1796_Jean_Paul_051_20.txt

, damit ich sie in einem Vierteljahre nicht wieder beschreiten kann. Aber dir hab' ich eine hübsche schwarze Suppe eingebrockt und lasse dich mit dem Löffel sitzen." Siebenkäs stand schon lange in der Angst, er werde auf die 1200 Gulden Taufgelder seines Umtaufens, gleichsam auf das Abzuggeld seines Namens, kommen; er sagte daher so heiter und leicht, als es sein von der beschleunigten nächtlichen Trennung gepresster Busen erlaubte: "Ich und meine Frau haben in unsrer Königsteinischen Festung noch Proviant genug, und wir können darin säen und ernten. – Gott gebe nur, dass wir manchmal eine harte Nuss aufzubeissen haben; nach solchen Nüssen schmeckt der Tischwein des verrauchten Lebens wieder besonders. – Morgen setz' ich meine Klagschrift auf." Die Erweichung vor der bald ausschlagenden Abschiedstunde versteckten beide in komische Wendungen. Da die Doppeltgänger13 vor eine Säule kamen, womit die aus England kommende **sche Fürstin die Stätte ihres Zusammentreffens mit ihrer von den Alpen steigenden Schwester bezeichnen lassen; und da dieses frohe Denkmal des Wiederfindens heute zu einem ganz anderen werden sollte: so sagte Leibgeber: "jetzt marsch, zurück! Deine Frau ängstigt sich ab, es ist über 11 Uhr. – Dort ist schon euer Weichbild, der Rabenstein, eure Grenzfestung. Ich geh' ins Baireutische und Sächsische vorderhand und schneide meinen Roggen, nämlich fremde Gesichter und zuweilen meine eigenen närrischen dazu. – Aus Spass sehe' ich dich vielleicht nach einem Jahre und einem Tage wieder, wenn die Verbalinjurien ordentlich verjährt sind. – – Im Vorbeigehen! (setzte er schnell hinzu) gib mir dein Ehrenwort, mir nur einen schwachen Gefallen zu tun." – Er gabs voreilig. "Schicke mir mein Depositum14 nicht nachein Kläger braucht Verlagkosten. – So lebe wohl, Teuerster!" das polterte er eilig heraus und lief nach einem geschwinden Kusse mir nichts dir nichts den kleinen Hügel hinab. Der bestürzte Verlassene sah dem Läufer nach, ohne seinen Abschied mit einem Laute zu begleiten. Im Tale hielt der Läufer an und bückte sich tief undband seine Strumpfbänder weiter. "Hättest du das nicht", rief Siebenkäs, "da oben tun können?" und lief hinab und sagte: "Wir bleiben bis zum Rabensteine beieinander." Das Sandbad und das Reverberierfeuer eines edlen Zorns machte heute alle ihre welchen Empfindungen heisser, wie ein hitziges Klima Gifte und Gewürze verstärkt. Da der erste Abschied schon die Augen übergossen hatte: so konnten sie nichts mehr beherrschen als die stimme und den Ausdruck. "Du bist doch gesund nach der Ärgernis?" sagte Siebenkäs. "Wenn der Tod der Haustiere den Tod des Hausherrn bedeutet, wie die Leute glauben", sagte Leibgeber, "so lebe' ich ewig; denn meine Menagerie15 von Tieren ist noch frisch und gesund." – Endlich stockten sie vor dem Marktaufen des Marktfleckens, vor der Gerichtstätte: "Ei nur gar hinauf!" sagte Siebenkäs.

Als sie diesen Grenzhügel so manches verunglückten Daseins erstiegen hattenund als er auf den mit Grün durchbrochnen steinernen Altar so manches schuldlosen Opfers niederblickte und sich es in der verfinsterten Minute vorstellte, welche schwere gequälte Bluttropfen, welche brennende Tränen oft von gepeinigten und vom Staat und vom Liebhaber gemordeten Kindermörderinnen16 auf diese ihre letzte und kürzeste Folterbank, auf diesen Blutacker gefallen warenund als er von dieser letzten Nebelbank des Lebens über die weite Erde blickte, um deren Grenzen und über deren Bächen die Dünste der Nacht aufdampften: so nahm er weinend seines Freundes Hand und blickte in den freien gestirnten Himmel und sagte: "Dort drüben müssen sich doch die Nebel unserer Tage einmal in Gestirne zerteilen, wie die Nebel in der Milchstrasse in Sonnen zerfallen. Heinrich! glaubst du noch nicht an die Unsterblichkeit der Seele?"

"Freund!" antwortete Leibgeber, "noch will es nicht gehen. Verdient Blasius doch kaum, einmal zu leben, geschweige zwei- und mehrmal. – Freilich will mir es zuweilen bedünken, als müsse ein Stück von der andern Welt in diese mit hereingemalt werden, damit sie ganz und gerundet werde, wie ich oft an den Seiten der Gemälde fremde Dinge zur Hälfte angemalt gesehen, damit die Hauptvorstellung vom Rahmen abgelöset und ein Ganzes würde. – In dieser Minute aber kommen mir die Menschen wie die Krebse vor, die die pfaffen sonst mit Windlichtern besetzet auf den Kirchhöfen kriechen liessen und sie für verstorbne Seelen ausgaben; so kriechen wir mit unsern Windlichtern von Seelen mit den Larven Unsterblicher über die Gräber hinüber. – Sie löschen vielleicht einmal aus" – Sein Freund fiel an sein Herz und sagte heftig: "Wir verlöschen nichtlebe tausendmal wohlwir sehen uns immerfort wiederwir löschen bei meiner Seele nicht auslebe wohl, lebe wohl!"

Und sie schieden. Heinrich ging langsam und mit hängenden Armen durch die Fusspfade zwischen den Stoppeln und hob keine Hand ans überrinnende Auge, um kein Zeichen seiner Schmerzen zu geben. Den verwaiseten Geliebten aber überfiel ein grosser Schmerz, weil Menschen, die selten in Tränen ausbrechen, sie desto unmässiger vergiessen; – und so kam er zurück und legte das erschöpfte aufgelöste Herz an die sorglose Brust seiner Gattin zur Ruhe, welche nicht einmal ein Traum bewegte; aber noch lange bis in den Vorhof der Träume hinein begleiteten ihn die Bilder von Lenettens künftigen Tagen und von des Freundes Nachtgange unter den Sternen, zu welchen dieser draussen einsam aufblickte, ohne die Hoffnung, ihnen jemals näher zu kommen; und grade über