gottesacker – das Gespenst – das
Ende des Elendes und des buches
Ich sehe jeden Tag mehr, dass ich und die übrigen 1000000099 Menschen177 nichts sind als Gefüllsel von Widersprüchen, von unheilbaren Nullitäten und von Vorsätzen, deren jeder seinen Gegenmuskel (musc. antagonista) hat – andern Leuten widersprechen wir nicht halb so oft als uns selber –; dieses letzte Kapitel ist ein neuer Beweis: ich und der Leser haben bisher auf nichts hingearbeitet als auf das Beschliessen des buches – und jetzt, da wir daran sind, ist es uns beiden äusserst zuwider. Ich tue doch etwas, wenn ich – soviel ich kann – das Ende desselben, wie das Ende eines Gartens, der auch voll Blumenstücke ist, etwa bestens verberge und manches sage, was das Werklein allenfalls verlängert.
Der Inspektor sprang mit der Burg einer muskulösen, vollen Brust ins Freie unter die Kornähren, der Alp des Schweigens und Täuschens drückte nicht mehr so schwer auf ihn. Die Schlaglauwine seines Lebens war überhaupt unter seiner jetzigen Glücksonne um ein Drittel zerlaufen; die elektrische Belegung mit reichern Einkünften und selber die häufigern Geschäfte hatten ihn mit Feuer und Mut geladen. Sein Amt