die gesetz gehalten, und er schicke ihm hier die ganze Vollmacht zur Gelder-Erhebung; nur bitte er ihn als einen grossen Gelehrten, der oft dergleichen weniger verstehe als zu verstehen hoffe, alles bloss durch einen Advokaten abzumachen, da ohne Juristen kein Jus helfe, ja oft mit ihnen kaum. – Programme zu rezensieren hab' er keine Zeit, geschweige zu lesen, und er grüsse herzlich die Gattin.
Es ist mir nicht unangenehm, dass alle meine Leser es, wie ich sehe, von selber herausgebracht, dass das Gespenst oder der überirdische Wauwau oder Mumbo Jumbo175, der dem Heimlicher v. Blaise besser als Reichs-Kammergerichtsexekutions-Truppen den Erbschaftraub aus den Klauen gezogen, niemand weiter gewesen als Heinrich Leibgeber, der sich seiner Ähnlichkeit mit dem sel. Siebenkäs bediente, um den revenant (Wiederkömmling) zu spielen; ich brauche also dem Leser das nicht erst zu sagen, was er schon weiss.
Wenn der Mensch endlich eine jähe Alpe mit Laubfroschhänden aufgekrochen ist: so ist oft die erste Aussicht droben die in eine neue klaffende Schlucht: Firmian sah eine neue Tiefe unter sich – er musste seinen neulichen Vorsatz fortweisen – ich meine, er durfte Natalien nicht ein Wort von seiner Auferstehung aus dem Bein-Lüz, nicht eine Silbe von seiner Fortdauer nach dem tod sagen. Ach das Glück seiner Lenette, die, obwohl unverschuldet, zwei Männer hatte, war dann auf eine Zungenspitze gestellt – er hätte die Schuld, Lenette den Jammer gehabt. "Nein, nein (sagt' er), die Zeit wird schon nach und nach in Nataliens gutem Herzen auf meinem blassen Bild Staub ansetzen und ihm die Farben ausziehen."
Kurz er schwieg. Die stolze Natalie schwieg ebenfalls. In diesem abscheulichen stand neben dem harten, ewigen Knoten des Schauspiels bracht' er seine Stunden auf dem Teater ängstlich zu – über jeden Reiz des Frühlings warf der Rabenzug der Sorgen den gaukelnden Schatten, und in seinen Schlummer fielen die giftigen Träume wie Mehltau. Jede Traumnacht zerschnitt den fallenden, niedersteigenden Planetenknoten und sein Herz dazu. Wie rettete ihn das Schicksal aus diesem Qualm, aus dieser Stickluft der Angst? Wie heilte es seinen Fingerwurm im Ehering Finger? – Dadurch dass es den Arm abnahm. – Nämlich an einem langen Abende war der Graf kurz vor dem Bettegehen so vertraulich gegen ihn geworden als – Weltleute können. Er sagte, er habe ihm etwas sehr Angenehmes zu berichten; nur möge er ihm eine Vorerinnerung vergönnen. Er komme ihm fuhr er fort – während seines Amtes nicht mehr so aufgeweckt und humoristisch vor, als er ihn vor demselben gefunden; ja vielmehr, wenn er es sagen sollte, zuweilen niedergeschlagen und zu sentimental; und doch habe er früher selber gesagt (dies war aber der andere Leibgeber), er höre lieber jemand über ein Übel fluchen als jammern, und man könne ja die Füsse in dem Winter und doch die Nase in dem Frühling stecken haben und im Schnee an eine Blume riechen. – "Ich verzeih' es gern, denn ich errate vielleicht die Ursache":, setzte er hinzu; aber sein Verzeihen war eigentlich nicht ganz wahr. Denn wie alle Grosse war ihm alles Starke der Gefühle, sogar liebender, am meisten aber trauernder, ein Verdruss, und ein starker Handdruck der Freundschaft ein halber Fusstritt; und vor ihm sollte der Schmerz nur lächelnd, das Böse nur lachend, höchstens ausgelacht vorüberziehen, wie denn die kältesten Weltleute dem physischen Menschen gleichen, dessen grösster Wärmegrad sich in der Gegend des Zwerchfells aufhält176. Folglich musste dem Grafen der vorige Leibgeber – dieser sturmwindige und dabei heitere tiefblaue Himmel – mehr zusagen als der angebliche. – Aber wie anders als wir, die wir den Tadel ruhig lesen, hörte Siebenkäs ihn an! Diese Sonnenfinsternisse seines Leibgebers, welche keine eignen Sonnenflecken waren, sondern die er selber durch seine Stellung scheinbar hervorbrachte, warf er sich als so schwere Sünden gegen seinen Lieben vor, dass er für sie durchaus beichte und Busse haben musste.
Als nun gar der Graf fortfuhr: "Euere Empfindsamkeit kann sich wohl nicht bloss auf den Verlust Eueres Freundes Siebenkäs beziehen, von dem Ihr mir überhaupt nach seinem tod nicht mit so viel Wärme mehr gesprochen als bei seinem Leben; verzeiht mir diese Offenheit" –: da durchschnitt ein neuer Schmerz über Leibgebers Verschattung seine Stirn, und mit Not liess er seinen Gerichterrn sich zu Ende erklären. "Aber bei mir, bester Leibgeber, ist dies kein Vorwurf, sondern ein Vorzug – um Tote soll man nicht ewig trauern, höchstens um Lebendige. – Und eben das letzte kann bei Euch in künftiger Woche aufhören, denn da kommt meine Tochter und –" (dies sprach er langgezogen) "ihre Freundin Natalie mit; sie sind sich unterwegs begegnet." Hastig sprang Siebenkäs auf, stand fest und stumm da, hielt sich die Hand vor die Augen, nicht als einen Fächer, sondern als einen Lichtschirm, um die übereinander stehenden und widereinander laufenden Wolkenreihen von Gedanken recht durchzuschauen und zu verfolgen, eh' er seine Antwort gab.
Aber der Graf, ihn als Leibgeber in allen Punkten schief sehend und seine empfindsame Umwandlung auf Nataliens Rechnung und Entbehrung schreibend, ersuchte ihn, bevor er spreche, ihn nur gar auszuhören und seine Versicherung anzunehmen, mit welcher Freude er alles tun würde, um die schöne Freundin seiner Tochter auf immer in seiner Nachbarschaft zu behalten. Himmel! wie verwickelte der Graf alles Einfache so tausendfältig!
Jetzt musste