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mehr Unrecht als sonst Lenetten. Ich will auf der Stelle die Welt mit meinen Gedanken darüber beschenken. Die Liebe ist die Sonnennähe der Mädchen, ja es ist der Durchgang einer solchen Venus durch die Sonne der idealen Welt. In dieser Zeit ihres hohen Stils der Seele lieben sie alles, was wir lieben, sogar Wissenschaften und die ganze beste Welt innerhalb der Brust; und sie verschmähen, was wir verschmähen, sogar Kleider und Neuigkeiten. In diesem Frühlinge schlagen diese Nachtigallen bis an die Sommersonnenwende: der Trautag ist ihr längster Tag. Dann holet der Teufel zwar nicht alles, aber doch jeden Tag ein Stück. Das Bastband der Ehe bindet die poetischen Flügel, und das Ehebette ist für die Phantasie eine Engelsburg und ein Karzer bei wasser und Brot. Ich bin oft in den Flitterwochen dem armen Paradiesvogel oder Pfau von Psyche nachgegangen und habe in der Mause des Vogels die herrlichen Schwung- und Schwanzfedern aufgelesen, die er verzettelte: und wenn dann der Mann dachte, er habe eine kahle Krähe geehlicht, setzt' ich ihm den Federbusch entgegen. Woher kommt dies? Daher: Die Ehe überbauet die poetische Welt mit der Rinde der wirklichen, wie nach Descartes unsere Erdkugel eine mit einer schmutzigen Borke überzogene Sonne ist. Die hände der Arbeit sind unbehülflich, hart und voll Schwielen und können den feinen Faden des Idealgewebes schwer mehr halten oder ziehen. Daher ist in den höhern Ständen, wo man statt der Arbeitstuben nur Arbeitkörbchen hat, und wo man auf dem Schoss die Spinnrädchen mit dem Finger tritt, und wo in der Ehe die Liebe noch fortdauert- oft sogar gegen den Mann –, der Ehering nicht so oft wie in den niedern Ständen ein Gygesring, welcher Bücher, Ton-, dicht-, Zeichen- und Tanz-Künste unsichtbar macht; auf den Höhen bekommen Gewächse und Blumen aller Art, besonders die weiblichen, gewürzhaftere Kräfte. Eine Frau hat nicht wie der Mann das Vermögen, die inneren Luft- und Zauberschlösser gegen die äussere Wetterseite zu verwahren. An was soll sich die Frau nun halten? An ihren Ehevogt. Der Mann muss immer neben dem flüssigen Silber des weiblichen Geistes mit einem Löffel stehen und die Haut, womit es sich überzieht, beständig abschäumen, damit der Silberblick des Ideals fortblinke. Es gibt aber zweierlei Männer: Arkadier oder Lyriker des Lebens, die ewig lieben wie Rousseau in grauen Haarensolche sind nicht zu bändigen und zu trösten, wenn sie an der mit goldnem Schnitt gebundenen weiblichen Blumenlese nichts mehr vom Golde wahrnehmen, sobald sie das Werklein Blatt für Blatt durchschlagen, wie es bei allen umgoldeten Büchern gehtzweitens gibt es Schafknechte und Schmierschäfer, ich meine Meistersänger oder Geschäftleute, die Gott danken, wenn die Zauberin sich, wie andere Zauberinnen, endlich in eine knurrende Hauskatze umsetzt, die das Ungeziefer wegfängt.

Niemand hat mehr Langeweile und Angstdaher ich einmal in einer komischen Lebenbeschreibung das Mitleiden darauf hinlenken willals ein feister, schiebender, gewichtvoller Bassist von Geschäftmann, der, wie sonst römische Elefanten, auf dem schlaffen Seile der Liebe tanzen muss, und dessen liebendes Mienenspiel ich am vollständigsten bei Murmeltieren antreffe, die ins Bewegen nicht recht kommen können, wenn die Stubenwärme sie aus dem Winterschlaf aufreisset. Bloss bei Witwen, die weniger geliebt als geheiratet sein wollen, kann ein schwerer Geschäftmann seinen Roman auf der Stufe anfangen, wo alle Romanschreiber die ihrigen ausmachen, nämlich auf der Trau Altarstufe. Ein solcher im einfachsten Stil gebaueter Mann würde eine Last vom Herzen haben, wenn jemand seine Schäferin solange in seinem Namen lieben wollte, bis er nichts mehr dabei zu machen hätte als die Hochzeit; – und zu so etwas, nämlich zu diesem Last- oder Kreuzabnehmen, bezeigt niemand mehr Lust als ich selber; ich wollt' es oft in öffentliche Blätter setzen lassen (ich sorgte aber, man nähm' es für Spass), dass ich erbötig wäre, erträglichen Mädchen, zu deren Liebe ein Mann von Geschäften nicht einmal die Zeit hat, so lange platonische, ewige Liebe zu schwören, ihnen die nötigen Liebeerklärungen als Plenipotentiar des Bräutigams zu übermachen und kurz, solche als substitutus sine spe succedendi oder als Gesellschaftkavalier am arme durch das ganze unebene Breitkopfische Land der Liebe zu führen, bis ich an der Grenze die Fracht dem Sponsus (Bräutigam) selber völlig fertig übergeben könnte, welches dann mehr eine Liebe als eine Vermählung durch Gesandte wäre. Wollte einer (nach einem solchen systema assistentiae) den Schreiber dies, da doch auch in den Flitterwochen noch einige Liebe vorkommt, auch in diesen zum Lehnsvormund und Prinzipalkommissarius anstellen, so müsste er so viel Verstand haben und es sich vorher ausbedingen...

In Siebenkäsens Lenette war, ohne seine Schuld, sogleich vor dem Traualtar die ideale, selige Insel meilentief hinabgesunken; der Mann konnte nichts dafür; aber er konnte auch nichts dagegen. Überhaupt, lieber Erziehrat Campe, solltest du nicht so laut mit dem Schulbakel auf dein Schreibpult schlagen, wenn eine einzige Fröschin im nächsten Teich etwas quäket, was in einem Almanach eingesandt werden kannach reisse den guten Geschöpfen, die die schönsten Träume voll Phantasieblumen ins leere Leben sticken, doch den kurzen einer empfindsamen Liebe nicht weg: sie werden ohnehin zu bald, zu bald geweckt, und ich und du schläfern sie mit allen unsern Schriften nicht wieder ein! Siebenkäs schrieb an demselben Tage dem Schulrat kurz und eilig zurück: es sei ihm recht lieb, dass er sich an das Testament und an