1796_Jean_Paul_051_197.txt

selber nach seinem Wohnort reisen und mir Reliquien für meine Seele sammeln; wiewohl ich für nichts stehe, wenn Sie schweigen. Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrer neuen Stelle; und ich hoffe, es einmal mündlich tun zu können, mein Inneres heilet doch so einmal zusammen, dass ich meine geliebte Freundin bei ihrem Vater aufsuchen und Sie erblicken kann, ohne zu sterben vor Schmerz über die Ähnlichkeiten, die Sie mit Ihrem nun unähnlichen, versenkten Geliebten haben.

*

Das schöne Gedicht, das in englischen Versen war, wag' ich so zu übersetzen:

Mein Neujahrwunsch an mich selber

Das neue Jahr öffnet seine Pforte: das Schicksal steht zwischen brennenden Morgenwolken und der Sonne auf dem Aschenhügel des zusammengesunknen Jahrs und teilt die Tage aus: um was bittest du, Natalie?

Um keine Freudenach alle, die in meinem Herzen waren, haben nichts darin zurückgelassen als schwarze Dornen, und ihr Rosenduft war bald zerlaufenneben dem Sonnenblick wächst die schwere Gewitterwolke, und wenn es um uns glänzt, so bewegt sich nur das wiederscheinende Schwert, das der künftige Tag gegen den freudigen Busen zieht. – – Nein, ich bitte' um keine Freuden, sie machen das durstige Herz so leer, nur der Kummer macht es voll.

Das Schicksal teilet die Zukunft aus: was wünschest du, Natalie?

Keine Liebe – O wer die stechende weisse Rose der Liebe an das Herz drücket, dem blutet es, und die warme Freudenzähre, die in ihren Rosenkelch tropfet, wird früh kalt und dann trockenam Morgen des Lebens hängt die Liebe blühend und glänzend als eine grosse rosenrote Aurora im Himmel – o, tritt nicht in die glimmende Wolke, sie besteht aus Nebel und TränenNein, nein, wünsche keine Liebe: stirb an schönern Schmerzen, erstarre unter einem erhabenern Giftbaum, als die kleine Myrte ist.

Du knieest vor dem Schicksal, Natalie: sag' ihm, was du wünschest!

Auch keine Freunde mehrneinwir stehen alle auf ausgehöhlten Gräbern nebeneinanderund wenn wir nun einander so herzlich an den Händen gehalten und so lange miteinander gelitten haben: so bricht der leere Hügel des Freundes ein, und der Erbleichende rollt hinab, und ich stehe mit dem kalten Leben einsam neben der gefüllten Höhle – – Nein, nein; aber dann, wenn das Herz unsterblich ist, wenn einst die Freunde auf der ewigen Welt beisammen stehen, dann schlage wärmer die festere Brust, dann weine froher das unvergängliche Auge, und der Mund, der nicht mehr erblassen kann, stammele: nun komm' zu mir, geliebte Seele, heute wollen wir uns lieben, denn nun werden wir nicht mehr getrennt.

O du verlassene Natalie, um was bittest du denn auf der Erde?

Um Geduld und um das Grab, um mehr nicht. Aber das versage nicht, du schweigendes Geschick! Trockne das Auge, dann schliess es! Stille das Herz, und dann brich es! – Ja, einstmals, wann der Geist in einem schönern Himmel seine Flügel hebt, wann das neue Jahr in einer reinern Welt anbricht, und wann alles sich wiedersieht und wiederliebt: dann bring' ich meine Wünsche.... Und für mich keinedenn ich würde schon zu glücklich sein...

*

Mit welcher Sprache könnt' ich die innere Sprachlosigkeit und die Erstarrung ihres Freundes zeichnen, da er das Blatt gelesen hatte und immer noch behielt und anblickte, ob er gleich nichts mehr sehen und denken konnte. – O die Eisschollen des Gletschers des Todes wuchsen immer weiter und füllten ein warmes Tempe nach dem andernder einsame Firmian hing durch kein anderes Band mehr mit den Menschen zusammen als durch das Seil, das die Totenglocke und den Sarg bewegtund sein Bette war ihm nur eine breitere Bahreund jede Freude schien ihm ein Diebstahl an einem fremden entblätterten Herzen. – Und so wurde der Stamm seines Lebens, wie mancher Blumen ihrer171, immer tiefer hinabgezogen, und der Gipfel wurde zur verborgnen Wurzel. – –

Überall war der Abgrund einer Schwierigkeit offen und jedes Tun so misslich wie jedes Unterlassen. Ich will die Schwierigkeiten oder Entschlüsse in der Reihe, wie sie durch seine Seele zogen, vor die Leser bringen. Im Menschen fliegt der Teufel allemal früher auf als der Engel, der schlimme Vorsatz eher als der gute172: sein erster war nicht moralisch, der nämlich, Natalien zu antworten und zu erzählen, d.h. vorzulügen. Der Mensch findet den Trauerrock sowohl schön, wenn man ihn für ihn anlegt, als warm, wenn er ihn für andere umtut. "Aber ich löse ihr schönes Herz (sagt seines) mit einer fortgesetzten Wunde und Lüge in einen neuen Kummer auf: ach, nicht einmal mein wahrer Tod wäre einer solchen Trauer wert. – Ich schweige also gar." – Aber dann musste sie denken, Heinrich zürne, auch dieser Freund sei eingebüsset; ja sie konnte dann nach dem Reichsmarktflecken reisen und vor seinen Grabstein treten und diesen als eine neue Bürde auf die gebückte, zitternde Seele laden. Beide Fälle teilten noch die dritte Gefahr, dass sie nach Vaduz hinkomme, und dass er dann die schriftlichen Lügen, die er sich ersparet, in mündliche verwandeln müsse. Noch ein Ausweg lief vor ihm hinauf, der tugendhafteste, aber der steilsteer konnte ihr die Wahrheit sagen. Aber mit welcher Gefahr aller seiner Verhältnisse war dieses Bekenntnis verknüpft, wenn auch Natalie schwieg