und auf seinen guten Heinrich fiel in Nataliens Augen ein schräges, gelbes Licht, zumal da sie Über die Grossmut seiner Zwecke und Lügen keinen Aufschluss hatte. Gleichwohl litt sein Herz auf dem unsichern Wege der Wahrheit am wenigsten; und er beharrte endlich auf diesem Entschluss.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Nachrichten aus Kuhschnappel – Antiklimax der
Mädchen –
Eröffnung der sieben Siegel
Das setzet mich eben oft ausser mir, dass wir, wenn wir immerhin einen von der Tugend auf uns ausgestellten Wechsel annehmen und honorieren, ihn doch erst nach so vielen Doppel-Usos und so vielen Respekttagen auszahlen, indes der Teufel wie Konstantinopel von keinen wissen will. Firmian machte keine andern Einreden mehr als verzögerliche: er schob bloss seine beichte auf und dachte, da Apollo der schönste Tröster (Paraklet) der Menschen ist, und da Natalie dem Basilisk des Grams sein eigenes Bild im Spiegel der Dichtkunst gewiesen, so werde er an seinem Bildnis umkommen. So werden alle tugendhafte Bewegungen in uns durch die Reibungen der Triebe und der Zeit entkräftet. – –
Ein einziger neuer Brief schob alle Wände seines Teaters wieder durcheinander. Er kam vom Schulrat Stiefel.
Hoch-Edelgeborner,
Insonders hochzuehrender Herr Inspektor!
Ew. Hoch-Edelgeboren erinnern sich noch mehr als zu gut der testamentarischen Verfügung, die unser beiderseitiger Freund, der sel. Hr. Armenadvokat Siebenkäs, getroffen, dass nämlich Hr. Heimlicher v. Blaise seine Pupillengelder auszahlen solle – und zwar, wie bekannt, an Dero werte person, die solche wieder an die Witib zu extradieren habe –, widrigenfalls wolle Testator als Gespenst auftreten. Letztem sei, wie ihm wolle: so viel ist stadtkundig, dass allerdings seit einigen Wochen ein Gespenst in Gestalt unsers sel. Freundes dem Hrn. Heimlicher überall nachgesetzt hat, der darüber so bettlägerig geworden, dass er das heilige Abendmahl genommen und den Entschluss gefasst, besagte Gelder wirklich herauszugeben. Nun frag' ich hier an, ob Sie solche vorher haben wollen, oder ob solche, wie fast natürlicher, sofort der hinterlassenen Witwe einzubändigen sind. Noch hab' ich anzumerken, dass ich letztere, nämlich die gewesene Frau Siebenkäs, wirklich – nach dem Willen des Erblassers – seit geraumer Zeit geheiratet habe, wie sie denn jetzt gesegneten Leibes ist. Sie ist eine treffliche Haus- und Ehefrau; wir leben in Ruhe und Einigkeit; sie ist gar keine Taläa173 und sie liesse ihr Leben so freudig für ihren Mann, wie er für sie – und ich wünsche oft nichts, als dass mein Vormann, ihr guter, unvergesslicher erster Eheherr, Siebenkäs, der zuweilen seine kleinen Launen hatte, ein Zuschauer des Wohlbefindens sein könnte, worin gegenwärtig seine teuere Lenette schwimmt. Sie beweint ihn jeden Sonntag, wo sie vor dem Gottesacker vorübergeht; doch bekennt sie auch, dass sie es jetzt besser habe. Leider muss ich erst so spät von meiner Frau vernehmen, in welchen erbärmlichen Umständen sich der Selige mit seinem Beutel befunden; wie würde ich sonst ihm und seiner Gattin unter die arme gegriffen haben, wie es einem Christen gebührt! – Wenn der Selige, der jetzt mehr hat als wir alle, in seinem Glanze herabsehen kann auf uns: so wird er mir gewiss verzeihen. – Ich halte ergebenst um eine baldige Antwort an. Ein Grund der Herausgabe der vormundschaftlichen Gelder möchte dies mit sein, dass Hr. Heimlicher, der im Ganzen ein rechtschaffener Mann ist, nun nicht mehr vom Hrn. von Meiern verhetzet wird; beide haben sich nun stadtkundig ganz miteinander überworfen, und letzter hat sich in Baireut von fünf Verlobten losgemacht und tritt gegenwärtig mit einer Kuhschnapplerin in den Stand der hl. Ehe.
Meine Frau ist ihm so gram, als es die christliche Liebe nur erlaubt, und sie sagt, wenn er ihr begegne, sei ihr wie einem Jäger, dem am Morgen eine alte Frau in den Weg tritt. Denn er habe zu manchem unnützen Verdrusse mit ihrem mann geholfen; und sie erzählt mir oft mit Vergnügen davon, wie hübsch Sie, hochgeehrtester Hr. Inspektor, manchmal diesen gefährlichen Menschen abgekappt. In mein Haus wagt er jedoch keinen einen Tritt. Für heute verspare ich noch eine ausführlichere Bitte, ob Sie nicht die noch erledigte Stelle des Verstorbnen in dem Götterboten deutscher Programme – welcher, darf ich sagen, in den Gymnasien und Lyzeen von Schwaben bis Nürnberg, Baireut und Hof mit Beifall gehalten wird – als Mitarbeiter besetzen wollten. An elenden Programmensudlern ist eher Überfluss als Mangel – und Sie sind daher (lassen Sie sich dies ohne Schmeichelei sagen) ganz der Mann dazu, der die satirische Geissel über dergleichen Froschlaich in den kastalischen Quellen zu schwingen wissen würde, wie wahrlich nur wenige. Jedoch künftig mehr! Auch meine gute Frau schliesset hier die herzlichsten Grüsse an den hochgeehrten Freund ihres sel. Mannes bei; und ich selber verharre unter der Hoffnung baldiger Bittegewähr
Ew. Hochwohlgeboren
ergebenster
S. R. Stiefel,
Schulrat.
Das Menschenherz wird durch grosse Schmerzen gegen das Gefühl der kleinen gedeckt, durch den Wasserfall gegen den Regen174. Firmian vergass alles, um sich zu erinnern, um zu leiden, um sich zuzurufen: "So hab' ich dich ganz verloren, auf ewig – O du warest allemal gut, nur ich nicht – Sei glücklicher als dein einsamer Freund, den du mit Recht jeden Sonntag beweinest." – Er warf auf seine satirischen Launen jetzt alle Schuld seiner vorigen Eheprozesse und schrieb seiner eignen unfreundlichen Witterung den Misswachs an Freuden zu.
Aber er tat sich jetzt